Mutter

von Andreas Weber

Freitag, 16 Uhr. Im Café Grotemeyer ist der Altersdurchschnitt heute bei ungefähr siebzig Jahren. An normalen Tagen liegt der Durchschnitt der Damen und Herren bei circa achtzig Jahren, aber ich bringe eine Menge frisches Blut in den Laden. Neidisch, auch ein wenig lüstern, schaut man auf meine frische, glatte Haut, bewundert mein volles Haar. Hinter den Sahnetorten tuscheln die Damen. An Tagen, wo ich mich alt und verbraucht fühle, besuche ich gerne das Grotemeyers. Hier bin ich der Einäugige unter den Blinden. An Tagen wie zum Beispiel heute, denn heute hab ich Geburtstag. Mit Mutter, Filterkaffee und Stachelbeertorte feiere ich meine zweiundvierzig Jahre.

„Ach Mutter, jetzt hör mal auf“, sage ich zu meiner Mutter, die mir stolz ihr Geschenk überreicht. „Was?“ „Jetzt hör mal auf. Ich bin kein Kind mehr“, sage ich leise über den Tisch. „Und ich will auch ganz sicher keine Baumwollstrumpfhosen mehr tragen. Nein, ganz sicher nicht.“ „Die ist aber schön warm“, sagt Mutter und schüttelt verständnislos den Kopf. „Morgen bist du wieder krank. Dann jammerst du wieder, wenn du dich unten rum verkühlt hast. Du weißt doch, wie schnell du dich unten rum verkühlst? Komm blas doch erst mal dein Kerzchen aus“, sagt Mutter und zeigt auf die Stachelbeertorte und das Kerzchen. Aber ich will jetzt nicht mein Kerzchen ausblasen. Ich will gar nichts ausblasen und ich will auch nicht, dass meine Mutter drüber nachdenkt, ob ich mich unten rum verkühle. Wenn ich mich unten rum verkühle, dann ist das meine Entscheidung.

Seit zweiundvierzig Jahren die gleichen guten Tipps. Geht doch nicht, denke ich und blas dann doch das Kerzchen aus, damit endlich Ruhe ist. „Aber die Strumpfhose zieh ich nicht an“, sage ich ein wenig zu laut. Zwei Seniorinnen am Nachbartisch kichern schon. „Ist ja gut. Reg dich doch nicht auf“, sagt Mutter und winkt einem Café – Fräulein zu, dass sie uns noch ein Kännchen Kaffee bringt. Ich weiß auch nicht, warum ich Mutter nicht glaube. Gar nichts ist nämlich gut. Es war noch nie etwas gut. Damals als Kind musste ich auch immer die ganze Zeit Strumpfhosen tragen, dazu noch im Winter Fäustlinge und diese geschlossene fliederfarbene Zipfelwollmütze, wo ich vorne nur für das Gesicht eine kleine Luke zum Durchgucken hatte. Da hatte ich schon verloren, bevor das Leben überhaupt losging. Erst haben die anderen Kinder geguckt, gestaunt, gelacht und dann … dann haben sie mich verprügelt. So sah das aus.

Oder der Schneeanzug. Der Schneeanzug heißt Schneeanzug, weil man ihn im Schnee trägt. Aber ich lief ja eigentlich fast das ganze Jahr mit diesem Schneeanzug rum. Vater bekam im September seine Winterreifen und ich den Schneeanzug verpasst und der blieb dann auch bis April an, da konnte es noch so warm sein. Strumpfhose und Schneeanzug bis mir die Suppe in die Winterstiefel lief und es dort unten nur so quietschte. Und die anderen Kinder? Die haben erst geguckt, gestaunt, gelacht und dann … dann haben sie mich verprügelt. So sah das aus. Schwöre.

„Ach, jetzt hör mal auf“, sagt Mutter und drückt sich ein Tränchen raus, weil ihr Sohn wieder so gemein zu ihr ist. Besorgt schauen die Seniorinnen vom Nachbartisch zu uns rüber. „Alles in Ordnung?“, fragen sie. „Ja, ja“, sagt Mutter und schaut dabei so leidend wie nötig, damit die Damen merken, dass eigentlich gar nichts in Ordnung ist. „Ich hab es doch nur gut gemeint und du weißt doch wie schnell du dich verkühlst. Ich hab mir doch nur Sorgen gemacht“, sagt sie dann. „Du warst doch ein sehr anfälliges Kind. So klein und schwach“, sagt Mutter. „Ne, ich war ganz und gar kein anfälliges Kind und ich hör jetzt auch nicht auf“, brülle ich, so dass jetzt auch der letzte Alte aufschaut.

