Mein erstes Mal

von Conny Ertl

Das erste Mal ist immer schmerzhaft. Wie man sich auch dreht und wendet. Und gewunden hab’ ich mich lang. Ich wollte mir diese Erfahrung ersparen, wirklich. Aber erst erwischt’s die erste Freundin, dann die zweite und die dritte. Und alles was ich höre ist: „Conny, das musst du auch versuchen! Ja, es tut schon weh. Aber es lohnt sich! Und wenn du dich einmal dazu überwunden hast, dann willst du nie wieder was anderes!“
Jetzt bin ich also 29. Und es wird allerhöchste Zeit!

Wir Frauen haben’s echt nicht leicht. Achtung, Männer, in den nächsten Minuten kommen unter Umständen Wahrheiten über das schöne Geschlecht ans Licht, die ihr nie wissen wolltet. Aber wo ihr schon mal da seid…
Also: Ja, auch wir haben Haare. Die wallende Mähne am Kopf, ein paar elegant geschwungene Augenbrauen und Wimpern, die unsere wunderschönen Augen betonen. Wir toupieren, wir fassonieren, wir tuschen…aber richtig mühsam wird’s dann in den südlicheren Gefilden. Wir rasieren und wir zupfen. Und geben uns die größte Mühe immer den Eindruck zu vermitteln elfengleiche Wesen mit einer Haut wie Samt und Seide zu sein. Naja, zumindest solange wir die Zeit dazu haben. Irgendwann sind wir Ende 20 und stellen fest, dass sich die Prioritäten in unserem Leben verlagert haben. Von Alkopopps zu Rotwein, von Pro7 zu Arte und von blutigen Bic-Rasierer-Massakern ins Waxing-Studio.
Eine Erfahrung wie eine Schwangerschaft. Erst hat man keine Ahnung was da eigentlich auf einen zukommt, dann informiert man sich, dann bekommt man Angst und dann durchleidet man Höllenschmerzen, um schlussendlich glücklich auf das Ergebnis zu blicken.

Im Freundeskreis geistern plötzlich Begriffe wie Landungsstreifen, Pofalte und Depiladora mitten durch ein vermeintlich harmloses Gespräch beim Mittagessen. Kaum habe ich den neuen Trend realisiert, steh’ ich auch schon als einzige Waxing-Jungfrau da. Verwirrt, verunsichert aber doch entschlossen mich dem Druck des Östrogen-Rudels zu beugen nehme ich mir also erst mal die Internetseite des Waxing-Studios vor. Da haben wir’s: „Bikini“, „Bikini Tanga“, „Bikini Strip“. Hm. Ich kann zwar zwischen langen Unterhosen und Bikinis unterscheiden, aber hier wird’s langsam wirklich knifflig.
Weiter geht’s mit dem „Brazilian Hollywood Cut“. Also was jetzt? Brasilien oder Hollywood? Ich stelle mir die Form einer Filmklappe vor, daneben eine Kosmetikerin im Samba-Outfit mit einem Eimer Wachs, die „Lights, Camera, Action!“ ruft bevor sie mir heftige körperliche Schmerzen zufügt.
Als nächstes auf der Liste: Der „Brazilian Landing Strip“. Hm. Habe ich erwähnt, dass meine Wohnung samt privat-FKK-geeigneter Dachterrasse direkt in der Einflugschneise Richtung Flughafen liegt? Ob sie mich tatsächlich sehen können weiß ich nicht, aber ich möchte wirklich nicht zur Verantwortung gezogen werden wenn die Piloten ihr Fahrwerk zu früh ausfahren. Die AUA hat ja auch so schon genug Probleme.
Bleiben noch „Brazilian Triangle“, „Brazilian Special“ oder der feige Weg zurück zum Bic-Rasierer. Auf das Triangle verzichte ich, sonderlich musikalisch war ich eh noch nie. Auf Überraschungen steh’ ich auch nicht besonders, und was meine Mädels können, kann ich schon lang! Eine Entscheidung muss her! Und weil ich Single bin und sowieso schon immer einen Piloten kennenlernen wollte, entscheide ich mich für den als Landungsstreifen getarnten Irokesen.

