Im Internet kann man alles finden! Aber wo?

von Dominik Bartels

Ich persönlich glaube ja, dieses Internet wird sich nicht durchsetzen. Das ist doch nur so ein Trend. So eine kurzfristige Erscheinung. Nicht mehr als ein Intermezzo in der Menschheitsgeschichte. Im Grunde so etwas wie Ballonseideanzüge. Klar, das hat man in den Achtzigern getragen und das fand man auch schick. Aber damit läuft doch keine Sau mehr herum. Na gut, so ein paar Nostalgiker vielleicht. Aber im Grunde haben wir alle diese Phase überwunden.

Bei diesem Internet wird es genauso sein. Irgendwann wird man sich vor die Stirn hauen und seinen Kindern lachend erzählen: „Mensch, damals, das waren vielleicht verrückte Zeiten. Kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. In diesem Internet verschwanden früher unglaublich viele Senioren, nachdem sie die Tastenkombination ALT und ENTF gedrückt hatten. Und nach den Senioren traf es unzählige Autofahrer. Damals fragte niemand mehr nach dem Weg oder schaute in den guten, alten Straßenatlas. Man verließ sich voll und ganz auf das Navigationsgerät. Klar … natürlich sahen die Kraftfahrer den Baum kommen, aber das NAVI befahl leidenschaftslos: „Bitte jetzt rechts abbiegen. Jetzt rechts abbiegen.“ Und dann … ja, dann gingen die Lichter aus.

Besonders schlimm traf es damals die Jugend. Die tauchten zu großen Teilen völlig in virtuelle Welten ab. Mit Fast-Food gestählten Bäuchen und Red-Bull getränkten Augen saßen sie vor Flachbildschirmen, so groß wie Plakatwände und steuerten ihre Avatare durch wilde Schlachten und gefährliche Missionen. Während ihre computeranimierten Abbilder über unfassbare Fähigkeiten und Kräfte verfügten, hingen die realen Teenie-Körper wie eine schlappe, zerkochte Nudel auf ihren Drehstühlen herum. Damals reichten schon 2,60 Meter um Deutscher Jugendmeister im Weitsprung zu werden. Die anderen Teilnehmer verwechselten den Absprung- mit einem Ladebalken und blieben davor einfach stehen. Als das Internet in Deutschland mal für zwei Tage ausfiel, erklärte ein junger Mann im Fernsehen, dass er Zeit mit seiner Familie habe verbringen müssen und dabei feststellte, dass das eigentlich ganz nette Leute seien.

Diese offensichtliche Sprachlosigkeit zog sich indes durch alle Bevölkerungsschichten. Zustimmung und Ablehnung, Sympathie und Antipathie, Interesse und Desinteresse wurden nur noch durch Likes und Kommentare in sozialen Netzwerken zum Ausdruck gebracht. Dort konnte man nach Herzenslust mit anderen Menschen in einer Sprache kommunizieren, die auf das Wesentliche reduziert und auch sonst Ausdruck geistiger Begrenztheit dokumentierte. Hier ein Beispiel:
Frage: „Ey, schon mal Fahrrad gecruist?“
„Hehe^^ lol was ne Frage…. nee ich benutze sowas nicht!“
“Rofl, du hast lol gesagt…”
“lol, der hat rofl gesagt xD”
“OMFG wer benutzt denn so ein Shice ist ja voll Lol”
“Omfg ihr seid ja rofl regt euch ab, naja ich finds lol *gg*“

Zu dieser eigenartigen Reduzierung des Wortschatzes gesellte sich der unbedingte Drang, alles und zwar wirklich alles, mit seinen virtuellen Freunden, den sogenannten Followern zu teilen. Millionen von Urlaubsbildern, aberlustigen Katzen- und Kleinkindvideos, zahllose dümmliche bis abgedroschene Kalendersprüche, unzählige Mitteilungen über die eigenen Befindlichkeiten beim morgendlichen Stuhlgang bis hin zur Bekanntgabe mit wem man, wo, weshalb, wann und überhaupt gerade ist, landeten auf diesen Plattformen der persönlichen Eitelkeiten und Selbstdarstellung. Mein Haus, mein Auto, mein Boot wurde ersetzt durch „134 Leuten gefällt das“ und „64 neue Kommentare“.

