Regen

von Svenja Gräfen

Es regnet schon seit Tagen, aber heute ganz besonders stark. Als würde der Boden durstig danach verlangen, aber durstig auf eine Art, die nicht genug bekommen kann; so wie ein Trinker. Der Boden ist wie ein Trinker.
Sie geht neben ihm her, schaut auf ihre Schuhe, die hin und wieder von Regentropfen erwischt werden und sich dunkler färben. Ihre Hand klammert sich um den hölzernen Stab ihres Regenschirms, an ihre Schulter angelehnt; ihr Schirm ist wie ein Lautsprecher, der das Prasseln des Regens gleich an ihr Ohr heranführt.

Er geht neben ihr her, ein Stückchen Abstand haltend wegen des Regenschirms. Seine Kapuze ist vollkommen durchnässt, an seinem Gesicht laufen die Regentropfen entlang, als wäre es eine Fensterscheibe. Er schaut nach vorn; sieht die nassen, grauen Straßen, hört das zischende Plätschern, wenn ein Auto durch die Pfützen fährt, sieht Menschen mit ihren Regenschirmen, die Köpfe schützend nach unten gebeugt, die Gesichter versteckt.

Der Weg kommt ihnen beiden ungewöhnlich lang vor; als würden sie ewig durch den Regen laufen, ewig über den durstigen Boden, der ein Trinker ist. Ewig an grauen, faden Häuserwänden entlang und ewig nebeneinander her.

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