Trautwein

von Sophie Weigand

„Was ist das? Was-ist-das ?“, murmelte eine Stimme in die wohlige Dunkelheit einer muffigen 1-Zimmer-Wohnung.
Richard Trautwein saß, zusammengesunken und ungewaschen, in den Polstern eines antiken Ledersofas, als er draußen die Schüsse hörte. Sicherlich hätte er aufstehen und nachsehen können, wer oder was diese Geräusche verursachte. Er hätte, als verantwortungsvoller Bürger dieses Staates in die Höhe schnellen können wie ein Kinderspielzeug, das Fensterbrett von dem Urwald heimischer Zimmerpflanzen befreien und das doppelverglaste Fenster öffnen können. Stattdessen tat er nichts. Die Schüsse verstummten schnell und sein Interesse galt nunmehr der noch unberührten Flasche Rotwein, die vor ihm auf dem Tisch stand. Sie stammte aus einem dieser Billigmärkte ein paar Straßen weiter, in denen er regelmäßig und unter polizeilicher Aufsicht das Nötigste besorgen konnte. Er bohrte den Korkenzieher in den weichen Kork. Lag er am Anfang noch mittig, spürte Trautwein nun, wie er immer weiter nach rechts driftete, um letztlich, als er den Korken aus der Flasche befreit hatte, aus selbigem herauszuragen wie eine Waffe. Er hatte den Korken erstochen und sein Wein war in Lebensgefahr. Hatte er sich zuvor nicht einmal dazu überreden können, den Kopf in Richtung Fenster zu drehen, sprang er nun hektisch von der Sitzgarnitur und goss den Wein durch ein feines Sieb, die störenden Partikel ausfilternd. Winzige Korkstückchen verfingen sich in der engmaschigen Struktur des Siebs. Der Wein war gerettet. Da er es bisher nicht für nötig gehalten hatte, langstielige und dekadente Weingläser anzuschaffen, goss er die dunkelrote Flüssigkeit in einen Plastikbecher. Volksfestatmosphäre inmitten einer 25 m² großen Wohnung. Er lächelte in sich hinein. Es klingelte.
„Herr Trautwein, bitte öffnen Sie die Tür!“
Er schlurfte über den alten Teppich, der bereits in der Wohnung gelegen hatte, als er, im wahrsten Sinne des Wortes in sie hineingezogen worden war. Er hinterließ eine Spur in den Teppichfasern.
„Ja, bitte?“
Die Jogginghose Trautweins war gefährlich abgesunken und obwohl er sich bisher nicht etwa reichlich an seinem geretteten Rotwein gütlich getan hatte, verströmte er einen sehr intensiven Geruch.
Er räusperte sich vernehmlich, ohne dadurch tatsächlich zu mehr Stimmgewalt zu gelangen.
„Herbert Gerkens. Ich komme von der örtlichen Polizeidienststelle. Es…“, er unterbrach sich und starrte für einen Augenblick die ausgezehrte Gestalt an, die im Türrahmen stand und einen Plastikbecher umklammert hielt.
„Darf ich reinkommen?“
Trautwein nickte. Eigentlich war es ihm vollkommen gleichgültig, ob dieser Herr Gerkens sein Teppichmuster wieder geradeschlurfte. Die Außenwelt interessierte ihn seit seiner Entlassung zusehends weniger, sie rauschte an ihm vorbei wie eine Montage aus einem Sportfilm der 80er-Jahre. Viele Bilder und Geräusche, die man nicht festhalten konnte. Informationsinkontinenz.
Wieder räusperte er sich. Er hatte schon seit geraumer Zeit nicht mehr das Wort an jemanden gerichtet.
„Nehmen Sie doch auf dem Sofa Platz.“
Gerkens warf einen flüchtigen Blick auf das Polster, abgescheuertes Leder, das seinen Glanz schon vor Jahrzehnten verloren haben musste. Er nickte dankend und setzte sich. Trautwein, unschlüssig, was er nun sagen und wie er auf den Besucher reagieren sollte, starrte auf die Weinflasche vor ihnen.
„Wollen Sie vielleicht einen Schluck? Es ist nichts Besonderes, aber was Besseres kann ich mir nicht leisten.“
Er erlaubte sich ein schiefes Grinsen.
„Danke nein, um diese Uhrzeit trinke ich nicht.“
