Henry und Grace

von Chloé-Emmaline Cingöz

Vor jar nich allzu langer Zeit, also quasi neulich, da zog sich so ‘ne Jeschichte inna Plattenbausiedlung zu. Familie Knödel, nicht unbedingt ‘ne klassische Vorzeijefamilie, war mal wieder knapp bei Kasse.

Mutti Knödel (Mändy) hat jerade ihrn Job valorn und Vati Knödel (Ronny) konnte mit seim Jehalt keene vierköpfije Familie plus Hund, alleene anährn.
Es jab da ooch ‘n langet hin und her mit’m Amt, aber weil die nich zu Pötte kamen, wurde ditt Essen inna Zwischenzeit knapp.

Eines Abends, als die Kinder im Zimmer mit’m Chättn uff Facebook beschäftigt warn, kam Ronny uff ‘ne Idee.
››Du, Muttern. Ick sag ditt jetze wiet is. Wir sind völlig Pleite. So Pleite, dass wa nüscht mehr zu futtern ham. Jedenfalls nich jenug für vier undn Hund.‹‹
››Ick wees Vattern, ick wees.‹‹ Antwortete Mändy.
››Nun. Ick hab mir da ma so ‘n paar Jedanken jemacht und gloobe, dass ick ‘ne Lösung für ditt Problem hab!‹‹, sprach Ronny weita. ››Und? Azähl! Spann ma nich so uffe Folter, ey!‹‹, motzte Mändy barsch.
››Also, laut meina Berechnung, hamwa noch jenug Futter für zwee von uns. Der Köta frisst ja eh jeden Müll vonna Straße. Den zähl ick nich dazu. Jedenfalls bleibt uns nüscht andret übrig, als die Kinder loszuwerden. Sonst jehn wa noch alle druff!‹‹

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Wellen

von Marvin Ruppert

»›Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, als ich dich verlassen habe, das war so dumm von mir, bitte, nimm mich zurück und lass es mich wieder gut machen!‹, das müsste sie sagen!«, sage ich. Zu der Frau, die mir gegenübersitzt. Wir haben ein Date. Ihr Blick schwankt zwischen Hass und mehr Hass. Ob ich nur von meiner Ex-Freundin reden könne, fragt sie.
Weil ich zu schüchtern bin, um Menschen von mir aus anzusprechen, setze ich mich, seit ich verlassen wurde, täglich ein paar Stunden ans Ufercafé. Ich versuche dann, intelligent auszusehen indem ich Sartre lese und gucke abends, ob mich jemand bei »Spotted Philipps-Universität Marburg« sucht.
»Klar kann ich auch von was anderem reden«, sage ich. »Moment«, sage ich. Ich denke nach. Auf dem Tisch liegt Sartres »Die Wörter« zugeklappt mit Lesezeichen auf Seite 14. Ein braungebrannter Mann am Nebentisch zündet sich eine Zigarette an. Ein pubertierendes Pärchen in einem Ruderboot fährt vorbei. Bzw. versucht es, er rudert, das Boot dreht sich im Kreis, sie versucht sehr angestrengt, unsichtbar zu sein. Die Lahn schlägt Wellen. Ich mag Wellen. Eigentlich mag ich auch Berge. Weil Berge ja irgendwie auch nur sehr langsame Wellen sind. Damit kann ich mich identifizieren. Der Mann am Nebentisch trinkt einen Schluck aus seinem Bier und drückt die bis zum Filter aufgerauchte Zigarette aus. Die Frau gegenüber ist noch nicht gegangen. Ich versuche, von etwas anderem als meiner Ex-Freundin zu reden:
»Ich hab gestern was voll Seltsames geträumt«, sage ich, »pass auf …

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Rotes Haar zwischen den Felsen

von Paul Schoemaker

Die vom Schnee reflektierten Sonnenstrahlen brennen in seinen dick unterlegten Augen und er fragt sich: wofür? Dabei hatte alles so gut angefangen. Hier in der Bucht im Inneren des Reykjarfjörður roch selbst das Fischöl nach Geld und Abenteuer, als Olof sein Heimatdorf Vattarnes ganz im Osten Islands hinter sich ließ. Wie viele andere junge Männer aus seiner Region, wollte er mehr vom Leben, als die paar Schafe seiner Eltern – und die mächtigen Maschinen der Heringsfabrik in Djúpavík brummten da gerade laut genug, um selbst im hintersten Winkel der Insel noch wie Sirenen zu klingen. Doch als Olof sich aus der Umarmung seiner Mutter losriss, hatte er nicht bedacht, dass er gerade einen Pakt mit einem Fisch eingeht, der nicht mehr und nicht weniger im Sinn hat, als seinem Schwarm zu folgen.
Wir sind hier auf Island um zu arbeiten, sage ich mir und öffne die verdreckte Klappe meines Macbooks. Aber für wen oder was eigentlich? Ich habe mir mal ein Zitat rausgeschrieben: “Was wir tun, hat für die paar Menschen Wert, die lieben können, was sie lieben; die anderen, die lieben, was sich zu lieben schickt, können nicht zählen.” Kurt und ich wollen großformatige Landschaftsaufnahmen machen, auf denen sich irgendwo zwischen den Felsen eine unschuldig dreinschauende Mangina versteckt. Manginas gehen so: Den Pimmel nach hinten zwischen die Schenkel klemmen, so dass Mann aussieht wie Frau. Die anderen, die lieben, was sich zu lieben schickt, können nicht zählen.

