Regen

von Svenja Gräfen

Es regnet schon seit Tagen, aber heute ganz besonders stark. Als würde der Boden durstig danach verlangen, aber durstig auf eine Art, die nicht genug bekommen kann; so wie ein Trinker. Der Boden ist wie ein Trinker.
Sie geht neben ihm her, schaut auf ihre Schuhe, die hin und wieder von Regentropfen erwischt werden und sich dunkler färben. Ihre Hand klammert sich um den hölzernen Stab ihres Regenschirms, an ihre Schulter angelehnt; ihr Schirm ist wie ein Lautsprecher, der das Prasseln des Regens gleich an ihr Ohr heranführt.

Er geht neben ihr her, ein Stückchen Abstand haltend wegen des Regenschirms. Seine Kapuze ist vollkommen durchnässt, an seinem Gesicht laufen die Regentropfen entlang, als wäre es eine Fensterscheibe. Er schaut nach vorn; sieht die nassen, grauen Straßen, hört das zischende Plätschern, wenn ein Auto durch die Pfützen fährt, sieht Menschen mit ihren Regenschirmen, die Köpfe schützend nach unten gebeugt, die Gesichter versteckt.

Der Weg kommt ihnen beiden ungewöhnlich lang vor; als würden sie ewig durch den Regen laufen, ewig über den durstigen Boden, der ein Trinker ist. Ewig an grauen, faden Häuserwänden entlang und ewig nebeneinander her.

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Drei Bilder

von Ralf Bruggmann

Ankommen
Sie knöpft mit leicht zitternden Fingern sein Hemd auf und spürt gleichzeitig die Wärme seiner Hände auf ihrer nackten Haut. Er öffnet den Verschluss ihres Büstenhalters und streift ihn ab, berührt mit seinen Lippen sanft ihre Brustwarzen, was sie kaum merklich zusammenzucken lässt. Nach einem kurzen Räuspern zieht sie ihn zu ihrem Bett, legt sich auf das Laken und schließt ihre Augen. Leicht wie Federn gleiten seine Fingerkuppen über ihren Körper, vom Hals über den Hohlraum zwischen ihren Brüsten bis zu ihrem Bauch. Als er den zarten Flaum in ihrem Schoss küsst und seinen Kopf zwischen ihre Beine bewegt, hebt sich ihr Becken, der Atem wird schneller.
Später liegen sie nebeneinander, während der Staub im fahlen Licht einiger Kerzen tanzt, und sie deutet auf ein Bild an der Wand. Es zeigt eine traumhafte Landschaft, einen kleinen See, die Oberfläche still und klar wie ein Spiegel, umringt von einem Wald, von der Abendsonne in warmes Orange getaucht. Dies sei der Ort, an dem sie ankommen wolle, der Ort, an dem sie sich selbst am nächsten sein könne, flüstert sie. Zumindest sei er dies bisher gewesen. Doch eigentlich sei sie bereits angekommen, hier und jetzt. Er schweigt, doch sie weiß, dass seine Mundwinkel sich recken, sie spürt sein Lächeln in ihrem Innersten.

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Der Sturm der Ruhe

von Ralf Bruggmann

Ein Hund bellt in der Ferne. Er klingt traurig, seltsam müde. Er klagt und klagt an, wen oder was auch immer. Vielleicht liegen seine Besitzer im Bett, trunken von billigem Bier und schlechtem Fernsehen, und all der Schmutz in ihrem Leben verstopft ihre Ohren, lässt sie taub werden und das Winseln ungehört verhallen. Vielleicht auch nicht. Es ist mir egal. Zwar ist das Bellen das einzige Geräusch, das in meine Stille schneidet, doch es bleibt außen vor, verliert sich in der Dunkelheit der Nacht, dringt nicht ein. In mir ist es ruhig. Im Moment.
Vor wenigen Stunden tobte dort ein Sturm. Womöglich ist dies eine übertrieben pathetische Umschreibung. Aufgewühlt wäre wohl ein treffenderes Wort. Aufgewühlt von einem Ereignis, das in Wortkleid gehüllt erschreckend banal wirkt. Aufgewühlt von einigen Sekunden, die Ewigkeiten dauerten und dennoch so flüchtig waren. Aufgewühlt von der Erkenntnis, wie nahe sich entgegengesetzte Pole zuweilen kommen können. Aufgewühlt vom Gefühl, unter der eigenen Haut völlig haltlos umhergeschleudert zu werden. Vielleicht ist der tobende Sturm doch passend.

***

Angefangen hatte der Abend mit einem unerbittlichen Kampf, meinem Kampf gegen die Schüchternheit, den ich schon so oft gefochten und noch nie aus eigener Kraft gewonnen hatte. Heute ging ich als Sieger hervor, dank der Unterstützung einer beträchtlichen Menge Wein – und dank ihr. Alisa.

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Pinguingedanken

von Mona Hauser

Der kleine Pinguin sah den Eisbären mit großen Augen an, der sich gerade an der Nase kratzte und an dem Pinguin vorbei auf den Boden starrte.
„Ich hab doch schon die ganze Zeit gesagt, dass ich nicht mit dir mitkommen kann. Das musst du doch endlich verstehen“, sagte er nach einer langen Stille.
In den Augen des kleinen Pinguins stieg das Wasser. Ganz und gar nichts verstand er. Da saß er neben seinem kleinen roten Koffer, hatte das Flugticket schon in der Hand und dann das.

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Die Nacht von Winter auf Frühling

von Verena Keßler

Es ist noch gar nicht Frühling, es ist nur nicht mehr so arschkalt wie in den letzten Wochen. Man kann die Mütze schon mal weg lassen, wenn man die frisch geföhnten Haare nicht platt drücken will. Wenn man will, dass sie im Wind flattern, weil das nun mal die Frisur ist, die einem am besten steht. Es sollte immer Wind sein, findet Hanna.

Es ist noch gar nicht Nacht, es ist nur schon so dunkel, denn es ist ja nicht mal Frühling. Hanna wartet vor der „Katze“, auf Felix, auf die Nacht und auf den Frühling. Felix kommt zuerst. „Wie du da stehst.“, sagt er grinsend, während sie sich zur Begrüßung eine freundschaftliche Sekunde lang umarmen. Hanna hofft, dass daraus vielleicht mal zwei oder drei werden. „Wie steh ich denn da?“, fragt sie und grinst auch, weil sie muss. Weil sie das immer muss, wenn er das tut. „Du frierst doch! Komm, wir gehn rein.“, sagt er, legt seine Hand auf ihren Rücken und schiebt sie in die volle „Katze“.

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Die Botschaft

von Janina Jacke

Ich habe ein kleines Papierboot gebastelt. Es sieht verletzlich und schüchtern aus, finde ich. Am Bug steht „LIEBE“. Das ist der Name. Hinter dem Namen steht ein Fragezeichen. Das Boot fragt mit leiser Stimme: „Liebe?“ Weil das Boot gerne wissen möchte, ob es Liebe ist.

Wenn man das Papierboot auffaltet, dann findet man die Botschaft, die ich auf den Zettel geschrieben habe, bevor ich das Boot daraus gebastelt habe. Eigentlich soll man die gar nicht finden. Nur er soll sie finden.

Da steht, dass ich immer an ihn denken muss. Und dass es wehtut. Darunter steht mein Name. Meinen Namen kann man noch halb und kopfüber erkennen. Steuerbord. Am unteren Rand.

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