„Hm.“ Trautwein nickte und warf, irgendetwas zwischen peinlich berührt und irritiert, einen Blick auf die alte Standuhr gegenüber der Sitzgarnitur. Seine Wohnung erweckte den Eindruck eines Museums. Viele Jahre der Geschichte ruhten unangetastet in seinen vier Wänden. Seine Einrichtung hatte er günstig im Rahmen von Haushaltsauflösungen erworben, sie war ein Sammelsurium verschiedenster Leidenschaften und Lebensläufe. So prangte in seinem schmalen Flur ein SPD-Plakat der frühen 20er-Jahre, in seinem Wohnzimmer hingegen ein heimeliges Alpenpanorama. Das Gefühl, einfach nur irgendjemand in einem langen Ablauf von Zeit zu sein, nur ein Rädchen im Zuge fortschreitender Veränderung, war hier, in Trautweins Wohnung, beinahe mit Händen zu greifen. Man atmete seine eigene Bedeutungslosigkeit.
„Eigentlich bin ich gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Beschwerden über Sie vorliegen.“
„Achso.“
Die Uhr tickte.
„Sie sollen die Kinder aus dem zweiten Stock angestarrt und ihnen nachgestellt haben.“
„Die haben Kinder da oben?“
Trautwein war ehrlich überrascht. War ihm doch seit seinem Einzug hier keiner der Mieter wirklich offen begegnet. Manchmal hatte er nahezu das Gefühl, in einem verlassenen Haus zu wohnen, in dem die Klingelschilder und Schuhe vor den Wohnungstüren nur Attrappen waren, um ihn in Sicherheit zu wiegen und ein Mindestmaß an Alltag vorzugaukeln, wo keines war. Gelegentlich fand er Drohbriefe vor seiner Tür oder in seinem Briefkasten. Aber Kinder? Die hatte er nie wahrgenommen, geschweige denn angestarrt.
„Sie sind sich doch im Klaren darüber, dass wir diesen Anschuldigungen nachgehen müssen?“, Gerkens versuchte trotz aller Dramatik in seiner Stimme eine Spur von Mitgefühl in seinen Blick zu legen, mit dem er Trautwein unangenehm taxierte.
„Jaja, natürlich.. natürlich.“
Er war zu müde, um zu kämpfen, sich gegen ständige Denunziationen und Lügengeschichten zur Wehr zu setzen. Irgendwann in seinem Leben hatte er seine Glaubwürdigkeit verloren. Verwirkt, würden einige vielleicht sogar sagen. Leichtfertig verspielt wie ein unerhörtes Vermögen in der Wüste Nevadas. Egal, was er sagte, es würde niemals mehr Gewicht haben als eine Feder, die von jedem daherkommenden Windzug trotzig von hier nach dort getragen wird. Gerkens, der wohl eine Stellungnahme oder ein cholerisches Aufbrausen seines Gesprächspartners erwartet hatte, zeigte sich ob der offen zur Schau getragenen Schicksalsergebenheit in einem Spiel geschlagen, das gar nicht so recht ins Rollen gekommen war.
„Wir werden Sie ab jetzt in kürzeren Intervallen besuchen, sollten Sie sich aus Ihrer Wohnung entfernen wollen, müssen sie zuerst in Lauerhof eine Genehmigung dafür einholen. Wir stehen mit ihren Betreuern in ständiger Verbindung.“
Als würde Trautwein allen Ernstes mit dem Gedanken spielen, sich aus seinem Museum hinaus in die Welt zu bewegen. Was wartete dort schon auf ihn? Fast wäre er lieber nach Lauerhof zurückgekehrt, zurück in die Justizvollzugsanstalt der Hansestadt, die sämtliche Sicherheitsverwahrte des Landes beherbergte. Dort gab es in der Tat die Sicherheit, an der es außerhalb mangelte. Er musste das Wort Sicherheitsverwahrung neu überdenken.
Während er noch diesen Ideen nachhing, hatte Gerkens sich in nahezu militärischer Manier vom Sofa erhoben. Auf der Straße war wieder Ruhe eingekehrt. Doch das war, wie Gerkens wusste, gewöhnlich nur von kurzer Dauer. In Trautweins Plastikbecher ertrank eine gewöhnliche Stubenfliege, unbeirrt und völlig lautlos.



Über die Autorin:

Sophie Weigand
Sophie Weigand

ist 23 Jahre alt und befindet sich momentan in einer Ausbildung zur Buchhändlerin

Lesen und Schreiben sind ihre Leidenschaften, schon seit sie denken kann

hat erfolgreich am Kurzgeschichtenwettbewerb von buchbesprechung.de teilgenommen, und dieses Jahr beim Schreibwettbewerb vom Verein keinVerlag e.V. den ersten Platz belegt

Auf ihrem Blog erfahrt Ihr mehr über Sophie Weigand.



















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