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Regen

von Svenja Gräfen

Es regnet schon seit Tagen, aber heute ganz besonders stark. Als würde der Boden durstig danach verlangen, aber durstig auf eine Art, die nicht genug bekommen kann; so wie ein Trinker. Der Boden ist wie ein Trinker.
Sie geht neben ihm her, schaut auf ihre Schuhe, die hin und wieder von Regentropfen erwischt werden und sich dunkler färben. Ihre Hand klammert sich um den hölzernen Stab ihres Regenschirms, an ihre Schulter angelehnt; ihr Schirm ist wie ein Lautsprecher, der das Prasseln des Regens gleich an ihr Ohr heranführt.

Er geht neben ihr her, ein Stückchen Abstand haltend wegen des Regenschirms. Seine Kapuze ist vollkommen durchnässt, an seinem Gesicht laufen die Regentropfen entlang, als wäre es eine Fensterscheibe. Er schaut nach vorn; sieht die nassen, grauen Straßen, hört das zischende Plätschern, wenn ein Auto durch die Pfützen fährt, sieht Menschen mit ihren Regenschirmen, die Köpfe schützend nach unten gebeugt, die Gesichter versteckt.

Der Weg kommt ihnen beiden ungewöhnlich lang vor; als würden sie ewig durch den Regen laufen, ewig über den durstigen Boden, der ein Trinker ist. Ewig an grauen, faden Häuserwänden entlang und ewig nebeneinander her.

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An Tagen wie diesen

von Sandra Da Vina

Tag 1

Ich menstruiere hart. Ekelhaft! Eine ganze Filmnacht „Saw“ Teil 1-7 könnte nicht im Ansatz audiovisuell rekonstruieren, was sich derzeit in meiner Buchse tut. Vielleicht eine ganze Filmnacht „Saw“ Teil 1-7 und der Kinderklassiker „Die Abenteuer von Elmo im Grummelland“. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Fakt ist: Meine Tage kommen immer so überraschend, wie Weihnachten und Männer in Pornos. Den restlichen Zyklus bin ich meist davon überzeugt, dass ich auf jeden Fall mit Drillingen schwanger bin. Selbst dann, wenn der letzte Sexualkontakt nur darin bestand, dass ich bei H&M einen noch warmen BH anprobiert habe. Was auch ziemlich ekelhaft ist, wenn man mal drüber nachdenkt. Aber auch ein bisschen kuschelig.

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Die saubere Toilette

- oder -

»Als der Schnee aus den Köpfen verschwand«

von Andy Strauß

(Fußnote: Wie die Universität Leipzig verwendet auch dieser Text zwecks Überschaubarkeit bei Personengruppen nur die weibliche Form, die aber auch männliche Vertreter jener Gruppe mit einschließt)

Prolog
In den Medien hatten die meisten Politikerinnen von ihren Pressesprecherinnen Freude über den positiven Ausgang des Projekts Colom-X kommunizieren lassen. Von »Großer Begeisterung« und von »fantastischer Leistung« war immer wieder die Rede. Sowohl der Stern als auch der Spiegel verzichteten in diesem Juni des Jahres 2015 darauf, eine Titelgeschichte über Adolf Hitler oder eines seiner Haustiere oder eine seiner Liebhaberinnen zu drucken. Stattdessen zeigten ihre Titelbilder ganz dem weltweiten Trend entsprechend, einzelne Soldatinnen oder riesige Soldatinnentrupps des siegreichen amerikanischen Heeres oder deren Kriegsschauplätze. Ein Heer, das binnen kürzester Zeit und vollkommen ohne zivile Opfer eine riesige Schlacht im amerikanischen War on Drugs gewonnen hatte.
»God bless you, Private Aphid« titelte das Times Magazine und druckte auf dem Cover das tausendfach vergrößerte, friedliche Gesicht eines der Soldaten aus dem Corps Aphidoidea Freedom, dem wohl ersten Heer, das gänzlich aus genetisch veränderten Kriegern bestand. Um die Berichterstattung dieser Tage auf ein Wesentliches abzukürzen:
Es war dem amerikanischen Wissenschaftler Dr. B. Orbison an der Stanford University gelungen, eine besonders kleine und kaum sichtbare Gattung ordinärer Blattläuse gewissermaßen zu tunen.

