An einem Morgen im Sommer

von Daniela Gerlach

An einem Morgen im Sommer taucht ein kleines Mädchen am Strand auf. Unbeholfen stapft es durch den Sand, der rosa Plastikeimer in der rechten Hand bietet keinen Halt, schlenkert nur spielerisch neben ihm. Es ist kein Kind, über das Erwachsene in Entzücken geraten, ist nicht niedlich oder gar schon kokett, hat kein gewinnendes Lachen und keine frechen Äuglein, ist nur eine kleine Kreatur, und man fragt sich, warum sie einem leid tut. Wo sind die Eltern? Auch sie stapfen durch den Sand, schwer und behäbig, mindestens fünf, sechs Meter sind sie ihrer Tochter voraus. Der Mann, ein Goliath, trägt zwei Klappstühle und einen Sonnenschirm, die Frau, eine Goliath-Frau, trägt eine Plastiktüte und eine große Badetasche am ungelenken Körper. Im Fleisch sind sie sich ähnlich, die beiden: massig umschließt es ein grobes, hohes Skelett. Sie bewegen sich langsam, als wären sie schon müde, und aus dieser Müdigkeit heraus kommt ein Blick, auch da ähneln sie sich, ein Blick, als würde sie das hier alles nichts angehen. Dieser Sommermorgen, ein Morgen am Meer.

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(Trug)Bilder

von Jonas Paulus

Ich mag den alten Seemann. Er hat mir immer von seinen Reisen erzählt.
Wie er die Pinguine traf und mit den Gazellen gelaufen ist.
Er sagt, dass er jedes Land gesehen hat. Dass es keinen Flecken auf der Erde gibt, den er nicht kennt.
Als ich klein war haben wir immer ein Spiel gespielt. Dann lag ich auf dem Boden vor seinem riesigen Sessel. Den Geruch von altem Leder und muffigem Teppich habe ich heute noch in der Nase.
„Sag mir ein Land.“ forderte er mich auf und ich antwortete jedes mal: „Egal welches?“
„Egal welches, irgendeins.“
Damals war es nicht schwer für ihn. Mein Horizont reichte gerade bis nach Frankreich, ganz vielleicht noch Amerika.

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