Ödland

von Christoph Zachariae

Kapitel 4: Im Schutzraum

Am Morgen ihres 19. Geburtstags verschlief Mega. Sie hatte einfach vergessen, dass sie Geburtstag hatte. Im Keller waren der Lauf der Zeit und der Wechsel der Jahreszeiten nicht sichtbar. Sie waren an diesem Ort noch abstrakter, als sie es ohnehin schon waren. Alles schien still zu stehen in den Schutzräumen unter der Universität. Manchmal kam sie sich vor wie eine der in Formaldehyd konservierten Mutationen, die Dr. Hammer in seinem Labor aufbewahrte. Ewig geschah nichts und plötzlich wurde einem klar, dass schon wieder ein Jahr vergangen war. Alles, was passierte, glich sich irgendwie, verlief in vorhersehbaren Bahnen, schien sich in endlosen Schleifen zu wiederholen. Im Käfig, wie Mega den Keller nannte, waren die Tage lang und in der Nacht lösten sie sich in Wohlgefallen auf. Wenn sie zurückdachte, konnte sie sich selten an Details erinnern. Einfache Dinge wie Geburtstage konnte man hier unten schon mal vergessen. Man musste Buch führen. Prof. Walden verbrachte viel Zeit damit, jedem Bewohner einen persönlichen Kalender zu basteln, mit Bildern aus der alten Welt. Es gab sie zu Weihnachten. Bilder fand Prof. Walden in den Büchern, die er vor der Katastrophe „ausgeliehen“ hatte, wie er gern augenzwinkernd erzählte. Er hatte die halbe Bibliothek leer geräumt, bevor das Chaos ausgebrochen war, und die Bücher in den Keller unterhalb des Verwaltungsgebäudes geschafft, in dem er und ein paar Kollegen nun seit vierzig Jahren ausharrten. Er war geräumig, Belüftung und Heizung hatten die Wissenschaftler auf Solarenergie umgerüstet und einen Raum weiter oben gab es sogar Sonnenlicht, wenn auch kein direktes. Über ein Spiegelsystem hatte die Physikerin Fr. Dr. Kobe Sonnenlicht in einen der Räume gelenkt. Es war nur wenig und der Spiegel an der Oberfläche starr installiert, sodass sich im Laufe eines Tages nur für kurze Zeit schwaches Sonnenlicht in den Keller verirrte. Doch jeder Strahl wurde von den Bewohnern genossen. An der Farbe des Lichtes in diesem einen Raum konnte man viel erkennen. Nicht nur, ob es draußen bedeckt oder neblig war, sondern auch, ob es regnete und sogar, wie stark der Regen war. Wenn es schneite, war das Licht grell, intensiv, diffus. Kaltes, bläuliches Licht. Im Sommer war es trocken, hart. Doch nicht wie früher von Feuchtigkeit erfüllt. Sie war verschwunden. Das Licht der neuen Sommer war ein erbarmungsloses Rostbraun. Mega wusste es nicht, obwohl das Licht es ihr eigentlich verriet. Das intensive Dunkelgrün schattiger Laubwälder gab es nicht mehr. Bäume waren verschwunden. Es gab nur noch Gras und Gestrüpp. Ein blasses Graubraun. Asche und Sand. Die Farben des Ödlands. Dessen, was übrig geblieben war.
Mega konnte sich zumindest noch an die Außenwelt erinnern. Wenn auch nicht vollständig. Sie wusste jedoch sicher, dass es sie gab. Doch die Kinder, die im Bunker zur Welt gekommen waren, kannten nur den Bunker. Der Keller war ihre ganze Welt. Geschichten von der Oberfläche und der Zeit vor der Katastrophe waren für sie Märchen. Selbst die Bilder der Außenkameras konnten sie nicht von der Existenz der Oberfläche überzeugen. Sie zeigten immer das Gleiche. Ruinen. Schwarze Gebäudereste, grauen Himmel. Das könnten Kulissen sein, die Bilder könnten manipuliert worden sein. Das war ohne Weiteres möglich. So viel wussten die Kinder. So lang sie es nicht mit den eigenen Augen gesehen hatten, würden sie den Erwachsenen gegenüber skeptisch bleiben. Mega versuchte sich vorzustellen, wie es sein musste, nichts über die Außenwelt zu wissen. Allein der Gedanke flößte ihr Angst ein. Die Bedrohung, die außerhalb der Stahltüren lauerte, nahm gigantische Ausmaße an. Der Fantasie der Kinder waren keine Grenzen gesetzt.
Obwohl nur wenige Bewohner des Kellers die Oberfläche wirklich zu Gesicht bekamen, hingen die Sehnsüchte und Gedanken aller an ihr. Es gab „Privilegierte“, die in regelmäßigen Abständen nach draußen mussten. Ihre Aufgabe war die Entrostung und Wartung der versteckten Ein- und Ausgänge, die Reinigung von Dr. Kobes Spiegelsystem sowie Reparaturen an Außenkameras, diversen Windrädern und Solarzellen. Die Einsätze waren gefährlich und entsprechend unbeliebt. Zahlreiche Kellerbewohner, die es gewagt hatten, waren getötet oder verschleppt worden. Niemand wusste wohin. Die marodierenden Horden überfielen jeden. Für diejenigen, die nach draußen mussten, war es deshalb leidige Pflicht, was immer wieder zu Unstimmigkeiten unter den Bewohnern führte. Kindern und Frauen war es grundsätzlich verboten, die Oberfläche zu betreten. Für Kinder war es zu gefährlich und Frauen waren zu wichtig für das Überleben. Frauen konnten gut ohne Männer auskommen. Männer jedoch nicht ohne Frauen. Zumindest nicht langfristig. Deshalb waren sie besonders „schützenswert“. Einzige Ausnahme war Fr. Kem. Sie musste sogar nach oben, weil sie sich besser als die Männer zur Wehr setzen konnte. Die Protektion der Frauen war kein Sexismus, wie Prof. Walden immer wieder betonte, sondern diente ausschließlich der Verbesserung ihrer Überlebenschancen. Den Forderungen nach mehr Mitspracherecht kam Prof. Walden so weit es ging nach. Frauen hatten inzwischen in allen Bereichen das letzte Wort. Mit Ausnahme des Bereichs Sicherheit. Er war die letzte Bastion der Männer. Und Sicherheit, das respektierten alle, stand in Zeiten wie diesen nun mal über allem. Nur deshalb war Prof. Walden nach wie vor der unangefochtene Führer der kleinen Gemeinschaft.
Mega fühlte sich lange Zeit als Eindringling. Sie war als Einzige gerettet und in die Gemeinschaft aufgenommen worden, während alle anderen draußen bleiben mussten. In der Enklave lebten neben sechs Erwachsenen, zu denen sowohl Wissenschaftler als auch Mitglieder des ehemaligen Sicherheitspersonals der Universität gehörten, noch Mega, drei Kinder und ein junger Mann namens Mark. Während die Erwachsenen, mit Ausnahme von Prof. Walden und Sophia, zunächst distanziert blieben, hatte Mega schnell Freundschaft mit dem Jungen geschlossen. Mark war ein paar Jahre älter als sie, trotzdem wurden die beiden wie Pech und Schwefel und unternahmen fortan alles gemeinsam. Expeditionen in die Tiefen des Kellers, die Erforschung der Bibliothek und das Studium der verschrobenen Kellerbewohner. Letzteres war ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie spielten selbst Wissenschaftler, bastelten sich weiße Kittel, setzten sich alte Brillen auf, kritzelten fleißig Berichte auf Notizblöcke und erforschten die bemerkenswerten Verhaltensweisen der vom Aussterben bedrohten Spezies namens Schissenwaffler.
