Wellen

von Marvin Ruppert

»›Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, als ich dich verlassen habe, das war so dumm von mir, bitte, nimm mich zurück und lass es mich wieder gut machen!‹, das müsste sie sagen!«, sage ich. Zu der Frau, die mir gegenübersitzt. Wir haben ein Date. Ihr Blick schwankt zwischen Hass und mehr Hass. Ob ich nur von meiner Ex-Freundin reden könne, fragt sie.
Weil ich zu schüchtern bin, um Menschen von mir aus anzusprechen, setze ich mich, seit ich verlassen wurde, täglich ein paar Stunden ans Ufercafé. Ich versuche dann, intelligent auszusehen indem ich Sartre lese und gucke abends, ob mich jemand bei »Spotted Philipps-Universität Marburg« sucht.
»Klar kann ich auch von was anderem reden«, sage ich. »Moment«, sage ich. Ich denke nach. Auf dem Tisch liegt Sartres »Die Wörter« zugeklappt mit Lesezeichen auf Seite 14. Ein braungebrannter Mann am Nebentisch zündet sich eine Zigarette an. Ein pubertierendes Pärchen in einem Ruderboot fährt vorbei. Bzw. versucht es, er rudert, das Boot dreht sich im Kreis, sie versucht sehr angestrengt, unsichtbar zu sein. Die Lahn schlägt Wellen. Ich mag Wellen. Eigentlich mag ich auch Berge. Weil Berge ja irgendwie auch nur sehr langsame Wellen sind. Damit kann ich mich identifizieren. Der Mann am Nebentisch trinkt einen Schluck aus seinem Bier und drückt die bis zum Filter aufgerauchte Zigarette aus. Die Frau gegenüber ist noch nicht gegangen. Ich versuche, von etwas anderem als meiner Ex-Freundin zu reden:
»Ich hab gestern was voll Seltsames geträumt«, sage ich, »pass auf. Ich bin zu Hause, also in meinem prä-Marburg-Zuhause, und sitze am Essenstisch mit meiner toten Ur-Oma, die schon seit fünfundzwanzig Jahren tot ist, und meiner Ex-Freundin, die noch keine fünfundzwanzig Jahre alt ist, stattdessen aber irgendwie noch meine Freundin.«
Der Blick der Frau gegenüber schwenkt von mehr Hass zu noch mehr Hass. Mir fallen meine eingeschränkten Fähigkeiten auf, nicht von meiner Ex-Freundin zu reden. Das kratzt an meinem Selbstbild, deshalb konzentriere ich mich auf meine Stärken: Zum Beispiel Dinge zu Ende bringen.
»Und meine Ex-Freundin«, fahre ich fort, »erzählt meiner toten Ur-Oma, die für ihren Lebensstatus erstaunlich aktiv zuhört, dass sie mit mir Schluss machen will, und zwar nicht weil sie sich langweilt, sondern weil ich sie langweile. Aber sie will die Beziehung nicht wegen sowas beenden sondern lieber fremdgehen, und da hat sie ›den Richtigen‹ bisher einfach noch nicht gefunden, ›aber pssst‹, sagt sie zu meiner toten Ur-Oma, ›Marvin darf das noch nicht wissen.‹ Und weil ich direkt daneben sitze sage ich ›Ich sitze direkt daneben‹, und sie sagt ›misch dich nicht immer überall ein‹ und sieht dabei unheimlich gut aus, und meine Ur-Oma guckt mich vorwurfsvoll an, obwohl sie gar keine Augen mehr hat, und ist auf einmal Steve Jobs.«
Die Frau gegenüber rammt mir einen Blick durch den Schädel und ich versuche, die Situation noch zu retten.
»Glaubst du, mein Unterbewusstsein wollte mir mit dem Traum sagen, dass ich mir ein iPad kaufen soll?«
Die Frau gegenüber schaut sich um und sucht wahrscheinlich nach Fassung. Statt Fassung kommt Christoph vorbei. Ich sage nett »Hallo« und stelle die Frau gegenüber vor: »Das hier ist übrigens«, sage ich, »ähm«, sage ich, »hm«, schließe ich ab.
Sie steht auf und geht. Christoph ruft tschüss, setzt sich auf ihren Platz und trinkt einen Schluck aus ihrem fast vollen Radler.