Einen Termin brauche ich nicht, nur ein bisschen Überwindung, einen lässigen Gesichtsausdruck und ein paar Stunden Zeit. Der Trend hat sich nämlich offenbar so weit herumgesprochen, dass sich alle Wienerinnnen mit Körperbehaarung seit geraumer Zeit ein Waxing-Studio teilen. Aber auch ein völlig überfülltes Foyer kann mich jetzt nicht mehr aufhalten!
Fest entschlossen betrete ich den Ort des Geschehens und bereits am Empfang bemerke ich, dass meine Chancen die bevorstehende Prozedur zu überleben, soeben rapide gesunken sind. Zumindest wenn die Freundlichkeit der Empfangsdame auf die Einfühlsamkeit des restlichen Fachpersonals schließen lässt. „Michelle-Sophie“ steht auf ihrem pinken Namensschild. Sie würdigt mich keines Blickes, bis sie mich schließlich fragt, was ich mir denn gerne antun lassen möchte.

„Einen Landungsstreifen bitte“, flüstere ich.
„Wie?“ fragt sie kaugummikauend und zieht die linke Augenbraue erwartungsvoll nach oben.
„LANDING STRIP! Den Punk unter den Intimfrisuren!!“ brülle ich ihr entgegen.

Jetzt hat es wirklich JEDER gehört. Ich bekomme eine Karte, eine Uhrzeit, begebe mich ins Waxing-Warte-Kollektiv und beobachte das Geschehen. Eine Leidensgenossin nach der anderen wird hinter den Vorhang in eine Kabine geführt. Was dort passiert weiß nur Gott…und die Depiladora.

Dann ist es soweit: „FRAU ERTL?!“
Ich stehe auf, versuche zu lächeln und folge der Frau, die in wenigen Minuten Gesichtsausdrücke von mir zu sehen bekommen wird, die ich selbst noch nicht kannte.
Hose runter, Beine auseinander und noch bevor ich die Frage „ist es eh nicht zu unangenehm?“ ernsthaft in Betracht ziehe zu beantworten, ist es auch schon passiert.
HEILIGE SCHEISSE!! Ich bin mir sicher ich habe gerade nicht nur Haare, sondern ganze Körperteile verloren, die ich aus diversen Gründen eigentlich noch behalten wollte. Ich versuche mich aufs Ein- und Ausatmen zu konzentrieren und als ich die Augen öffne um zu checken, was mir unter der Gürtellinie geblieben ist, sehe ich erst mal nichts als den Abdruck meines Oberkiefers in meinem Handrücken.
„Sie müssen sich ein wenig entspannen!“ sagt die Depiladora seufzend und klopft mir begleitet von einem wenig vertrauenserweckenden Lächeln mit ihren Plastikhandschuh-Händen auf den Oberschenkel.
JETZT REICHTS! Ich schnappe mir den Eimer mit dem heißen Wachs und stülpe ihn der Enthaarungs-Fachfrau direkt über den Kopf. „Ha! Wer sollte sich JETZT mal „ein wenig entspannen“?!“ denke ich, verwerfe diesen kurzen Tagtraum allerdings gleich wieder, atme tief durch und lächle zurück. Schließlich sollte man sich nie mit einer Frau in Pink anlegen, die mit heißem Wachs am Allerheiligsten zu Gange ist.

Knapp 15 Minuten später habe ich es tatsächlich überstanden. Das Ergebnis überzeugt buchstäblich auf ganzer Linie. Ich bin zufrieden. Nur die Depiladora steht immer noch mit Plastikhandschuhen, Wachseimer und fragendem Blick vor mir. Die Frage, ob ihr denn auch was auf den Lippen brennt, spare ich mir an dieser Stelle. Ich ahne ohnehin bereits welcher Körperstelle sie zum Abschluss noch die waxing-Jungfräulichkeit nehmen will.

Was allerdings wirklich passiert, wenn man sich am Ende noch auf den Bauch dreht, behalte ich für mich. Erstens weil ja jeder seine eigenen Erfahrungen machen sollte und zweitens: Vielleicht ist ja heute doch noch ein lediger Pilot unter den Lesern!



Über die Autorin:

Cornelia Ertl

Cornelia_Ertl

Conny Ertl ist Texterin, Moderatorin und Poetry Slammerin aus Wien. Sie ist Gründerin und Chefin einer Werbeagentur, schreibt leidenschaftlich gerne Blogtexte, Reiseberichte, TV-Konzepte und, als wäre es nicht schon genug, versucht sie sich derzeit auch noch als Kinderbuchautorin. Conny trat 2012 zum ersten Mal bei einem Poetry Slam in Wien auf und hat es nur ein Jahr später direkt auf Platz 5 der Österreichischen Poetry Slam Meisterschaften in Salzburg geschafft.

Mehr von und über die charmante Wienerin findet ihr auf ihrer Facebook-Seite und ihrem Blog.























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