Und genau in diese Zeit der absoluten Allmacht von Bites und Bytes gab es einen riesigen Skandal, eine Kehrtwende im Bewusstsein, ein Umdenken historischen Ausmaßes. Diese Zäsur in der jüngeren Menschheitsgeschichte war eng und untrennbar mit drei Buchstaben verbunden: NSA! Der amerikanische Bruder, Weltpolizei und Vorbild in allen Lebensplagen hatte uns ausspioniert. Also nicht nur uns. Aber uns eben ganz besonders. Ein Aufschrei ging durch die Nation. Die Amerikaner wissen alles, hieß es damals. So manch verzweifelter Ehemann soll in der Folgezeit dort angerufen haben, um darum zu bitten, dass die NSA ihn rechtzeitig an den Hochzeitstag und den Geburtstag der Liebsten erinnern möge. Verzweifelte PC-Besitzer fragten an, ob der Geheimdienst ihnen ihre Daten wiederbeschaffen könne, nachdem der Computer abgestürzt war.

Es hielt sich hartnäckig die Vorstellung, dass die USA ein riesiges Heer an Agenten beschäftige, das den lieben langen Tag alle Katzenbilder, Kalendersprüche und Kochrezepte auf Facebook nach verdächtigen Hinweisen kontrollieren würde. Jede einzelne Mausbewegung würden diese Spione sich anschauen, davon war die aufgeschreckte Internetgemeinde überzeugt.

Hält man sich allerdings vor Augen, dass zu jener Zeit auf der ganzen Welt 3,7 Millionen E-Mails verschickt wurden und zwar … pro Sekunde, dann kann man sich vorstellen, dass die jährlich verschickten 117 Billionen E-Mails nicht komplett durchgesehen werden können. Was haben die Donald Ducks der Geheimdienstszene aber dann mit diesem Datengebirge angestellt? Die Antwort lautet: Algorithmen. Ein paar mehr oder wenige intelligente Nerds mit Hornbrillen und Cordhosen haben im Kellergeschoss des Geheimdienstkomplex gesessen und sich computergestützte Filter einfallen lassen, um diesen riesigen Datenmüllhaufen nach bestimmten Kriterien zu trennen. Das war aber nur der erste Schritt. In einem weiteren Durchlauf suchten die Programme nach Korrelationen in den Datensätzen. Diese Übereinstimmungen dienten schlussendlich dazu, bestimmte Gefährdungs- und Risikoeinschätzungsaussagen zu treffen. Klingt kompliziert, ist aber relativ einfach anhand eines Beispiels zu verdeutlichen:

Nehmen wir einmal an, Sie heißen Jens R. sind männlich und Single. Sie wohnen in Hamburg und sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Ihr Vater ist ein angesehener Rechtsanwalt und ihre Mutter Hausfrau. Ihr Architekturstudium haben Sie mit einem Diplom erfolgreich abgeschlossen. Weil die Mieten in Hamburg schwindelerregend hoch sind, haben Sie eine WG mit zwei Freunden gegründet. Ein Auto besitzen sie nicht, fahren dafür aber viel Fahrrad. Ihre Vorliebe für den FC St.Pauli führt dazu, dass sie regelmäßig die Heimspiele am Millerntor verfolgen. Alkohol trinken Sie nicht, dafür rauchen Sie regelmäßig Haschisch. Bei amazon bestellen Sie regelmäßig Actionfilme und sie beherrschen die englische Sprache. Ihre beiden Schwestern sind beruflich erfolgreich und haben entzückende Kinder. Sie gelten bei Ihren Mitmenschen als höflich, zurückhaltend und fleißig.