Und dann mit fünfzehn Jahren die erste Freundin. „Weißt du noch?“, frage ich Mutter. Schneeanzug musste ich nicht mehr tragen, Aber wer kommt ins Zimmer, als wir das erste Mal am Schmusen waren? Wer? Mutter. Und in ihren Händen der Wäschekorb, weil mal wieder die Schlüpfer gewaschen werden mussten. Und die waren ja auch wieder dreckig. Das betonte sie dann auch noch mal vor meiner neuen, ersten heißen Liebe, wie dreckig die wieder waren und dann war auch schon Schluss mit meiner ersten großen Liebe. Die hat erst geguckt, gestaunt, gelacht und dann … dann, ne verprügelt hat sich mich nicht, aber jedem in der Schule hat sie die Geschichte erzählt und die haben mich dann verprügelt. So sah das aus. Aber na ja, das wäre sowieso nichts mit uns beiden und dem ganzen Schmusen geworden. Weil welches Mädchen will schon mit einem Jungen fummeln, der eine violette Baumwollstrumpfhose trägt?

„Ach, deine Mutter muss ja furchtbar gewesen sein“, sagt Mutter und schnäuzt lautstark in ihr Taschentuch. Jetzt mischen sich auch die älteren Damen vom Nachbartisch in unseren Dialog ein. „Wie gehen sie denn mit ihrer Mutter um“, sagen sie vorwurfsvoll. „So spricht man doch nicht mit seiner Mutter. Also wenn mein Sohn mit mir so sprechen würde, dem würde ich was erzählen“, sagt eine der Damen. Die Andere fängt jetzt ebenfalls an zu zetern und zu heulen. Ihr Sohn spricht genauso mit ihr, sagt sie. Oder er sprach so mit ihr. „Weil jetzt ist er in Amerika. In der Wirtschaft wissen sie“, erklärt sie uns. Drei Enkelkinder hat sie. Aber vielleicht mal zu Weihnachten bekommt sie die zu Gesicht. Sogleich werden Fotos von den drei Enkelkindern herausgeholt und auf den Tisch gelegt.

Oh, bitte nicht, will ich gerade sagen, da ist es aber schon zu spät. Die nächsten Senioren kommen an unseren Tisch, um uns auch mal die Fotos von den Enkeln zu zeigen, eine hat sogar Fotos von den Urenkeln dabei und zwar noch in Schwarz-Weiß, weil damals gab es noch gar keine Farbfotografie. „Ach damals“, sagt Mutter und alle nicken. „Ja damals“, sagen alle.

Da hatten sie kaum was, aber waren trotzdem glücklich und man konnte sich noch nachts auf die Straßen trauen. Aber heute? „Heute kann man ja noch nicht mal mehr einkaufen gehen, ohne bedroht zu werden“, jammern die Damen. Und so eine Strumpfhose, da hätten sie damals alles für gegeben, wenn sie so eine warme schöne Baumwollstrumpfhose geht hätten. Undankbar sind die Kinder geworden. Undankbar und böse. „Jetzt machen sie ihrer Mutter doch noch eine letzte Freude und ziehen sie doch mal diese Baumwollstrumpfhose an“, sagt eine weitere ältere Dame, die gleich ihre Donauwelle mit an unseren Tisch gebracht hat. Zwei Damen finden das auch, dass ich meiner Mutter diese Freude machen sollte und halten die Strumpfhose mal hoch und dann an mich dran. „Die passt doch klasse“, sagen sie alle. „Gucken sie doch mal.“ Und dann kommen immer mehr ältere Damen an unseren Tisch, zerren an mir herum, versuchen mich mit Franzbranntwein und 4711 zu betäuben und mir diese Strumpfhose überzuziehen. Die Alten drücken mich auf den Boden. Szenen aus „The Walking Dead“ werden real. Die Alten kratzen und beißen. Ich schreie um Hilfe. Ich schreie: „Mutter.“ Ach was. „Mama, Mama. Hilfe. Hilfe.“

Plötzlich erscheint wie eine Lichtgestalt Mutter zwischen all den Alten, zieht mich aus dem Pulk.
Sie schmeißt mich auf ihre Schulter und schleppt mich raus aus dem Laden.
„Ach Junge“, sagt Mutter, während sie meine Wunden versorgt. „Wenn man nicht jede Sekunde nach dir schaut. Ich sag es ja: Klein und schwach warst du. Klein und schwach.“



Über den Autor:

Andreas Weber

AndreasWeber

Andreas Weber wurde Anfang der siebziger Jahre in Münster geboren. In der Provinzmetropole ging er zur Schule, zum Zivildienst und dort studierte er auch. Für kurze Zeit lockten den Autor die Verheißungen der Großstadt, aber nach einem Jahr kehrte er wieder zu seinem Acker zurück. Andreas Weber ist Mitglied der Lesebühne [Die2]drei, wofür er monatlich Satirisches und Selbstironisches abliefert. 2008 erschien sein literarisch Debüt „Rotes Sofa“, 2012 folgte sein erster Roman „Radau“, 2013 sein Kurzgeschichtenband “Herr Weber auf Safari”. Momentan lebt, schreibt und arbeitet er in Münster. Wo sonst? Mehr Infos unter: www.ruhmundelend.de























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