How I met my sister – Von Vorbildern und Beispielen

von Martin Sieper

»Junge, du bist von nun an ein Vorbild!« Mein Vater kam freudestrahlend in mein Zimmer gerannt um mir die frohe Botschaft zu überbringen, dass ich von nun an ein kleines Schwesterchen hätte und ich nun der große Bruder sei. Ich schaute verwirrt und meinte erst mal: »Nö.«
Nö, ich meine, hallo? Da könne ja jetzt jeder kommen und ob er das überhaupt irgendwie beweisen könne und er meinte nur »Klar, ich erklär’s dir«, und ich dachte nur »Bäh, das ist aber jetzt mal voll eklig!« Und das alles nur, weil es im Winter vielleicht mal etwas kuschelig war, da kann man doch nun wirklich auch einen Kakao trinken und muss nicht rumknutschen, da sieht man mal was passiert, wenn man rumknutscht, nicht nur dass es noch nie schön war anzusehen, wenn sich die Eltern knutschten, es hatte auch noch einschneidende Folgen! Ich war total empört, schlug meinem Vater die Tür vor der Nase zu und spielte erst mal Jo-Jo.
»Du bist jetzt Vorbild«, so ein Unsinn, wieso nicht gleich mit gutem Beispiel voran gehen. Beispiele sind doch in der Hierarchie viel weiter oben angesiedelt. Bei Vorbildern und Beispielen verhält es sich so, wie mit Vorspiel und Beischlaf. Ersteres doof und wird völlig überbewertet.
Ich wollte kein Beispiel für meine kleine Schwester sein. Das war ja schon anatomisch irgendwie nicht möglich und ich las auch keine Wendy, zumindest nicht öffentlich. Ich fand Yps-Hefte toll. Und überhaupt sollten sowohl Vorbilder als auch Beispiele doch ernst genommen werden, und wie bitteschön soll man jemanden ernst nehmen, der früher Fürze mit dem Mäppchen fangen wollte?
Überhaupt sind Beispiele ja die Vorstufe zu typischen Beispielen, den schlimmsten Beispielen von allen, diesen Musterbeispielen, Max Mustermann beispielsweise, der Führer aller Beispiele. Aber wahrscheinlich wusste der selbst nicht mal, dass er so vielen als Beispiel diente, wenn es ihn überhaupt geben sollte. Ich meine, wo leben denn diese Beispiele? München, Hamburg, Stadtallendorf? So etwas muss doch auffallen.
Mein Vorbild war He-Man. Den gab es wenigstens. Der wohnte – im Fernsehen! Und He-Man hätte das auch nicht alles einfach so locker hingenommen, man stelle sich das mal vor:
»Ey, He-Man, leg mal das Schwert beiseite, du hast jetzt eine Schwester. Sei mal Vorbild.« – »Nö! Hallo, ich bin He-Man, Master of the Universe, ich habe einen international anerkannten Studienabschluss, ich hab doch die zwei Jahre nicht noch hinten dran gehängt um hier einen auf Vorbild zu machen. Das ist Bachelor-Arbeit!«
Da es bei uns raumordnungspolitisch nicht unbedingt gut aussah, musste ich mir von nun an mein Zimmer mit meinem Bruder teilen, was mal so gar nicht meinem familiären Rang entsprach. Und das nur, damit meine Schwester ihr rosa Prinzessinnen-Zimmer beziehen konnte, das ich in regelmäßigen Abständen mit meinen Action-Figuren angriff. Wer erinnert sich nicht an die geschichtsträchtigen Kämpfe zwischen Power Rangers und Rittern, damals im Mittelalter. Ich war der Meinung, dass man kleinen Schwestern so früh wie möglich deutlich machen musste, dass es den scheiß Prinzen nicht gab. Sorry Schwesterherz, der kommt nicht mehr, den hab ich erschossen als du klein warst!
Vorbild sein bedeutet Stress und Druck und das alles ohne finanzielle Anreize. Damit konnte ich so gar nicht umgehen. Nein, ohne mich. Auf dieses unmoralische Vorbildangebot seitens meines Vaters wollte ich mich nicht so einfach einlassen. Ich packte meinen Scout-Schulranzen (den in den wunderschönen Neon-Farben, so dass man wirklich von überall geortet werden konnte – es soll schon Unfälle gegeben haben, weil Autofahrer vom grellen Schein der Lichtreflektoren, die man als Kind an jede Stelle des Körpers geklebt bekam, geblendet wurden) und meinem Captain-Planet-Powerring, der mir ungeahnte Kräfte verlieh. Und ich zog aus.
