An einem Morgen im Sommer

von Daniela Gerlach

An einem Morgen im Sommer taucht ein kleines Mädchen am Strand auf. Unbeholfen stapft es durch den Sand, der rosa Plastikeimer in der rechten Hand bietet keinen Halt, schlenkert nur spielerisch neben ihm. Es ist kein Kind, über das Erwachsene in Entzücken geraten, ist nicht niedlich oder gar schon kokett, hat kein gewinnendes Lachen und keine frechen Äuglein, ist nur eine kleine Kreatur, und man fragt sich, warum sie einem leid tut. Wo sind die Eltern? Auch sie stapfen durch den Sand, schwer und behäbig, mindestens fünf, sechs Meter sind sie ihrer Tochter voraus. Der Mann, ein Goliath, trägt zwei Klappstühle und einen Sonnenschirm, die Frau, eine Goliath-Frau, trägt eine Plastiktüte und eine große Badetasche am ungelenken Körper. Im Fleisch sind sie sich ähnlich, die beiden: massig umschließt es ein grobes, hohes Skelett. Sie bewegen sich langsam, als wären sie schon müde, und aus dieser Müdigkeit heraus kommt ein Blick, auch da ähneln sie sich, ein Blick, als würde sie das hier alles nichts angehen. Dieser Sommermorgen, ein Morgen am Meer.

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Ode an meine Brüste

von Conny Ertl

Ich habe Bauchkrämpfe und alle Arten von Regelbeschwerden. Ich habe Cellulite am Arsch und ein völlig gestörtes Verhältnis zu mindestens vier weiteren Körperregionen. Ich verfalle in eine peinlich-hohe Stimmlage, sobald ich ein Baby in meinem Umfeld erblicke. Oder ein Zwergkaninchen. Oder ein Baby-Zwergkaninchen.

Ich habe praktisch keinen Orientierungssinn, kann keinen Nagel in eine Wand schlagen ohne ein Blutbad anzurichten und selbst wenn ich wüsste, was ein Abseits ist, würde ich es genauso für ein Gerücht halten wie den G-Punkt.

Ich kann nicht Kopfrechnen und bin so unsportlich, dass ich für jeden Treppen-Aufstieg zwei Dinge brauche: Erstens ein Sauerstoffzelt und zweitens einen Begleiter, bei dem ich mich auch eine Stunde später immer noch darüber beschweren kann, dass sich die Treppe einfach nicht mit meinen viel zu hohen Schuhen verträgt, für die ich gerade erst den Postboten angeschrien habe.

Ich werde eines Tages unter Höllenschmerzen einen Menschen mit einem Kopf wie eine Wassermelone aus meinem Körper pressen und mich 20 Jahre später mit topfgroßen Schweißflecken auf meiner Bluse und zunehmendem Haarausfall durch die Menopause kämpfen, während mich mein zweiter Ehemann im Zuge seiner Midlife-Crisis mit seiner Sekretärin bescheißt.

Das Leben als Frau ist wirklich kein Leichtes. Eigentlich gibt es überhaupt nur zwei Gründe, die es richtig lebenswert machen: BRÜSTE!

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Ich hab nur Hurensohn verstanden

von Karl Wolfgang Epple

Billy
Herrlich! Ein Stelldichein von betrunkenen Halbstarken.
Das MacGuffin‘s Pub, heiß begehrt seit der Erfindung des Public Viewings, stinkt sich eine Bahn durch den mittelalterlichen Stadtkern. Da darf geraucht werden, denn Jura ist überall. Vereinsrecht.
Wir quetschen uns zwischen schieferne Hauswände, kaum ellenbreite Gässchen, durch die wir als Kinder mit unseren schmalen Schultern und bunten Windjacken toben konnten. Vor dem Pub werden wir wieder ausgespuckt, saufen uns die Bierkartuschen in der Hand die steile Wendeltreppe hinab. Muss eine Art Test sein: Wenn man an einem Stück unten ankommt, ist man nüchtern genug, um einen Trunk zu bestellen. Und zu bezahlen. Und, als wäre die Todesfalle nicht genug, wacht ein Schrank vor der Tür, hinter der House-Musik wummert. In einem Irish Pub.
Fordert er mich auf:
»Sag mal: Ein Astra, bitte«, was mich überrascht. Hätte nicht gedacht, dass die hier Astra haben. Hätte auf Guinness getippt.
»Das ist ne Falle!«, ruft Schwuchtel-Sebi, der sich auf die Stufen gesetzt hat, weil er muss.