Es gibt da diesen Trick, den Namen einer Person eselsbrückenmäßig mit ihrer Augenfarbe zu verknüpfen. Das hat den Vorteil, dass man ihn sich besser merken kann und gleichzeitig wie ein besonders aufmerksamer Zuhörer scheint, selbst wenn man an Sex denkt, während die Person redet, oder an Wellen. Weil man ihr währenddessen in die Augen schaut.
Die Frau, die mir am nächsten Tag am Ufercafé gegenüber sitzt, trägt eine dunkle Sonnenbrille. Ich gucke ihr aus Versehen kurz in den Ausschnitt, weil ich verwechsle, wer von uns die Sonnenbrille trägt, sie bemerkt’s und ich fühle mich schlecht.
Die Frau, die mir gegenüber sitzt, ist die gleiche wie gestern. Nein, sogar die selbe. Wobei ich nicht weiß, ob bei Menschen die Unterscheidung zwischen »Gleiche« und »Selbe« überhaupt Sinn macht. Wobei ich nicht weiß, ob man »Sinn machen« inzwischen korrekterweise sagen darf, eigentlich ja nicht, aber die Sprache ist ja im Fluss, aber ich verliere mich. Die Frau gegenüber gibt mir jedenfalls eine zweite Chance. Bedingung 1: Ich höre auf, von meiner Ex-Freundin zu reden. Bedingung 2: Ich merke mir ihren Namen.
Sie trägt also Sonnenbrille und erzählt – was schon mal gut ist, weil wenn sie erzählt, erzähle ich nicht, was die Chancen drastisch erhöht, dass ich Bedingung 1 erfülle – dass es zu viele Erpel in Marburg gibt, fünf Erpel auf eine Ente, im wahrsten Sinne des Wortes, Entenvergewaltigungen und überhaupt, und ich versuche, durch ihre kaum transparenten Sonnenbrillengläser ihre Augenfarbe zu erahnen, um die Eselsbrücke zu bauen. Das ist nicht leicht, man sieht ihre Augen zwar, aber nicht so detailliert, dass man beispielsweise Pupille und Iris unterscheiden könnte. Was ja vielleicht wieder bedeutet, dass sie keine helle Irisfarbe hat, weil dann könnte man das ja vielleicht sehen.
»Es müsste Krieg geben«, sagt sie unterdessen, »Krieg ist das perfekte Mittel, um das Geschlechterverhältnis zu regulieren. Vielleicht ist der Erpel-Überschuss aber auch einfach ein Gegengewicht zum Frauen-Überschuss in Marburg«, sagt sie, ›und vielleicht‹, denke ich, ›ist der Frauen-Überschuss in Marburg auch der Grund, warum ich heute nicht einem leeren Stuhl gegenübersitze.‹
Ich rücke näher und versuche, durch die Brillengläser die Irisfarbe zu erahnen, sie redet weiter, viel und schnell. Vielleicht werfen die Sonnenbrillengläser aber auch einen so dunklen Schatten, dass sich die Pupille so sehr weitet, dass von der Iris überhaupt nichts mehr übrig ist, wo man eine Farbe erahnen kann, die man dann eselsbrückenmäßig mit dem Namen verknüpfen kann. Warum heißt es eigentlich nicht Entenbrücke. Oder Erpelbrücke, dann hätten die Erpel was zu tun und müssten nicht die ganze Zeit Enten begatten. Vielleicht weil Erpel und Enten keine Brücken brauchen, weil sie schwimmen und fliegen können, und jetzt verliere ich mich gleichzeitig in Gedanken und im Ausschnitt der Frau gegenüber.
»Sachma, geht’s noch!?«, fragt sie, steht auf und nimmt die Sonnenbrille ab. Sie hat braune Augen.
»Och ja«, sage ich, »eigentlich schon, nett dass du fragst …«
Sie schüttet mir ihr fast volles Radler ins Gesicht und verschwindet gerade in dem Moment, als Christoph wieder vorbei kommt.
»Das war«, sage ich, »ähm«, sage ich, »hm«, schließe ich ab. »Sie hat braune Augen.«
»Iris«, sagt Christoph. »Das war Iris. Wollte ich dir gestern schon sagen.«

Meine Texte sind oft wie meine Beziehungen. Schöner Anfang, hässlicher Schluss. Deshalb beende ich diese Geschichte mit einem Anfang:
Ich sitze unter der aufgespannten Plane am Ufercafé und es gewittert. Ich mag Küssen bei Gewitter, aber es ist niemand hier für diesen Zweck. Ich lese zum dritten Mal seit ich hier bin Seite 14 in Sartres »Die Wörter«, zum dritten Mal seit ich hier bin weiß ich am Ende der Seite nicht mehr, was ich gerade gelesen habe. Am Nebentisch spielt eine schöne Frau Gitarre und lässt sich vom Regenprasseln begleiten, noch einen Tisch weiter spricht ein braungebrannter Mann französisch, aber das hat nichts zu bedeuten. Meine Gedanken kreisen wild um nichts Bestimmtes. Der Wind wird stärker und ich spüre Regentropfen an meinen Unterschenkeln, die von der kurzen Hose nicht bedeckt sind. Die Lahn schlägt Wellen.
»Ich mag Wellen«, sagt die Gitarrenfrau in meine Richtung und zupft irgendwas »Stairway to Heaven«-Ähnliches.
»Ich auch«, sage ich.

Über den Autor:

Marvin Ruppert

Marvin_Ruppert

Der Protagonist in vielen Geschichten von Marvin Ruppert lebt in Marburg, organisiert dort die Lesebühne »Late-Night-Lesen«, kann stricken und schwedisch sprechen und ist ein paar Mal hessischer Poetry Slam Meister geworden. Manchmal haben diese Geschichten autobiografische Elemente.
Einige davon sind übrigens kürzlich in einem Buch erschienen, es heißt »Ich mag Regen« und kann auf www.marvinruppert.de bestellt werden.

















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