Ella

von Ninia LaGrande

Jeden Morgen sieht die alte Frau Hohenheimer, wie Ella aus dem gegenüberliegenden Haus tritt und müde in den Laden von Herrn Türkmen stolpert, um danach mit einem Fladenbrot, irgendwelchem Obst und einem Kaffee im Pappbecher wieder ins Haus zu gehen. Und jeden Morgen fragt sich Frau Hohenheimer, ob die nette Ella denn keine Kaffeemaschine besitzt, dass sie immer diesen Kaffee aus dem Pappbecher trinken muss. Sie fragt sich auch, ob Ella jeden Tag ein ganzes Fladenbrot isst. Allein. Frau Hohenheimer stellt sich vor, wie Ella sich das ganze Fladenbrot zum Frühstück in den Mund schiebt und dann so aussieht, wie diese afrikanischen Frauen, die Frau Hohenheimer im Fernsehen gesehen hat. Fladenbrotlippe.

Ella hat einen Freund. Das weiß Frau Hohenheimer. Frau Hohenheimer weiß überhaupt ziemlich viel über ihre Nachbarn. Seitdem Herr Hohenheimer tot ist, sitzt sie fast nur am Fenster und beobachtet die Straße. Manchmal sagt sie, sie könne ein ganzes Buch darüber schreiben, was auf der Straße so passiert. Es könnte ein Kinderbuch sein, mit dem Kinder lernen, was auf einer Straße eben so passiert. Oder ein Krimi. Oder eine erotische Geschichte. Wenn Ella vergisst, die Vorhänge zu schließen. Das mit dem Buch erzählt sie dann immer ihrer Katze. Die sitzt neben Frau Hohenheimer, direkt auf dem Fensterbrett und heißt Anchovi, weil Frau Hohenheimer so gerne Anchovis mag.

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