Der innere Matthias Sammer

von Christian Ritter

Zum ersten Mal meldete er sich, nachdem ich mein Abiturzeugnis überreicht bekommen hatte. Ich war richtiggehend in Feierlaune und mischte auf der anschließenden Party Asbach-Uralt mit Fassbier und White Russian, um gebührend auf die neue Freiheit, das ungezwungene Sein anzustoßen. Ich vollführte furiose Breakdance-Einlagen und steckte meine Zunge wahllos in Münder und andere Körperöffnungen meiner ehemaligen MitschülerInnen.
Da klopfte er von irgendwo innen in meinem Kopf an und sagte: „Nanana, noch ist gar nichts geschafft, das Schwerste liegt noch vor dir. Bleibe immer fokussiert, immer klar, verliere dich nicht, folge deinen Zielen, und hänge sie hoch!“

Ich tat dieses, sein erstes Aufbegehren als eine Form der Halluzination ab. Ich feierte weiter ungehemmt, steckte meine Zunge in Münder, Schnapsgläser und Steckdosen, womit ich mir immerhin zwanzig D-Mark verdiente. Das sind zehn Euro!

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Das Nerdperium schlägt zurück

von David Grashoff

„Du kannst mich schlagen, mich erniedrigen, aber meinen Stolz, den kannst du mir nicht nehmen!“, brüllte ich ihm ins Gesicht, kurz bevor er mich schlug, mich erniedrigte und mir meinen Stolz nahm.
Sein Name war Waldemar und er war eine unheilige Mischung aus einem Neandertaler und Charles Manson.
Die Schulzeit hatte mich gelehrt, was es bedeutete ein Opfer zu sein, lange bevor der Begriff zum geflügelten Wort der Generation Sprachlegasteniker wurde.
Es ging soweit, dass sich im Januar die Schulhof-Alpha-Tiere darum prügelten, wer mich für den Rest des Jahres tyrannisieren durfte. Meistens gewann Waldemar.
Ich hatte den Körperbau einer Gottesanbeterin und meine Akne war so ausgeprägt, dass mein Gesicht aussah, wie das zerbombte Dresden nach dem Luftangriff der Alliierten.
Außerdem war ich ein Nerd.

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Am heiligen Abend

von Martin Sieper

„Ja, du bist ja ein hübscher, ja, ja komm mal her, und wie groß du geworden bist.“
Mehrere schrumpelige Hände berührten mein Gesicht und petzten in meine Wange.
„Ich kannte dich noch als du soooo klein warst, erinnerst du dich noch? Erinnerst du dich noch?“
Natürlich konnte ich mich nicht erinnern, aber damit lag ich ja voll im Trend. Viele Menschen können sich irgendwann einfach nicht mehr erinnern: Helmut Kohl, Christoph Daum, katholischer Heimleiter…

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Kaffee zu Fuß

von Björn Benthack

Wer kennt es nicht? Es ist Montagmorgen, unendlich viele schlecht gelaunte und düster dreinblickende Menschen schieben sich in die U-Bahnen, stehen herum, blasen Trübsal, in der Hoffnung, dieser Tag möge doch schnell vorbeigehen. Am Ziel ihrer beschwerlichen Reise angekommen quälen sich die Massen missmutiger, von Kopf, Geist und Kreativität befreiter Körper wie leere Hüllen durch die hippe Hafencity auf dem Weg zu ihrem unglaublich modernen Arbeitsplatz. Der einzige Lichtblick dieser Ansammlung meist egozentrischer, aber dennoch auf Teamfähigkeit getrimmter, modisch stets bis in die letzte Haarspitze gelackter Individuen ist ein Getränk, das unsere Großeltern und alle Generationen zuvor schlicht und einfach als Kaffee bezeichnet haben.

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