Pinguingedanken

von Mona Hauser

Der kleine Pinguin sah den Eisbären mit großen Augen an, der sich gerade an der Nase kratzte und an dem Pinguin vorbei auf den Boden starrte.
„Ich hab doch schon die ganze Zeit gesagt, dass ich nicht mit dir mitkommen kann. Das musst du doch endlich verstehen“, sagte er nach einer langen Stille.
In den Augen des kleinen Pinguins stieg das Wasser. Ganz und gar nichts verstand er. Da saß er neben seinem kleinen roten Koffer, hatte das Flugticket schon in der Hand und dann das.
„Sieh doch“, sagte der Eisbär, “das geht einfach nicht“.
„Aber du hast doch immer wieder gesagt, dass du dich darauf freust, mit mir zusammenzuwohnen“, stotterte der kleine Pinguin. „Wir haben uns doch schon ausgemalt, wie wir die Küche einrichten und was für ein herrliches großes Sofa wir uns ins Wohnzimmer stellen wollen. Du hast gesagt, ich bekomme meine Bibliothek. Und du wolltest doch so gerne einen Platz für deinen Beamer, so dass wir Kino schauen könnten ohne andere Zuschauer, die uns nerven. Und ich hätte uns dann Popcorn gemacht und dir die Tatzen massiert. Weißt du das nicht mehr?!“
„Doch natürlich“, antwortete der Eisbär. „Aber ich habe dir auch oft genug gesagt, dass ich nicht mit dir an den Südpol komme. Ich will da nicht hin! Das ist deine Heimat, nicht meine.“
„Na und! Du wolltest doch trotzdem nicht an den Nordpol zurück. Und Deutschland findest du auch doof, hast du gesagt. Wo willst du denn sonst hin?“
Der Eisbär guckte immer grimmiger und bohrte seinen Blick weiterhin in den Boden neben dem kleinen Pinguin. „Es ist grad ganz egal, wo ich hin will. Ich hab keine Ahnung. Ich will einfach nur nicht an den Südpol. Da ist doch nichts. Was soll ich denn da?“
„Bei mir sein“, sagte der kleine Pinguin ganz leise.
„Bei dir sein? Als würde dich das dann noch interessieren, wenn du erstmal wieder bei deinen Pinguin-Freunden bist. Dann brauchst du mich nicht mehr und ich kann sehen, wo ich bleibe. Und überhaupt…“, der Eisbär sah dem kleinen Pinguin nun direkt in die Augen, „wenn du bei mir sein wolltest, könntest du doch auch einfach hier bleiben und mit mir irgendwann ganz woanders hin kommen.“
„Ja, aber…“, der kleine Pinguin wusste nicht so recht, was er sagen sollte. „ich hab doch solch ein Heimweh. Und ich kann nicht länger hier bleiben. Der Sommer naht und ich werde mir nur wieder meine Füße am heißen Pflaster verbrennen. Außerdem lachen mich die anderen Vögel immer aus, weil ich nicht fliegen kann und…“
„Ich, ich, ich, ich, ich“, unterbrach ihn der Eisbär, „an nichts anderes denkst du. Immer nur an dich! Wenn ich dir wirklich wichtig wäre, dann würdest du auch gucken, was ich will.“
Dem kleinen Pinguin tropfte eine Träne vom Schnabel. Er hatte schon oft überlegt, wo er mit dem Eisbären hingehen könnte, doch die Sehnsucht nach dem Südpol wurde immer größer und größer und der Eisbär konnte ihm einfach nicht sagen, wo er als nächstes hin wollte. Zu Hause am Südpol könnte der kleine Pinguin wieder mit seinen Freunden durchs Meer toben und seinen Job als Fischjäger wieder aufnehmen. Und nach der Arbeit käme er nach Hause zum Eisbär und könnte mit ihm den Rest des Tages genießen. Darauf hatte er sich schon so sehr gefreut. Es wäre alles gewesen, was er sich jemals gewünscht hatte. Aber natürlich wollte er auch, dass es dem Eisbären gut ging. Und wenn der nicht wusste, wo er überhaupt hin will, warum konnte er ihn dann nicht einfach begleiten? Der kleine Pinguin verstand das einfach nicht. „Du bist mir sehr wohl wichtig! Und wir könnten es doch wenigstens ausprobieren. Wenn es dir dort wirklich nicht gefällt, dann suchen wir uns etwas anderes.“
„Pah“, brüllte der Eisbär.
„Und vor ein paar Tagen hast du doch noch gesagt, dass ich einfach schonmal vorfliegen soll und du kommst dann bald nach. Wieso geht das denn plötzlich nicht mehr?“, fragte der kleine Pinguin ein wenig verärgert.
„Ich habe dir aber vorher auch schonmal gesagt, dass ich NICHT mitkomme. Als ich gesagt hab, ich käme nach, wollte ich dir bloß zeigen, dass du mir wichtig bist“, antwortete der Eisbär.
„Und nur, weil ich solches Heimweh habe und nach Hause muss, glaubst du, dass du mir nicht wichtig seist?“ fragte der kleine Pinguin.
„Ist doch völlig offensichtlich. Ich kann dir nicht wichtig sein, sonst würdest du nicht einfach gehen. Sobald du im Flugzeug bist, hast du mich doch eh vergessen. Und nun verschwinde, sonst verpasst du deinen Flug!“
Der kleine Pinguin stand vor dem Eisbären und konnte sich einfach nicht mehr bewegen. Egal, in welche Richtung er liefe, es wäre die falsche.
„Nun geh endlich und lass mich allein!“, raunte ihm der Eisbär noch einmal zu.
Da nahm der kleine Pinguin seinen kleinen roten Koffer und ging zum Check-in-Schalter. Als er sich noch ein letztes mal zum Eisbären umdrehte, trottete der schon mit hängenden Schultern davon. Und so stieg der kleine Pinguin in das Flugzeug, das ihn nach Hause brachte. Doch den ganzen Flug über dachte er nur an den Eisbären. Wie sollte es denn ohne ihn nur sein? Als er am Südpol angekommen und von seinen Freunden voller Freude empfangen worden war, setzte er sich ans Meer und schrieb ein Gedicht für den Eisbären. Das Gedicht steckte er in eine Flasche und warf es weit hinaus ins Meer, mit der Hoffnung, dass er den Eisbären vergessen haben würde, wenn die Flasche irgendwo weit, weit weg vielleicht an einem warmen Sandstrand gefunden werden würde.
Die Flasche war monatelang unterwegs, bis sie an einem kleinen Strand in der Karibik ankam und von einer Fischerstochter gefunden wurde. Der Eisbär war zu dieser Zeit bereits irgendwo in Amerika und war sich sicher, dass der kleine Pinguin ihn längst vergessen hatte und nun mit irgendeinem anderen Pinguin durchs Meer schwamm, auf dem großen Sofa im Wohnzimmer lag und in der neuen Küche herrliche Gerichte mit ihm zubereitete.
Und während der Eisbär das dachte, saß der kleine Pinguin noch immer am Meer, starrte der Flasche hinterher und dachte an den Eisbären und die Pläne, die sie einstmals miteinander hatten.



Über die Autorin:

Mona Hauser
Portrait Mona Hauser




wurde 1985 geboren
Studium der Erziehungswissenschaft und Germanistik in Kassel

















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