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How I met my sister – Von Vorbildern und Beispielen

von Martin Sieper

»Junge, du bist von nun an ein Vorbild!« Mein Vater kam freudestrahlend in mein Zimmer gerannt um mir die frohe Botschaft zu überbringen, dass ich von nun an ein kleines Schwesterchen hätte und ich nun der große Bruder sei. Ich schaute verwirrt und meinte erst mal: »Nö.«
Nö, ich meine, hallo? Da könne ja jetzt jeder kommen und ob er das überhaupt irgendwie beweisen könne und er meinte nur »Klar, ich erklär’s dir«, und ich dachte nur »Bäh, das ist aber jetzt mal voll eklig!« Und das alles nur, weil es im Winter vielleicht mal etwas kuschelig war, da kann man doch nun wirklich auch einen Kakao trinken und muss nicht rumknutschen, da sieht man mal was passiert, wenn man rumknutscht, nicht nur dass es noch nie schön war anzusehen, wenn sich die Eltern knutschten, es hatte auch noch einschneidende Folgen! Ich war total empört, schlug meinem Vater die Tür vor der Nase zu und spielte erst mal Jo-Jo.

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… und was kann man damit später mal machen?

von Alex Burkhard

»Und was kann man damit später mal machen?«, fragt das Mädchen.
»Na ja«, sage ich. »So genau kann man das nicht sagen. Man hat halt einen Uni-Abschluss, und dann sieht man weiter.«
»Aha«, sagt das Mädchen und geht.
»Wie war das?«, frage ich meine Dozentin, die neben mir am Skandinavistik-Stand steht und mit der zusammen ich am Tag der offenen Tür der Uni für das Fach werben soll.
»Besser«, sagt sie. »Besser. Immerhin hast du dieses Mal den Uni-Abschluss erwähnt.«
»Ja«, sage ich. »Und ich habe es vermieden, die Worte ›beschissen‹ und ›Bachelorstudium‹ zu kombinieren.«
»Ja, du bist auf dem richtigen Weg.«
Warum ich hier stehe, weiß ich nicht so genau, vermutlich hat es etwas mit der Hiwi-Stelle zu tun, die ich seit Kurzem inne habe, und mit den Pfefferkuchen, die an unserem Stand ausliegen, um potenzielle Erstsemester anzulocken.
Warum ich schon kurz nach Studienbeginn eine Hiwi-Stelle habe, weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht haben sie mein schon lichter werdendes Haar gesehen und dachten, ich sei bereits in meiner Abschlussphase. Oder es liegt daran, dass ich noch Magisterstudent bin und sie wissen, dass ich deshalb viel Zeit habe.

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Das wirklich Blöde daran

von Peter Janicki

Das Blöde daran, abends nur noch eine halbe Tüte Chips zu haben, ist ja, dass man dann eine weitere Packung aufmachen muss, diese dann aber wieder nur etwa bis zur Hälfte schafft, so dass man wieder eine halbe Packung über hat. Das ist aber kein Zustand so für auf Dauer, denkt man sich, aber was will man machen (?), man kann sich selbst Freunde einladen, manchmal laden sich auch Freunde selbst ein, das ist dann schön, denn wenn Freunde dann `ne halbe Packung essen, dann ist man wieder bei natürlichen Zahlen an vollen Chipstüten und kann in Ruhe schlafen gehen. Ich hatte eine halbe Chipstüte und es klingelte an der Tür.

Natalie hatte sich nämlich gedacht: das Blöde daran, abends keine Packung Chips zu haben, ist ja, dass man dann hungrig ins Bett gehen muss, oder etwas anderes essen muss, das ist aber kein Zustand. Man könnte sich einladen irgendwo, vielleicht sagt die Person aber, dass es heute nicht passt, besser dachte sie sich, wäre also einfach vorbeizugehen, war es vielleicht auch, denn hätte sie mich gefragt, hätte ich wohl gesagt, ich hätte keine Zeit, aber jetzt war sie halt da und hübsch durchaus und ich hatte nichts Besseres zu tun, jedenfalls nix wo ich mich zu tun hätte überwinden können.

