Nieve

von Nicola von Leffern

Mit jedem Atemzug verwandelt sich die kalte Fensterscheibe vor Elinas Augen, Mund und Nase in eine undurchblickbare, feuchte und milchfarbene Wand.
Die junge Schwedin kneift ihre Lider noch ein wenig mehr zusammen und richtet ihren akribischen Blick gen Himmel.
Doch auch heute erspäht sie im Himmel über Taby – dem idyllischen Vorort von Stockholm – nicht, was sie sich so sehr wünscht:
Schnee.

Noch stehen die kleinen, dunkelrot angestrichenen Holzhäuser inmitten einer glitzernden, weißen Welt – doch Elina weiß, hält dieser Wetterumschwung an, dann dauert es nicht lange bis auch der letzte Kristall seine einmalige Form verliert und sich in schnödes, kaltes Wasser verwandelt.
Dieser Lauf der Natur – an sich – ist es nicht, der Elina Herzschmerzen bereitet. Vielmehr hat es etwas mit dem jungen Südamerikaner mit dem englischen Vornamen zu tun. Nelson.
Nelson heißt Nelson, weil sein Großvater so hieß. Das weiß sie.
Doch ob der Großvater Nelson hieß, weil er der Sohn von einem Mann namens: “Nel“ war, das weiß sie nicht und nimmt sich vor bei Gelegenheit zu fragen.

Nelson hat auf jeden Fall nicht nur den Vornamen mit dem Großvater gemein. Er hat genau wie sein “Abuelito“ Nautik in Santiago de Chile studiert und ist Schiffsingenieur von Beruf.
Das heißt, er wäre höchstwahrscheinlich Schiffsingenieur von Beruf, wäre er nicht über Umwege in Schweden gelandet.
Ohne Aufenthaltsgenehmigung und einzig dem Spanischen mächtig, schloss er sich schnell der immer wachsenden Gruppe der Gestrandeten und Heimatlosen an.

Er teilte sich eine kleine Wohnung mit zehn weiteren Seelen in einem Vorort, dessen Adjektiv wohl kaum „idyllisch“ gewesen wäre. Und diese elf jungen Männer hatten ab dann nicht nur eine gemeinsame Adresse, sondern gingen auch derselben Tätigkeit nach.

Sie alle bereinigten die Dächer der noblen Stockholmer Häuser von Schnee und Eis. In schwindelnder Höhe verrichteten sie in aller Kälte und der – den skandinavischen Wintern eigen – immerwährenden Dämmerung die gefährlichen Aufgaben, die zwar getan werden müssen, aber keiner tun möchte.

So ist es im Winter nicht ungewöhnlich, dass in den Gassen der Altstadt ein konstanter Widerhall der spanischen Flüche, Grüße und anderen Gefühlsbekundungen jeglicher Art erklingt, die es von den Dächern zwitschert.

Nelson ging es gut. Er lebte bescheiden, denn das Leben in Schweden ist teuer – doch die Löhne dementsprechend und so fing er an dem Sozialgeschehen außerhalb seiner Wohnung komplett fern zu bleiben um sich stattdessen über jede gesparte Krone zu freuen.
Der immer gleiche Rhythmus aus wenig Schlaf und viel körperlicher Arbeit wurde in den ersten Wintermonaten nur durch die ebenso regelmäßig auftretenden Krankheiten durchbrochen. Die Kälte setzte den Südamerikanern zu und noch dazu steckten sie sich reihum beieinander an.

Wenn Elina darüber nachdachte wie groß, bzw. klein die Chance war, dem intelligenten und charmanten, jedoch zurückgezogen lebenden Chilenen zu begegnen, der ihr nun so viel bedeutete, dann kamen ihr immer folgende Worte in den Kopf:

“Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“

Anfänglich verband die beiden nicht viel mehr als Elinas Fürsorge, ihre Spanischkenntnisse und ihr Interesse an seinem Lebenswandel, der die gleichaltrige, jedoch viel behüteter lebende junge Frau beeindruckte. Doch bald darauf war die Bindung zwischen den zwei so unterschiedlichen Menschen zu einer ausgewachsenen Romanze gereift, die keiner Sprache oder Zukunft bedurfte.
Einmal stand er bei ihr im Zimmer, den Kopf ein wenig schief gelegt, denn er ist hoch gewachsen und ihr Reich im Hause ihrer Eltern unter der Dachschräge angesiedelt, als ihm ein schelmisches Grinsen über die Lippen huschte. Er griff nach einer Tube Sofortkleber, die auf ihrem Schreibtisch lag und tat so als ob er sich damit die spröden Lippen einschmieren würde.
“Nein, nein mach das nicht!“ rief sie entsetzt und im Eifer des Gefechts auf Schwedisch. Dann wurde sein Grinsen noch breiter und er beugte sich für einen Kuss zu ihr vor. Sie verstand.

Sie verbrachten Weihnachten und Neujahr gemeinsam mit Elinas Familie, und die Eintracht wurde nur ab und an durchbrochen, wenn die Ungeduld und das aufbrausende Temperament der jungen Schwedin den schleppend vorangehenden Sprachstunden für Nelson ein jähes Ende setzten. Sie redeten nicht viel über das was vor ihnen lag, aber sie wurden sich von Tag zu Tag sicherer, einander nicht mehr missen zu wollen.
Doch dann änderte sich alles.
Der Januar wurde der wärmste Januar Skandinaviens seit Anbeginn der Wetteraufzeichnung. Bald wurde Nelson fast täglich nach Hause geschickt, weil es einfach keine Arbeit mehr für ihn gab. Nachdem die gefährlichsten Dachlawinen und die potentiell mordenden Eiszapfenheere beseitigt waren, fiel einfach kein neuer Niederschlag vom Himmel. Anfänglich freute sich Elina noch, über unverhoffte Freizeit die ihr Liebster nun mit ihr verbringen konnte, über die Sonne und den täglich blauen Himmel. Doch bald schwante ihr, dass er sich das Leben in Schweden, unter diesen Umständen, nicht lange würde leisten können.

Und so begann sie jeden Morgen mit klopfendem Herzen zum Fenster zu stürzen und auf gute Nachrichten in Form von kleinen weißen Flöckchen zu hoffen. Doch jene erschienen nie.
Keiner der beiden traute sich etwas zu sagen, doch schlussendlich war es Nelson der ihr eröffnete, dass er ohne Schnee bis Ende Februar würde abreisen müssen. Elinas Familie konnte den gebrochenen Blick ihrer Tochter und Schwester kaum ertragen, der merklich jeden Tag trübseliger wurde, wenn sie den Rückweg vom Fenster antrat.

Sie lehnte, die Stirn an die kühle Scheibe gepresst und rang mit der aufsteigenden Wut und dem Gefühl der Ohnmacht über ihr Schicksal. Ihre Kehle schmeckte salzig und das Herunterschlucken ihrer Tränen fiel ihr schwer, da der Kloß in ihrem Halse das Schlucken generell erschwerte.
Und dann überkam es sie. Der Gedanke an die Zufälle. Und wie sie sich wie Vögel auf einem nieder lassen. Oder eben wie nicht fallende Schneeflocken. Und sie wusste was zu tun war.
Sie ging. Mit ihm.



Über die Autorin:

Nicola von Leffern
Portrait_Nicola_von_Leffern




Filmemacherin aus Wien
1986 in Hamburg geboren
sammelt Farben, Licht und Worte
http://www.35millimeters.com





















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