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Der innere Matthias Sammer

von Christian Ritter

Zum ersten Mal meldete er sich, nachdem ich mein Abiturzeugnis überreicht bekommen hatte. Ich war richtiggehend in Feierlaune und mischte auf der anschließenden Party Asbach-Uralt mit Fassbier und White Russian, um gebührend auf die neue Freiheit, das ungezwungene Sein anzustoßen. Ich vollführte furiose Breakdance-Einlagen und steckte meine Zunge wahllos in Münder und andere Körperöffnungen meiner ehemaligen MitschülerInnen.
Da klopfte er von irgendwo innen in meinem Kopf an und sagte: „Nanana, noch ist gar nichts geschafft, das Schwerste liegt noch vor dir. Bleibe immer fokussiert, immer klar, verliere dich nicht, folge deinen Zielen, und hänge sie hoch!“

Ich tat dieses, sein erstes Aufbegehren als eine Form der Halluzination ab. Ich feierte weiter ungehemmt, steckte meine Zunge in Münder, Schnapsgläser und Steckdosen, womit ich mir immerhin zwanzig D-Mark verdiente. Das sind zehn Euro!

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Der Wächter der Nacht

von Björn Benthack

Tatort: Die sündigste Meile der Welt
Uhrzeit: Weit nach 2:39 Uhr und 1,7 Promille
Teilnehmer: Muskelpakete und Trunkenbolde
Statisten: Nutten

Es war noch nicht sehr spät an diesem Abend als Harry mit seinen Freunden Ronny und Johnny angeschwippst die Stammkneipe ihrer geliebten Heimatstraße verließen. Man lachte, man trank, man plauderte. Die Neuigkeiten der Nachbarschaft wurden mit rüstigen Rentnern aus der Umgebung in dem sanften Nebeldunst der Lokalität des Herzens ausgetauscht. Aufgrund des Trinkverhaltens der älteren Semester, die meist schon zur Mittagszeit die heiligen Tore der geliebten Schankwirtschaft durchschreiten, strichen diese bereits weit vor Mitternacht die Segel.
Nun standen sie dort, aufgedreht, voller Tatendrang und euphorisiert. Das Testosteron drohte überzulaufen. Es musste raus. Es musste hinfort, es wollte nicht im Inneren von 185 Zentimetern und strammen 85 Kilo gefangen bleiben. Es wollte sich entfalten, die Euphorie mit der ganzen Welt teilen. Die Brunftzeit war erreicht, dem Imponiergehabe fiel die erste Mülltonne zum Opfer. Nach Hause gehen? Keine Option. Zur Freundin ins Bett kriechen? Undenkbar. Kiez? Wo ist das nächste Taxi?!?!

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Der Herr der Schlüssel

von Martin Sieper

„Ich habe mich in meiner Wohnung eingesperrt. Könnten Sie mir bitte helfen?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung schweigt unüberhörbar und kratzt sich – so hoffe ich – den Bart.

„Können Sie denn beweisen, dass es auch wirklich Ihre Wohnung ist?“, fragt er. Ich blicke mich um und stelle fest, dass zumindest die Umzugskartons, die nun seit 2 Monaten unangetastet in meinem Flur herum stehen, mit meiner ordnungsspezifischen Beschriftung versehen sind: „Essen, waschen, leben, Pornos.“

„Jaaaa“, erwidere ich. „Ich stehe wie gesagt in meiner Wohnung!“ Der Mann lacht

„Das ist doch kein Argument!“

Nein, natürlich ist es kein Argument, denke ich. Wer kennt sie nicht, diese fiesen Einbrecherbanden, die zunehmend persönliche Wertgegenstände in Praktiker-Kartons verpackt zu ihren Einbrüchen mitnehmen.

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Heute beißen wir ins Gras

alcohol













von Alexander Gram

Bucks Satz trifft mich wie ein Schlag direkt in die Fresse.
„Ich nehm eurn großn Salatteller“, hallt es in meinem Kopf nach.
„Verdammte Scheiße, Buck! Wenn das ein Witz sein soll, dann ist es ein verdammt schlechter!“, fauche ich ihn an.
„Was regst dichn so auf? Hab halt Hunger auf was Frisches.“
Buck ist unbekümmert, wie immer. Ganz offensichtlich versteht er noch nicht, in was für einer ausweglosen Situation wir hier stecken.

Aber immer schön der Reihe nach.
Die Szenerie im Schnelldurchlauf: früher Nachmittag, beschissener Regen, ich – Steven – sitze mit meinem Partner Buck im „Trenny’s Diner“, einer Frittenbude, in der nicht mal die Pommes schmecken. Unsere offizielle Berufsbezeichnung würde wohl „Gauner“ lauten. Wir sind Halbstarke, die für Scheiße engagiert werden, in die kein Gangster, der etwas auf sich hält, auch nur einen seiner Finger stecken würde.

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