Klingt doch wie ein ganz normaler, junger Mann aus der Hansestadt, nicht wahr? Das sind allerdings alles Eigenschaften, Hobbys und familiäre Hintergründe von Mohammed Atta, einem der Terroristen des 11. September. Ein Computerprogramm, welches ausschließlich Algorithmen verwendet und nach entsprechenden Korrelationen in Datensätzen sucht, würde Jens R. nun als potentiellen Terroristen herausfiltern. Nur aufgrund willkürlich programmierter Übereinstimmungskriterien. Das ist zugegeben ein sehr vereinfachtes Beispiel, aber es zeigt deutlich, wie Menschen unter einen Generalverdacht gestellt werden, ohne dass sie sich jemals etwas zu Schulden kommen lassen haben. Als einen solchen Terrorverdächtigen würde man Jens R. nun gezielt ausspähen. Die Unschuldsvermutung wird ad absurdum geführt.
Um den Leuten vom NSA ein Schnippchen zu schlagen, musste man sich demnach einfach völlig atypisch verhalten und damit die Spionageprogramme verwirren. Das funktionierte in etwa so:

Die Kinderlosen bestellten im Versandhandel riesige Mengen an Windeln und Babybrei. Buddhisten erwarben Schreckschuss-Pistolen und Schlagerfans kauften sich die neuen Platten von Rammstein, Metallica und Scooter. Jeder legte zehn verschiedene Facebook-Profile an und hatte zwölf unterschiedliche E-Mail-Adressen. Mann war weiblich, Frau war männlich, dazu hatte jeder zahlreiche Geburtstage und mindestens 18 Geschwister. Bei Umfragen wählten alle nur noch die Tierschutzpartei und gaben außerdem an, dass sie arbeitslos seien … und schwul … und im Besitz einer elektrischen Heckenschere … und eines Korans. Jeder legte sich mehrere Auslandskonten zu und verschob in der Folge willkürlich irgendwelche Kleinstbeträge von Deutschland in die Schweiz, dann nach Neuseeland und wieder zurück. Autofahrer tauschten an roten Ampeln und bei Staus ihre Nummernschilder untereinander und die Kreditkarten gleich mit. Alle Castorgegner versammelten sich hinter dem Zug und gaben ihm ordentlich Schwung. Gewerkschaften, Künstlervereinigungen und andere Organisationen setzten sich aktiv für ein Verbot der CDU ein. Mit Unterschriftenliste und allem pipapo. Vegetarier und Veganer verabredeten sich bei Facebook zu bundesweiten Spanferkelevents. In E-Mails schrieben alle nur noch unlogische Zahlenketten und verzierten diese mit einem Smiley. Das Wichtigste wurde wieder auf der Straße besprochen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit rief man den BND, das BKA und den MAD an und sagte Bescheid, dass man am Himmel so eine komische Erscheinung gesichtet habe. Alle User stellten bei Google die gleiche Anfrage und tippten „Google“ in das Suchfeld ein. Besonders wichtig und für die Geheimdienste von größtem Interesse waren die Verbindungen ins Ausland. Deshalb bestellten alle ihre Quietscheentchen in Online-Shops aus Aserbaidschan, Pakistan, China und dem Irak. Das Zeug wurde ja ohnehin nur noch in diesen Schurkenstaaten hergestellt. Eine riesige Welle des Nonsens und der Falschinformationen überflutete das Netz. Niemand konnte mehr zwischen realen und virtuellen Fakten unterscheiden. Es gab so viele Fakeaccounts und Falschinformationen, dass die Wahrheit nur noch eine Laune des Zufalls war. Und damit endete der Nutzwert des Internets. Das Interesse ging allmählich verloren. Die Realität war zwar nicht so schön bunt, aber wenigstens war sie … ehrlich.

Und wenn irgendwer auch nur irgendwas aus dieser Geschichte gelernt haben sollte, dann
Wenn Sie heute auf dem Klo sitzen und reißen das letzte Blatt ab, sind Sie doch irgendwie enttäuscht, wenn da nicht eine Internet-Adresse draufsteht und Sie zum Klopapier vertiefende Informationen anfordern können.
oder
Das Internet bietet unvorstellbar viel Mist, aber der Rest ist noch viel schlimmer!


Über den Autor:

Dominik Bartels

Dominik Bartels Slam

Dominik Bartels, Jahrgang 73, gebürtiger Mecklenburger, lebt in Helmstedt. Seine Texte wandeln zwischen Tragik, Komik und der Verwunderung über die Absurditäten unserer Welt. Mit dieser Mischung trat er erfolgreich bei zahlreichen Lesungen, Poetry Slams und Lesebühnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Estland auf. Seine Geschichten und Gedichte finden sich in Anthologien und Einzelpublikationen des Eulenspiegel Verlag Berlin, Lektora Verlag, Verlag Andreas Reiffer, u.a.





















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