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Die kleine Mücke und der kleine Fussel

von Anne Freytag

Es waren einmal eine kleine Mücke und ein kleiner Fussel, die beide unendlich traurig waren, denn keiner konnte sie leiden. Die Menschen sahen in der kleinen Mücke einen bösen Parasiten, der ihnen nicht nur Blut abzwackte, sondern auch noch schlimm juckende unschöne Hautirritationen hinterließ. Und der kleine Fussel war in ihren Augen nicht mehr als ärgerlicher Schmutz, den es zu beseitigen galt. Und so waren sie beide traurig und einsam.
Eines Tages ergab es sich, dass die kleine Mücke durch ein offenes Fenster in eine schöne Wohnung flog. Schrill surrend zog sie ihre Runden bis sie sich schließlich auf eine rote Wand setzte, um sich von ihrer langen Reise zu erholen. Mit knurrendem Magen schaute sich um. Sie hatte seit ein paar Tagen nichts gegessen, weil sie bei den Menschen beliebter werden wollte. Mit wenig Erfolg. Denn jedes Mal, wenn einer ihren Gesang vernahm, wedelte er hektisch mit den Armen oder versuche sie mit der flachen Hand an der Wand zu zerquetschen. Manchmal nahm sie sich vor, einfach nicht mehr auszuweichen, wenn das nächste Mal eine riesige Hand auf sie zuschießen würde, doch dann waren ihre Instinkte doch jedes Mal schneller. Sie saß also da, mit knurrendem Magen und schwerem Herzen. Ihre Flügelchen hingen schlaff an ihr herunter. Ein fürchterlich lautes Geräusch ließ sie kurzzeitig erstarren. Es war dieses abscheuliche Ding, mit dem Menschen Staub vernichteten.

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Ersticktes Matt

von Nina C. Hasse

Manhattan, 7. November 1898
Jean-Remy Lafayette verdammte diesen Montagmorgen schon, als er aus dem Hansom stieg und beinahe von einer vorbeirauschenden Kutsche erfasst wurde. Die Räder des Gefährts platschten durch Pfützen, die der andauernde Novemberniesel hinterlassen hatte und ein ganzer Schwall des dreckigen Wassers ergoss sich über seine Hosenbeine und Schuhe. Lafayette presste die Lippen zusammen, um dem Kutscher nicht einige Beleidigung hinterherzubrüllen und drückte seinem eigenen Fahrer einen Dime in die Hand. Bloß nicht schon am ersten Tag negativ auffallen. Und so nahm er seinen Tee, der von einem Anbarowar, einem kleinen Kupfergefäß, wunderbar warmgehalten wurde und trat auf den Bürgersteig. Der Kutscher bedachte ihn mit einem knappen Nicken und ließ ihn allein auf der West Tenth Street zurück.
Die Turmuhr der benachbarten Kirchengemeinde schlug sechs und Lafayette klappte den Kragen seines Gehrocks hoch, um den Regen aus seinem Nacken fernzuhalten. Er fuhr sich mit einer Hand durch die vormals so sorgsam gelegten feuchten Locken und nippte an seinem Ceylon. In der Ferne rumpelte eine Dampfbahn über das Pflaster.
Das Haus, vor dem er stand, war sauber, dreistöckig und bestand aus den für diese Gegend typischen roten Backsteinen, mit weiß getünchten Fensterrahmen, schmiedeeisernen Zäunen und einem Baum vor der Tür, den Lafayette der Rinde nach für einen Kirschbaum hielt. Aber was Baumbestimmung anging, war er etwas aus der Übung. Wer hier wohnte, gehörte eher nicht zur Arbeiterklasse. Haus und Vorgarten wären zu anderer Jahreszeit ein hübscher Anblick gewesen, wenn sich der beständige Nieselregen nicht wie ein milchiger Schleier auf die Umgebung legte – und wenn Lafayette nicht wüsste, dass dort in einer der Wohnungen eine Leiche auf ihn wartete.

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Digitale Leserunde: Wenn ich was kann, dann nichts dafür

Es gibt soo viele Bücher und Autoren, die es wert sind, gelesen zu werden. Und um möglichst viele von ihnen kennenzulernen und sie dann auch tatsächlich zu lesen, habe ich mir überlegt, eine “digitale Leserunde” ins Leben zu rufen.
Wenn die Idee gut ankommt, könnte ich mir auch vorstellen, diese Leserunde monatlich fortzusetzen. Schauen wir einfach mal.

Cover

Das Prinzip der Leserunde
Jeder der Lust hat, kann teilnehmen. Schreibt dazu einfach bis nächsten Freitagabend (13.09.) einen kurzen Kommentar, damit wir wissen, wer alles dabei ist. Zu Beginn der Leserunde wird ein Buch festgelegt, das wir dann gemeinsam innerhalb eines Monats lesen. Im Anschluss berichtet jeder so kurz oder lang, wie er möchte, über das Buch. Das kann auf dem eigenen Blog, auf Facebook, in Form einer Amazon-Rezension oder wie auch immer passieren.

Wir starten mit dem aktuellen Buch von Jan-Uwe Fitz: “Wenn ich was kann, dann nichts dafür”. Schaut euch mal den Twitter-Kanal und die Website vom Herrn Fitz an, um ein Gefühl für seinen Humor zu bekommen.
Beim Lesen des ersten Buches (Entschuldigen Sie meine Störung: Ein Wahnsinnsroman) habe ich mich bereits köstlich(!) amüsiert, und freue mich tierisch auf’s zweite!

Buchverlosung
Um das Ganze zu Beginn etwas in Schwung zu bringen, verlose ich hier, mit freundlicher Unterstützung des Autors, drei Taschenbuch-Exemplare des Buches. Jeder, der einen Kommentar zu diesem Blog-Eintrag schreibt, nimmt automatisch an der Verlosung teil. Gebt bitte eure korrekte Email-Adresse an, damit ich die Gewinner im Anschluss direkt anschreiben kann.

Über das Buch
Eigentlich ist Jan-Uwe ein Vergrämer. Genauer: ein Taubenvergrämer. Menschen hasst er sowieso. Doch eines Tages ist plötzlich alles anders: Die Tauben bleiben aus. Und so begibt sich Jan-Uwe auf eine abenteuerliche Reise, die den Stadtneurotiker durch Berlin und weit in die Welt hinausführt. Sein Ziel: Venedig, das Tauben-Eldorado …

Amazon-Partnerlink:
Wenn ich was kann, dann nichts dafür: Aus dem Leben eines Vergrämers

Henry und Grace

von Chloé-Emmaline Cingöz

Vor jar nich allzu langer Zeit, also quasi neulich, da zog sich so ‘ne Jeschichte inna Plattenbausiedlung zu. Familie Knödel, nicht unbedingt ‘ne klassische Vorzeijefamilie, war mal wieder knapp bei Kasse.

Mutti Knödel (Mändy) hat jerade ihrn Job valorn und Vati Knödel (Ronny) konnte mit seim Jehalt keene vierköpfije Familie plus Hund, alleene anährn.
Es jab da ooch ‘n langet hin und her mit’m Amt, aber weil die nich zu Pötte kamen, wurde ditt Essen inna Zwischenzeit knapp.

Eines Abends, als die Kinder im Zimmer mit’m Chättn uff Facebook beschäftigt warn, kam Ronny uff ‘ne Idee.
››Du, Muttern. Ick sag ditt jetze wiet is. Wir sind völlig Pleite. So Pleite, dass wa nüscht mehr zu futtern ham. Jedenfalls nich jenug für vier undn Hund.‹‹
››Ick wees Vattern, ick wees.‹‹ Antwortete Mändy.
››Nun. Ick hab mir da ma so ‘n paar Jedanken jemacht und gloobe, dass ick ‘ne Lösung für ditt Problem hab!‹‹, sprach Ronny weita. ››Und? Azähl! Spann ma nich so uffe Folter, ey!‹‹, motzte Mändy barsch.
››Also, laut meina Berechnung, hamwa noch jenug Futter für zwee von uns. Der Köta frisst ja eh jeden Müll vonna Straße. Den zähl ick nich dazu. Jedenfalls bleibt uns nüscht andret übrig, als die Kinder loszuwerden. Sonst jehn wa noch alle druff!‹‹

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