Der Wächter der Nacht

von Björn Benthack

Tatort: Die sündigste Meile der Welt
Uhrzeit: Weit nach 2:39 Uhr und 1,7 Promille
Teilnehmer: Muskelpakete und Trunkenbolde
Statisten: Nutten

Es war noch nicht sehr spät an diesem Abend als Harry mit seinen Freunden Ronny und Johnny angeschwippst die Stammkneipe ihrer geliebten Heimatstraße verließen. Man lachte, man trank, man plauderte. Die Neuigkeiten der Nachbarschaft wurden mit rüstigen Rentnern aus der Umgebung in dem sanften Nebeldunst der Lokalität des Herzens ausgetauscht. Aufgrund des Trinkverhaltens der älteren Semester, die meist schon zur Mittagszeit die heiligen Tore der geliebten Schankwirtschaft durchschreiten, strichen diese bereits weit vor Mitternacht die Segel.
Nun standen sie dort, aufgedreht, voller Tatendrang und euphorisiert. Das Testosteron drohte überzulaufen. Es musste raus. Es musste hinfort, es wollte nicht im Inneren von 185 Zentimetern und strammen 85 Kilo gefangen bleiben. Es wollte sich entfalten, die Euphorie mit der ganzen Welt teilen. Die Brunftzeit war erreicht, dem Imponiergehabe fiel die erste Mülltonne zum Opfer. Nach Hause gehen? Keine Option. Zur Freundin ins Bett kriechen? Undenkbar. Kiez? Wo ist das nächste Taxi?!?!

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Die Nacht von Winter auf Frühling

von Verena Keßler

Es ist noch gar nicht Frühling, es ist nur nicht mehr so arschkalt wie in den letzten Wochen. Man kann die Mütze schon mal weg lassen, wenn man die frisch geföhnten Haare nicht platt drücken will. Wenn man will, dass sie im Wind flattern, weil das nun mal die Frisur ist, die einem am besten steht. Es sollte immer Wind sein, findet Hanna.

Es ist noch gar nicht Nacht, es ist nur schon so dunkel, denn es ist ja nicht mal Frühling. Hanna wartet vor der „Katze“, auf Felix, auf die Nacht und auf den Frühling. Felix kommt zuerst. „Wie du da stehst.“, sagt er grinsend, während sie sich zur Begrüßung eine freundschaftliche Sekunde lang umarmen. Hanna hofft, dass daraus vielleicht mal zwei oder drei werden. „Wie steh ich denn da?“, fragt sie und grinst auch, weil sie muss. Weil sie das immer muss, wenn er das tut. „Du frierst doch! Komm, wir gehn rein.“, sagt er, legt seine Hand auf ihren Rücken und schiebt sie in die volle „Katze“.

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