An Tagen wie diesen

aus “Zurückgespult – Analoggeschichten in Stereo”

von Martin Sieper

„Telefonieren im Auto ist voll einfach. Du musst nur dein Handy mit dem Blueberry verbinden.“
Oma lacht und rutscht unruhig auf dem Rücksitz hin und her.
„Ähm. Du meinst Bluetooth, oder?“ frage ich.
„Quatsch! Samsung Iphone!“ Jetzt bin ich verwirrt. Meine Großeltern halten nicht sehr viel von moderner Technik. Letztes Jahr haben wir ihnen zu Weihnachten einen EDV Kurs an der VHS geschenkt. Seit dem ist Oppa der festen Überzeugung, dass man mit Windows Vista den Krieg definitiv auch verloren hätte. Das geht schon so weit, dass er uns glaubhaft machen wollte aus seinem Weltenempfänger Klopfbotschaften des russischen Geheimdienstes zu empfangen, bis mein Bruder ihn darauf hingewiesen hatte, dass er Dubstep auf Sunshine Live höre.
Oppa hat Oma zum Valentinstag einen Ausflug zum Veteranentreffen nach Kleinlinden geschenkt. Natürlich hätte es eine Blume auch getan, aber mein Großvater ist der Auffassung, dass ein Garten genug der Romantik ist.
Da er mittlerweile eingesehen hat, dass er mit Rücksicht auf seine schlechten Dioptrinwerte kein Auto mehr fahren sollte, fahre ich. Wir haben eigentlich immer auf den Tag gewartet, an dem Oppa die Sonnenstrahlen in seinen Prismengläsern bündeln und andere Verkehrsteilnehmer ganz aus Versehen durch bloßen Blickkontakt zerstören würde.
Veteranenzusammenkünfte sind so ein klein wenig wie die Opel GT Treffen der Kriegsgeneration. Nur, dass man sich nicht auf irgendeinem abgeschiedenen Weiher in der Uckermark trifft, sondern im „Gasthof zur deutschen Eiche“ und sich das Tuning auf Hüften, Prothesen und sonstige lebenserhaltende Maßnahmen beschränkte.
„Ich mach jetzt übrigens auch dieses Yoga“, unterbricht Oma meine Gedanken. Sie versucht ihre Beine in eine Art schneidersitzähnliche Haltung zu bringen und streckt ihre Arme sonnengrußmäßig in die Höhe.
Opa winkt genervt ab. Er hält nichts von all dem neumodischen Quatsch. Er ist der strengen Auffassung, dass Yoga auch nur Zirkeltraining auf indisch sei.

Mein ehemaliger Mitbewohner sitzt schmunzelnd auf der Rückbank und liest „Das Kapital“ von Karl Marx. Ich habe Boris gebeten mich auf dem Trip in die Vergangenheit zu begleiten. Nicht zu Letzt, weil ich beim letzten Mal fast mit der Tochter des ehemaligen Kompanieführers zwangsverheiratet wurde. Sicher ist sicher.
Im Radio läuft ein Hit-Medley von Peter Alexander. Er singt von Heimat, Tradition und Liebe. Ich bemerke wie Boris heimlich mit seinem Zeige,- und Mittelfinger einen Bart an der Oberlippe andeutet.
„Dieser David Guetta spielt wirklich wunderschön Geige, aber er läuft rum wie ein Penner!“ sagt Oma.
„Du meinst David Garrett, oder?“ frage ich.
„Na der mit der Geige.“
„Das ist doch der Rieu!“ sagt Oppa.
„Quatsch, Walter. Der Rieu spielt Trompete!“
„Der Mross spielt Trompete!“ erwidert Opa.
„Das ist doch der schwule, oder?“
„Das ist der Lindner!.“
„Du meinst David Garrett“, sage ich. „Der andere macht Elektro auf Ibiza.“
„Naja, im Suff spielt die Optik ja eh keine Rolle. Hihi. Nicht wahr, Walter?“
Oppa schweigt und kramt einen Underberg aus dem Handschuhfach. Meine Großeltern sind der Meinung, dass Schnaps das effektivste Mittel gegen überhöhten Blutdruck sei. Oder ein Kühlschrank voller Piccolos.
Der Gasthof zur deutschen Eiche ist ein rustikales, etwas in die Jahre gekommenes Fachwerkaus, welches den Krieg im Gegensatz zu seinen Insassen ohne bleibende Schäden überstanden hat. Es wirkt sowohl von innen als auch außen so altbacken, dass man davon ausgehen konnte, dass die gesamte Belegschaft jeden Morgen noch dem Kaiser salutierte.
„Walter, Kamerad, schön dich wieder zu sehen!“ Ein etwas in die Jahre gekommener Herr mit beiger Jacke, beiger Hose, beigen Schuhen und Hut umarmt meinen Großvater.
von Martin Sieper