Von meinem angesammelten Ersparten kaufte ich mir erst mal einen Flutschfinger, zwei Schlümpfe, eine saure Zunge und zwei weiße Mäuse, dann war ich pleite und musste per Anhalter weiter. Rückblickend betrachtet schlecht durchdacht, als 7-Jähriger konnte man nicht sooo leicht aus einem Paar-hundert-Seelen-Dorf entfliehen, wo selbst die Kühe petzten. Beim Versuch, zu trampen hielt als erstes unser Nachbar an und brachte mich wieder nach Hause. Ich erklärte ihm zwar, dass ich genau in die andere Richtung müsse, aber der persönliche Wille eines 7-Jährigen schien, damals jedenfalls, nicht unbedingt so viel zu zählen.
Ich kramte also mein persönliches Orakel aus der Schublade: Es waren vier Weise aus der Kanalisation, ihres Zeichens Teenage Mutant Hero Turtles unter der Leitung des legendären Meister Splinter (ich frage mich noch heute, wieso ich einer Ratte mehr Glauben geschenkt hatte als meinen Eltern) und wir berieten mein weiteres Vorgehen. Ich glaubte den Helden meiner Jugend: Turtles, Power Rangers und Darkwing Duck. Die konnten doch nicht lügen und schon mal gar nicht der Disney Club, aber von dem würde meine kleine Schwester nicht mehr viel haben, weil abgesetzt und abgelöst. Und wie bitteschön soll man ein vernünftiges Vorbild für jemanden sein, der als Tigerente aufwächst. Das geht doch nicht.
Und als ich mal für fünf Minuten meiner angeblichen Vorbildfunktion nicht nachkam, wurde bei KiKa auf Werbung geschaltet und meine Schwester lernte die Barbie kennen, die Barbie mit ihrem blöden Traumhaus, das ich dann aufbauen musste! Und dann wollte sie spielen! Mutter-Vater-Kind, wobei letzteres erst noch gemacht werden musste und ich dachte nur: »Das geht doch nicht, du bist meine Schwester, wie eklig! Und überhaupt, schau dir die Puppen doch mal genauer an, merkst du was? Die haben nicht mal Geschlechtsteile, die können keine Kinder machen und außerdem steht Ken auf Männer.« Aber sie verstand nicht. Als ich ihr dann erklärte, wie das so läuft mit der Fortpflanzung zwischen Spielzeugen meinte sie nur, dass sei ja jetzt mal voll eklig, igitt, wie abartig, so was machen Chinesen?
Blöder Storch dachte ich mir, blöder Storch, so gemein konnte doch echt kein Storch sein! Sie wurde von Krähen gebracht, von vielen, vielen Krähen, die nun auf unserem Dach saßen und das unschuldige Prinzesschen war ihre Anführerin: Prinzessin der Krähen!
Meine Eltern quittierten mir diese Vermutung mit Hausarrest. Ich war kein gutes Vorbild, so viel stand fest. Aber ich konnte ihr zumindest eine Sache mit auf den Weg des Lebens geben: Eigentlich war es doch egal was die anderen sagten – am besten war es sowieso, wenn man selbst als gutes Beispiel voranging.

Über den Autor:

Martin Sieper
Foto von Sabine Bruckner

Foto von Sabine Bruckner



Martin Sieper ist Kurzgeschichtenautor, Poetry Slammer und Bühnenchaot aus Marburg an der Lahn. Er ist Freund des Kaffees, lebte die meiste Zeit seines Lebens in der Mensa und ist Chef seiner eigenen Textfabrik, in der grandios witzige Geschichten am Fließband produziert. Im November 2009 trat er das erste Mal auf der kleinen Marburger Lesebühne “Punk&Poesie vor 40 nicht-zahlenden, alkoholisierten Besuchern auf. In den folgenden Jahren wurde er zwei Mal hessischer Vize-Meister und qualifizierte sich jeweils für die deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften im Ruhrgebiet und Hamburg. Seit 2012 lebt er in Salzburg, wurde im Jahr 2013 österreichischer Vize-Meister und bereist mit seinen Geschichten die Bühnen des bergigen Nachbarlandes. Und Österreich.

Auf Facebook und seinem Blog gibt’s noch mehr von Martin.





























Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *