(Trug)Bilder

von Jonas Paulus

Ich mag den alten Seemann. Er hat mir immer von seinen Reisen erzählt.
Wie er die Pinguine traf und mit den Gazellen gelaufen ist.
Er sagt, dass er jedes Land gesehen hat. Dass es keinen Flecken auf der Erde gibt, den er nicht kennt.
Als ich klein war haben wir immer ein Spiel gespielt. Dann lag ich auf dem Boden vor seinem riesigen Sessel. Den Geruch von altem Leder und muffigem Teppich habe ich heute noch in der Nase.
„Sag mir ein Land.“ forderte er mich auf und ich antwortete jedes mal: „Egal welches?“
„Egal welches, irgendeins.“
Damals war es nicht schwer für ihn. Mein Horizont reichte gerade bis nach Frankreich, ganz vielleicht noch Amerika.
Dann erzählte er mir, was er in dem Land erlebt hatte. Egal welches Land ich nannte, er konnte mir immer etwas spannendes erzählen.
Als ich in die Schule kam, wurde es schwieriger für ihn. Als ich meinen ersten Atlas bekam, versuchte ich alle Länder auswendig zu lernen. Ich wollte unbedingt ein Land finden, das er nicht bereist hatte. Aber jedes Mal konnte er mir etwas aus dem Land erzählen.
Als ich älter wurde, besuchte ich den Seemann nicht mehr so oft.
Andere Dinge wurden wichtiger. Mit den Freunden die Nachbarschaft unsicher machen und andere Dinge. Noch später verließ ich die Stadt um woanders zu studieren.
Vor ein paar Wochen erhielt ich einen Brief, dass der alte Seemann gestorben sei. Da erinnerte ich mich wieder an seine Geschichten.
Ich ging zu seiner Beerdigung und dort traf ich seine Frau, die sich freute mich wiederzusehen.
Sie erzählte mir, wie sie uns beide immer beobachtet hatte. Ich auf dem Boden liegend und der alte Seemann in seinem Sessel.
Wir kamen auf die Geschichten von seinen Reisen zu sprechen. Sie sagte, sie würde bis heute nicht verstehen wo er diese Geschichten immer her hatte, da er sein Leben lang in der gleichen Fabrik gearbeitet hätte. Nicht ein einziges Mal sei er aus seinem Land raus gekommen.
In dem Moment schaute sie mich etwas erschrocken an. Ob ich das gewusst hätte, fragte sie mich.
Ja ich hatte es gewusst, denn der Seemann hatte mich schon vor langer Zeit aufgeklärt.
Damals war ich zu ihm gekommen um mich zu verabschieden. Es war an der Zeit zu studieren.
Er sagte ich solle mich noch einmal vor seinen Sessel legen, so wie früher.
So lag ich als fast Erwachsener dort.
Er erzählte mir, wie er sein Leben lang an einer Maschine stand und immer den gleichen Knopf drücken musste. Während er da stand, hatte er angefangen sich in andere Länder zu träumen. Jeden Tag ein neues Land. Er hatte sich ausgemalt, wie er mit den Einheimischen essen würde und wie er wilde Tiere beobachten würde.
Als eines Tages die Fabrik geschlossen wurde und er jeden Tag nur in seinem Sessel saß, hatte er angefangen sich an seine Reisen zurück zu erinnern. Da wurde ihm bewusst, das es vollkommen egal ist, ob man wirklich in einem Land war oder eben nur in seiner Fantasie.
Erinnerungen und Fantasie sind beides Gedanken, also Bilder im Kopf, sagte er.
Im Nachhinein besteht kein Unterschied zwischen den Bildern.
Ob ich ihn verstehen würde, fragte er mich. Ich verstand ihn.

Ob auch nur ein einziges Wort dieser Geschichte wahr ist? Wer weiß? Aber in meinem Kopf sind diese Bilder und ich sehe den alten Seemann da in seinem Sessel sitzen. Und da es Bilder gibt, gibt es auch Erinnerungen.



Über den Autor

Jonas Paulus

1983 in Bielefeld geboren
ausgebildeter Koch, studiert Wirtschaftspsychologie
schreibt Texte über das Kochen und persönliche Erlebnisse, sowie Fantasiegeschichten











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