Es gab zahlreiche Entbehrungen, die das Leben als Kellerbewohner mit sich brachte. Da war zunächst der Vitaminmangel. Walden hatte vor dem Zusammenbruch einen beachtlichen Vorrat an Vitaminpillen zusammengetragen, doch der würde nicht ewig halten. Ein weiteres Problem war die Schlaflosigkeit. Die immer gleichen Lichtverhältnisse brachten den zirkadianen Rhythmus der Bewohner durcheinander. Der Tag des einen wurde immer länger, der des anderen immer kürzer. Besuche in Dr. Kobes Lichtraum brachten kaum Abhilfe. Die hellen Momente waren einfach zu kurz, die Dunkelheit des Kellers zu dominant. Die größte Herausforderung war jedoch das beklemmende Gefühl der Sinnlosigkeit, das einfach nicht weichen wollte. Die Depression war die schlimmste Krankheit, die die Kellerbewohner kannten. Es gab zu wenig Ablenkung. Regelmäßige Sport- und Spieleabende schweißten die Gruppe zusammen und sorgten für Ablenkung und Endorphinausschüttung, konnten jedoch das fehlende Sonnenlicht nicht ausgleichen. Es war ein unfairer Kampf. Und immer wieder geschah es, dass Bewohner unterlagen. Niemand sprach über das Thema. Es war tabu. Niemand im Keller wollte den Kindern erzählen, wie ihre Eltern wirklich gestorben waren. Die Depression hatte zahlreiche Schattierungen. Im Laufe der Jahre lernte Mega sie alle kennen. In einer besonders gefährlichen Phase konnten sie in Aggression umschlagen.
Mega erinnerte sich nur ungern an ihren schwärzesten Tag. Sie war neun Jahre alt gewesen und hatte, wie so oft, darum gebeten, nach draußen zu dürfen. An die frische Luft. Nur kurz. Nur die Tür ein Stück öffnen, um rausgucken zu können, und Walden hatte es ihr, wie so oft, verboten. Mega hatte das Verbot immer akzeptiert. Sie hatte gemurrt und geschimpft, doch am Ende hatte sie eingesehen, dass es nicht anders ging. Doch an diesem schicksalhaften Tag hatte Mega das Verbot nicht akzeptiert. Im Nachhinein konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was in sie gefahren war. Zunächst sah es aus, als wenn sie weglaufen und schmollen würde, so wie sie es normalerweise immer tat, doch an diesem Tag rannte Mega in die Werkstatt, holte sich einen Hammer, so groß, dass sie ihn kaum tragen konnte, und rannte nach oben zum Haupttor. Ein sensibler Bereich, dessen Betreten verboten war. Die Neunjährige nahm den Hammer, schlug ihn gegen das Tor und schrie so laut und so schrill, dass es den Bewohnern einen Schauer den Rücken hinunter jagte:
„Ich will raus! Ich will hier raus!“
Immer wieder drosch sie mit dem Hammer auf die Stahlplatten, dass es nur so krachte. Der Hall der Schläge rollte unheilvoll durch die Betonröhren des Kellers. Fr. Kem und Hr. Bernhard, die von einem Angriff ausgingen und dem Prozedere des stummen Alarms folgten, staunten nicht schlecht, als sie auf halber Treppe endlich Megas Stimme erkannten und auch wieder nicht erkannten. Auf der im Anschluss eilig anberaumten Konferenz berichtete Fr. Kem verstört, dass sie Megas Stimme zunächst nicht erkannt habe:
„Das war nicht Mega. Das war jemand anderes.“
Die Wissenschaftler waren alarmiert und äußerst beunruhigt. Dr. Kobe erzwang eine Abstimmung und setzte sich gegen Prof. Walden durch, der von seinem Veto Gebrauch machen wollte. Es ging um nichts Geringeres als um die Entscheidung, ob Mega für die Gemeinschaft weiterhin tragbar war oder nicht. Von diesem unberechenbaren Kind ging offensichtlich Gefahr aus. Ein Fehlverhalten dieses Ausmaßes, ein solch eklatanter Verstoß gegen die überlebenswichtigen Gesetze des Kellers konnte nicht toleriert werden. Schon gar nicht von einem Außenseiter. Wenn sie im Ödland jemand gehört hätte, hätte das den Tod aller Bewohner bedeuten können. Nach heftigen Diskussionen gab Walden sich schließlich geschlagen und ließ die Abstimmung zu. Mit einer Stimme Mehrheit entschied die Gemeinschaft, dass Mega bleiben durfte. Eine Stimme weniger und das neunjährige Kind wäre verstoßen und in den sicheren Tod geschickt worden.