„Dann muss das wohl dein Nachkomme sein!“ Er lächelt und klopft Boris auf die Schultern. Ich möchte intervenieren, komme aber nicht dazu.
„Melde mich zurück, Genosse!“ Mein Mitbewohner hatte eindeutig zu viel Marx gelesen. Günther schaut irritiert.
„Das ist mein Mitbewohner“, sage ich. Boris lächelt und wirft mir einen Handkuss zu. Günther bleibt skeptisch.
Nach einer einstündigen Begrüßungszeremonie, mit mehreren Reden und Militärmärschen, dürfen wir uns endlich dem Buffet widmen.
„Also im Sportpalast wäre der Typ gefloppt“, sagt Boris. „Der Spannungsbogen war in etwa so interessant wie eine Kate Saunders Romanze.“ Mein Mitbewohner steht auf und holt Luft. Noch bevor ich ihm elegant unterm Tisch einen Tritt gegen das Schienbein verpassen kann, legt er los.
„Liebe Genossinnen, liebe Genossen“. Stille.
„Ich freue mich, dass sich heute so viele unerbittliche Kämpfer für das durch Zufall und kulturellen Wandel entstandene, geografisch abgegrenzte, im „Prollmund“ auch „Schlaaand“ genannten Gebiet, an diesem Ort versammelt haben, um den Opfern zu gedenken, die im Kampf gegen „die da oben“ ihr Leben gelassen haben.“ Zustimmendes Nicken aus den hinteren Reihen. Oppa schüttelt den Kopf.
„Jawoll! Die spinnen, die da oben!“ murmelt ein älterer Herr in beiger Hose, beiger Jacke, beigen Schuhen und Hut. Alle erheben sich von ihren Sitzplätzen.
„Liebe Kameraden, eine Geschichte kann man zensieren, aber ihr Geist wieder weiter leben!“ Er erhebt die linke Faust in die Höhe. Mehrere Fingerknochen treffen auf die Tische und fügen sich zu einer Stammtischsymphonie zusammen.
„Auf den Kommunismus!“ Boris erhebt sein Glas. Stille. Günthers Gesicht erblasst. Opa verschluckt sich und sucht nach einem Underberg.
Aus einer Ecke des Raumes kommt ein paniertes Schnitzel geflogen und landet in Boris Gesicht. Mein Mitbewohner sieht ein, dass seine völlig sinnentleerten Aussagen an dieser Stelle nicht den gewünschten Effekt erzielten. Die ersten schnipsen nun den Pudding mit ihren Löffeln in unsere Richtung. Wir packen meine Großeltern und verlassen den Gasthof. Der pöbelnde Veteranen Mob folgt uns im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ein Hähnchen fliegt in unsere Richtung, aber wird in ninja-manier von Oppas Gehstock abgewehrt.
„War doch ein ganz netter Tag, oder?“ Boris lächelt zufrieden. Oma blickt aus dem Fenster. Opa sagt nichts. Ich schweige.


Über das Buch und den Autor:

Zurückgespult – Analoggeschichten in Stereo

Zurueckgesputl

»Jetzt isset soweit, Mutter, der Dicke liegt in den Tulpen.«

Martin Sieper spult zurück in die komische Kindheit eines Jungen, der Vorbild sein soll, Wischmopp wird und schon aus körperlichen Gründen alle Lebenshürden umrennt. Da helfen auch der Captain-Planet-Powerring und die Turtles nicht. Und das Tape läuft und spielt die Tracks des Lebens weiter: Schule, Uni, WG-Leben, Bewerbungsgespräche, Familientreffen und natürlich stets neue Hürden. Praktischerweise kümmert sich irgendwann Boris darum, diese umzurennen – der etwas seltsame Mitbewohner, der ungefähr eine Realität nebenan wohnt und fast(?) zu absurd ist, um wahr zu sein.

29 irrwitzige, von leuchtendroten Fäden durchwobene Kurzgeschichten auf einem Mixtape, das im Körper eines Buches geboren ist.

Und hier, beim Blaulicht Verlag, könnt ihr das Buch direkt bestellen.

Martin Sieper

Martin_Sieper

Martin Sieper ist Kind der 80er, Jugendlicher der 90er und das Beste von heute. Seit seinen ersten Stehversuchen auf einer kleinen Marburger Lesebühne vor dreißig nichtzahlenden, alkoholisierten Gästen, irgendwann 2009, hat er ein paar hundert Auftritte auf den Poetry-Slam- und Lesebühnen der Welt (und Bayerns) absolviert, diverse Meisterschafts-Vizetitel und einiges an Applaus geerntet. Inzwischen lebt er in Rosenheim und kämpft sich von dort durch den Bandsalat des Lebens.












































Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *