Regen

von Svenja Gräfen

Es regnet schon seit Tagen, aber heute ganz besonders stark. Als würde der Boden durstig danach verlangen, aber durstig auf eine Art, die nicht genug bekommen kann; so wie ein Trinker. Der Boden ist wie ein Trinker.
Sie geht neben ihm her, schaut auf ihre Schuhe, die hin und wieder von Regentropfen erwischt werden und sich dunkler färben. Ihre Hand klammert sich um den hölzernen Stab ihres Regenschirms, an ihre Schulter angelehnt; ihr Schirm ist wie ein Lautsprecher, der das Prasseln des Regens gleich an ihr Ohr heranführt.

Er geht neben ihr her, ein Stückchen Abstand haltend wegen des Regenschirms. Seine Kapuze ist vollkommen durchnässt, an seinem Gesicht laufen die Regentropfen entlang, als wäre es eine Fensterscheibe. Er schaut nach vorn; sieht die nassen, grauen Straßen, hört das zischende Plätschern, wenn ein Auto durch die Pfützen fährt, sieht Menschen mit ihren Regenschirmen, die Köpfe schützend nach unten gebeugt, die Gesichter versteckt.

Der Weg kommt ihnen beiden ungewöhnlich lang vor; als würden sie ewig durch den Regen laufen, ewig über den durstigen Boden, der ein Trinker ist. Ewig an grauen, faden Häuserwänden entlang und ewig nebeneinander her.

Sie schüttelt den Schirm aus und er zieht sich die Kapuze von den nassen Haaren; sie lassen sich Zeit, lösen langsam die klammen Jacken von ihren Körpern, ziehen die Schuhe aus, in denen sich kleine Seen gebildet haben.

Sie sieht ihn an, versucht, seinen Blick einzufangen, ihm in die Augen zu schauen. Er fingert in seinen Jackentaschen herum und findet seine Zigaretten, die trocken geblieben sind, und ein Feuerzeug.
Rauch jetzt nicht.
Wieso nicht?
Weil wir endlich reden müssen.
Reden. Ach bitte. Wir reden ständig.
Wir reden nie.

Er geht zurück in den Hauseingang, dort, wo das Prasseln des Regens auf den durstigen Boden zu hören ist, das zischende Plätschern der Autos; wo er den kühlen Novemberwind im nassen Haar fühlen kann. Er denkt an eine Erkältung, sein Immunsystem ist nicht das beste; schaut auf seine feuchten Socken hinab und zündet die Zigarette an, die er im Mundwinkel nach draußen getragen hat.

Er weiß, dass sie hinter ihm steht, auf der anderen Seite der Tür; die Umrisse seines Körpers beobachtend; wartend, bis er sich nach dem letzten Zug wieder umdreht und zu ihr zurückkommt. Reden will.

Sie steht da, auf der anderen Seite der Tür, sieht die Umrisse seines Körpers; friert in ihren nassen Sachen und kann sich nicht bewegen. Gedämpft hört sie den Regen, den Aufschlag jedes einzelnen Tropfens. So viele Tropfen, jede Sekunde schlagen so viele Tropfen auf dem Asphalt auf. Wenn es ewig so weitergeht, würde der Asphalt von den Tropfen nach unten gedrückt. Alles würde absacken.
Sie löst sich aus ihrer Starre und nimmt mit beiden Händen ihre langen, klammen Haare nach hinten, wischt sich durch das Gesicht und wartet. Wartet auf den letzten Zug, darauf, dass er wieder zu ihr zurückkommt. Reden will.

Fast erschrickt sie, als er die Tür wieder aufstößt, mit einem letzten Rest Zigarettenqualm in den Flur zurücktritt.
Lass uns reden. Sie schaut ihn nicht an; schaut auf seine nassen Socken, auf ihre.
Worüber willst du reden?
Du bist so weit weg von mir.
Er geht langsam einen Schritt auf sie zu, zwei, drei, bis er direkt vor ihr steht. Er drückt seine Lippen auf die ihren.
Wir reden, wenn es aufgehört hat zu regnen.



Über die Autorin:

Svenja Gräfen
Svenja_Graefen
Svenja Gräfen steht seit 2010 auf allerhand Poetry Slam-Bühnen im deutschsprachigen Raum.

Unter anderem bei den 15. deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, wo sie den vierten Platz im Einzelfinale erreichte und in der o2-World Hamburg auftrat, beim ZDF Kultur Poetry Slam und in der BMW Welt München. Im Juni 2012 belegte sie den 1. Platz beim Literaturwettbewerb Compete 20.12 in der Kategorie Poetry Clip.

Geboren wurde sie 1990 im rheinland-pfälzischen Nirgendwo. Nach dem Abitur im Frühjahr 2010 ergriff sie die Flucht nach Schweden, Berlin, Köln und – weil sie so gerne umzieht – mittlerweile Stuttgart. In Ludwigsburg studiert sie Kultur- und Medienbildung mit den Schwerpunkten Theater, Literatur und Film.

http://www.svenjagraefen.de


























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