Über das Buch und den Autor:

Das Buch
Oedland I Cover
Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Sie ging vor vierzig Jahren unter. Aus Ressourcenknappheiten wurden Verteilungskämpfe, aus regionalen Konflikten Flächenbrände. Das Kartenhaus Zivilisation brach zusammen. Vom Land und von den Städten blieben nur Wüsten und Ruinen übrig: Das ÖDLAND.

Die Überlebenden rotteten sich zusammen und zogen sich in abgeschiedene Enklaven zurück, in versteckte Keller, alte Bergwerke, verbarrikadierte Dörfer und unzugängliche Stadtteile, versuchten nicht entdeckt zu werden und zu überleben.

Denn durch die verwüsteten Landstriche zogen bewaffnete Banden. Auf der Suche nach Essbarem griffen sie jeden an, der ihnen in die Quere kam und machten das Ödland zu einem Ort, den niemand freiwillig betrat.
Mega, ein neunzehnjähriges Mädchen, wächst in einer Enklave auf. In einem Heizungskeller unter einer verfallenen Universität. Die junge Frau hat einen Traum: Eines Tages will sie den Keller verlassen und die Welt erkunden, denn die muffige Enge lässt sie die Betonmauern hochgehen und das ewige Stillsein und Verstecken entspricht überhaupt nicht ihrem Wesen.

Erzählt wird Megas Reise durch das ÖDLAND zu den Ursprüngen ihrer Existenz, denn Mega hat nie vergessen, dass sie nicht im Keller geboren wurde.

Christoph Zachariae
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Christoph Zachariae wird 1972 als Sohn eines Flugzeugingenieurs und einer Lehrerin in Bremen geboren. Vom Vater übernimmt er die Begeisterung für Technik und Raumfahrt, von der Mutter die für Kunst und Museen.

Im Alter von 12 Jahren schreibt er die erste Kurzgeschichte.

Ab 1993 studiert er Filmwissenschaften und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und realisiert Fotoausstellungen. Aus eigenen Drehbüchern entstehen Kurzfilme, die auf zahlreichen Festivals laufen. 1996 wechselt er an die Filmakademie Ludwigsburg und schließt ein Regiestudium ab.

Seine Leidenschaft gehört der Phantastik und der dunklen Seite der menschlichen Seele.

Seit 2002 lebt und arbeitet er in Berlin. Hier entstehen u.a. die Hörbücher für die mehrfach preisgekrönte Thriller-Serie DARKSIDE PARK. Neben Drehbüchern für Kinofilme schreibt Christoph Zachariae für deutsche TV-Serien und produziert eigene Kurzfilme.

Auf der Homepage zachariae.com, sowie auf Facebook erfahrt Ihr mehr über Christoph Zachariae und ÖDLAND.






































































5 Comments

  1. Mitreißend geschrieben, ich möchte schon nach dieser kurzen Leseprobe wissen, was Mega draußen erleben wird und natürlich, ob sie überlebt! Wie bei jedem postapokalyptischen Werk bleibt vor allem die Frage, ob am Ende das Leben triumphiert oder ob auch die Enklaven untergehen…ich bin gespannt!

  2. Cooler text, erinnert mich an Walking Dead! Ich bin gespannt wie es weiter geht und was fuer weitere Abenteuer Mega auf ihrer Reise erleben wird.

  3. Ich finde die Idee und auch den Schauplatz sehr ansprechend und dass das Potenzial für eine spannende Geschichte gegeben ist. Vor allem scheint sich der Autor auf die Liebe zum Detail konzentriert zu haben, aber da, so mein subjektives Empfinden, liegt auch das Problem in dem Ausschnitt der Geschichte:

    Es reihen sich so viele kleine Geschichten und Anmerkungen (z.B. die Depression, Mega´s Geburtstag, Rolle der Frau, marodierende Horden, der Doktor und seine Mutationen…) aneinander. Meiner Meinung nach hätte man hier ein wenig “geduldiger” beschreiben oder die Informationen in einem längeren Kapitel unterbringen sollen.

    Und die ersten Namen waren der Knüller: Mega und Dr. Hammer. Super. Wie heißen denn dann die Bösewichte? ;)

  4. Die idee das Prof. Walden einen Kalender mit Bilder der Vergangeheit bastelt ist irgendwie knuffig…..

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