Kaffee zu Fuß

von Björn Benthack

Wer kennt es nicht? Es ist Montagmorgen, unendlich viele schlecht gelaunte und düster dreinblickende Menschen schieben sich in die U-Bahnen, stehen herum, blasen Trübsal, in der Hoffnung, dieser Tag möge doch schnell vorbeigehen. Am Ziel ihrer beschwerlichen Reise angekommen quälen sich die Massen missmutiger, von Kopf, Geist und Kreativität befreiter Körper wie leere Hüllen durch die hippe Hafencity auf dem Weg zu ihrem unglaublich modernen Arbeitsplatz. Der einzige Lichtblick dieser Ansammlung meist egozentrischer, aber dennoch auf Teamfähigkeit getrimmter, modisch stets bis in die letzte Haarspitze gelackter Individuen ist ein Getränk, das unsere Großeltern und alle Generationen zuvor schlicht und einfach als Kaffee bezeichnet haben. Im Starbucks seines Vertrauens wird sich dann aber gerne mal ein Chai Latte Grande mit Karamelsirup und Milchschaum statt Sahne bestellt. Betritt man als normaler Mensch eine solche vor Kuriositäten nur so wimmelnde Lokalität, kommt sich der geneigte Bürger vor, als sei er mit Pauliklamotten in der Nordkurve der HSV Arena gelandet. Bestelle ich als Coffeeshoplaie nun einen normalen Kaffee mit Milch werde ich von diversen schwarz umrandeten Charakterbrillen kritisch beäugt und sofort als kein hipper Hafencityjünger abgestempelt.

„Der kann ja nicht mal Starbuckian“ ruft ein Polohemd behafteter Schmierlappen mir entgegen. Ich drehe mich verdutzt um und frage ihn „Sachma, ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass dein um die Schultern gehängter Hilfigerpullover deinen hochgeklappten Lacostehemdkragen in wenigen Minuten unter sich begraben wird? Das wäre ein ziemlicher Minuspunkt für deinen coolen Style. Lass das mal nicht deine Kollegen an ihrem vor grüner Energie nur so strotzendem Arbeitsplatz sehen“. Entsetzt sah er seinen Kragen in sich zusammenfallen und rannte heulend aus dem Laden. Das aber nur so als Anekdote nebenbei.

Zurück zu meinem eigentlich Anliegen, dem Coff…“Heeey“, brüllt mir auf einmal ein vom optischen augenscheinlicher Verwandter des rosa Polomannes von eben entgegen. „Warum spielst du dich denn hier so auf? Was willst du hier überhaupt mit deiner Jeans und deinem Pullover?“ Noch verwunderter als zuvor schaue ich ihn an: 1,90 groß, stilsichere Brille, pfiffiger Undercut auf dem Kopf, Halstuch aus Seide lässig um die etwas kurz geratene Verbindung zwischen Rumpf und Kopf gebunden, weißer Hemdkragen, der aus einem feinen blauen mit V-Ausschnitt versehenem Bosspullover emporragt und den monströsen, vom 5 Sterne Essen und besten Wein geschwängerten Bauch wenigstens etwas kaschiert, fabelhaft kombiniert mit einer viel zu engen Stoffhose sowie den unverwechselbaren Seglerschuhen aus feinstem Leder. Ich schau an ihm herunter und überlege mir eine schlagkräftige Antwort. In meinem Kopf sprudelt es nur so vor Ideen, doch wie kann ich diesem, mir in seinen Augen deutlich überlegenen, Mann bloß Paroli bieten.

„Junge“, sach ich, „es tut mir Leid, dass ich deinen Freund mit meinen Aussagen bezüglich seines äußerlichen Erscheinungsbildes so dermaßen beleidigt habe, dass er heulend das Weite sucht. Ich dachte ihr werdet hier in eurer eigenen Welt tagtäglich auf Kritikfähigkeit getrimmt und habt euch nicht nur physisch sondern auch psychisch ein dickes Fell zugelegt“. Sein rundes Gesicht wurde schlagartig feuerrot. Mir war sofort klar, dass er meine Bemerkung über das physisch dicke Fell in den falschen Hals bekam und sie sofort auf seine Wampe bezog.

„Du verdammte Zecke. Willst du mich jetzt etwa auch beleidigen? Guck dich doch mal an. Ich fahre 2 Ferraris, bekomme monatlich mehr Gehalt als du dir in deinem jämmerlichen Leben jemals zusammenschnorren wirst, habe eine Wohnung an der Elbe, ein Haus auf Sylt und ficke jede Mittagspause entweder die neue Praktikantin oder meine Sekretärin“.

Im hinteren Bereich des Kaffeeladens hörte man ein empörtes Stühlerücken, woraufhin eine silikonüberflutete Gestalt, die sich allen ernstes als Frau bezeichnet, nach vorne zur Kasse stöckelte und mit ihrer Louis Vuitton Tasche auf den immer noch rot unterlaufenen Herren einschlug.
„Was erzählst du hier? Ich bin die Mutter deiner Kinder und muss hier in meinem Lieblingsstarbucks, in dem ich mich jeden Mittwoch um diese Zeit mit anderen Frauen steinreichener Männern treffe um über unsere Probleme mit den Haaren, der Nanny, dem BMW Cabrio, das wir mal wieder zu Schrott gefahren haben und andere wirklich wichtige Dinge im Leben unterhalte, erfahren, dass du deine untersetzte Praktikantin vögelst? Bin ich dir etwa nicht mehr gut genug? Titten Arsch und Lippen hab ich mir machen lassen. Nur für dich!
Mittlerweile drückten sich Leute selbst außerhalb des Ladens an der Fensterscheibe die Nase platt um dieser kuriosen Szene beizuwohnen…

Der sehr reiche Mann verlor die rote Gesichtsfarbe schlagartig und wurde kreidebleich. „Aber Schatzi, das war doch nicht so gemeint, ich meine, ich wollte, ich dachte, ähm, du bist doch die Schönste und Einzige für mich, ich, ich…“ „Was besseres fällt dir nicht ein?“ lag es mir auf der Zunge. Doch beim bloßen Gedanken ans Aussprechen dieses Satzes schmerzte mir mein Kopf den er mir sicherlich postwendend mit seinen Speckärmchen auf den Tresen geknallt hätte. „Du kannst mich mal am Arsch lecken“, sagte die Schlauchbootlippe, „Ich hole unsere beiden unfassbar hochbegabten und deshalb in einem internationalen Kindergarten spielenden Kinder jetzt ab und fahre zurück zu Mutti nach Bottrop!“ „Ahh back to the roots“ dachte ich mir nur. Noch immer schnaubend vor Wut stürmte die Botox-Barbie, in der Geschwindigkeit die ihre Pfennigabsätze zuließen, aus dem Laden. Der Herr hatte es also in nur wenigen Minuten geschafft von seinem hohen Ross auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Kurz noch blickte er sich zu mir um und zischte mir ein „man sieht sich immer zweimal im Leben du Schmarotzer“ entgegen und lief, immer brav die Wampe voraus, seinem ach so geliebten Silikonballon hinterher. Erleichtert nahm ich zur Kenntnis, dass die kritische Situation überstanden war. Ich drehte mich zur, noch immer mit offenem Mund dastehenden, Bedienung um und fragte: „wo bleibt eigentlich mein Kaffee mit Milch?“



Über den Autor:

Björn Benthack
Portrait_Bjoern_Benthack






lebt in Hamburg-Barmbek
spielt gern Tennis
ist immer für ein köstliches Pils zu haben

















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