Heute beißen wir ins Gras

alcohol













von Alexander Gram

Bucks Satz trifft mich wie ein Schlag direkt in die Fresse.
„Ich nehm eurn großn Salatteller“, hallt es in meinem Kopf nach.
„Verdammte Scheiße, Buck! Wenn das ein Witz sein soll, dann ist es ein verdammt schlechter!“, fauche ich ihn an.
„Was regst dichn so auf? Hab halt Hunger auf was Frisches.“
Buck ist unbekümmert, wie immer. Ganz offensichtlich versteht er noch nicht, in was für einer ausweglosen Situation wir hier stecken.

Aber immer schön der Reihe nach.
Die Szenerie im Schnelldurchlauf: früher Nachmittag, beschissener Regen, ich – Steven – sitze mit meinem Partner Buck im „Trenny’s Diner“, einer Frittenbude, in der nicht mal die Pommes schmecken. Unsere offizielle Berufsbezeichnung würde wohl „Gauner“ lauten. Wir sind Halbstarke, die für Scheiße engagiert werden, in die kein Gangster, der etwas auf sich hält, auch nur einen seiner Finger stecken würde.

Ich rutsche auf den durchgesessenen Polstern hin und her, und beginne aus jeder Körperöffnung zu schwitzen. Ich hab ‘ne Höllenangst.
Seit gut fünf Minuten sind wir in diesem Dreckloch am äußeren Ende der Stadt mit unserem Auftraggeber verabredet. Ich kenne seinen Namen nicht, nenne ihn aber immer Mr. A, aus dem einfachen Grund, dass er in unserer Nahrungskette ganz oben steht. Und nach dort oben gelangst du nicht, indem du einfach ein paar Leute umlegst. Nein, da musst du ein verdammt kaltblütiges und entschlossenes Arschloch sein.
Natürlich hab ich schon unzählige Geschichten über Mr. A gehört. In den meisten davon heißt es, dass er ein Gorilla von einem Mann sei. Einer, der dir die Fingernägel ausreißt, und danach ein „Dankeschön“ verlangt, weil er sie dir nicht auch noch in den Arsch gesteckt hat. Zum Glück hatte ich bisher noch nicht das Vergnügen seine Bekanntschaft zu machen. Bis heute.
Keine Ahnung, weshalb er nun ausgerechnet uns sehen will. Was ich aber weiß, ist, dass ich auf dieses Treffen nicht das kleinste Bisschen scharf bin.

Und doch habe ich bis gerade eben, bis Buck ausgerechnet einen verdammten Salat bestellen musste, daran geglaubt, dass dieser Tag nicht zwangsläufig schlecht für uns enden muss. ‚Nicht schlecht‘ umfasst in diesem Fall jedes Szenario, bei dem wir am Ende nicht draufgehen. Denn auch wenn ich in fast allen Dingen ein – Zitat meiner leider verstorbenen Mutter – „verschissener Verlierer“ bin, gibt es eine Sache, die mir wirklich im Blut liegt: das Beschaffen von Informationen. Und so weiß ich, dass Mr. A seine Handlanger, also uns, genau wie seine Frühstückseier, ausschließlich und in jeder Hinsicht, steinhart mag. Zeigt einer Schwäche, wird er mit einem Arschtritt auf die Straße gesetzt. Bestellt er einen Salat mit gerösteten Pinienkernen und beidseitig leicht angebratenen Tofuhäppchen, kann er vermutlich auch direkt die Maße für seinen Sarg mit auf die Rechnung setzen lassen.

Mein Plan für unser Gespräch mit Mr. A steht jedenfalls fest. Oberstes Gebot: Schnauze halten. Brav zuhören und nur sprechen, wenn ausdrücklich dazu aufgefordert. Cool und abgebrüht wirken, grimmig – aber nicht zu grimmig – gucken und VERDAMMT NOCHMAL KEINEN SALAT ESSEN!

Immer, wenn Buck solche Scheiße baut, frage ich mich, weshalb ich überhaupt noch mit ihm zusammenarbeite. Besonders clever ist er noch nie gewesen, eher etwas stumpf in der Birne. Er trinkt zu viel, ist mit den Jahren immer fetter geworden und weit davon entfernt, sein scheiß Leben in den Griff zu bekommen. Auf Bucks Haben-Seite steht hingegen nicht viel, außer vielleicht, dass er noch nie ein Problem damit hatte, jemanden umzulegen. Wenig Denken, viel Handeln – das trifft es wohl ganz gut. Wenn ich ehrlich bin fühle ich mich aber genau aus dem Grund, dass Buck ein solcher Verlierer ist, so wohl in seiner Nähe. Vermutlich steigert das mein Selbstwertgefühl oder sowas. Was weiß ich …

Plötzlich werde ich durchgeschüttelt und aus meinen Gedanken gerissen. Ich spüre zwei Pranken meinen Nacken zerquetschen. Ein Knacken arbeitet sich durch die Knorpel meiner Wirbelsäule den Rücken hinunter, bis in den Lendenbereich, wo es sich mit einem Stechen verabschiedet.
„Na sieh mal einer an. Wenn das nicht Steven und der gute alte Buck sind.“
Ich kenne die Stimme. Und ich kenne den Geruch seines Besitzers – eine Mischung aus Parfum für echte Männer (wie es in der Werbung heißen würde) und Schweiß (wozu die Werber vermutlich eher nichts zu sagen hätten).
Joe nimmt die Hände von meinem Rücken und tritt vor unseren Tisch.
„Gut seht ihr aus Jungs.“ Er wirkt traurig. „Reißt euch gleich zusammen, klar? Er hat keinen guten Tag erwischt.“
Ich nicke Joe zu und bleibe meinem Vorsatz treu. Schnauze halten.
„Freu mich dich zu sehn, Joe. Muss aber sagn du hast schon mal besser ausgesehn.“
Buck hatte es leider noch nie so mit dem Schweigen. Er grinst. Kein schöner Anblick. Nicht mehr viele Zähne übrig.
„Liegt an dem Dreckswetter da draußen. Ich kann den Regen nicht mehr sehen, der verdirbt mir die Stimmung.“
Joe ist einer der Guten. Ein Hüne, ehemaliger Boxer, immer freundlich und uns wohlgesonnen. Lässt uns wenn möglich die besseren der Scheißaufgaben zukommen. Aber heute ist da dieser Ausdruck der Sorge in seinen Augen, der mir absolut nicht gefällt.

Hosen runter.
Die Tür schwingt auf.
Mr. A tritt ein.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Ich nenne ihn ab jetzt Mr. Z. ‚Z‘, wie das Ende.
Diesen Mann umgibt eine Aura, die sofort jeden Raum einnimmt, den er betritt. Das Gesicht ist breit, bietet viel Platz für freundliche Züge, von denen es leider keinen einzigen gibt. Seine Statur ist übermenschlich, Joe mal zwei zum Quadrat.
Die Nettigkeiten sind also vorbei, bevor sie überhaupt angefangen haben.

Der leere Tisch vor Buck’s Wampe lässt Zuversicht in mir aufkeimen. Vielleicht haben sie den verfluchten Salat ja vergessen. Das Personal ist nach Mr. Z’s eintreten jedenfalls verschwunden und außer Bucks Schnaufen ist in dem Laden nichts zu hören. Immerhin lässt uns dieses Grünzeug nun nicht wie die Hampelmänner dastehen.
Doch die Zuversicht weicht Panik, als ich begreife, was für ein riesen Idiot ich bin. Scheiß auf cool bleiben, mein Herz hämmert gegen meine Brust, als ich mich umschaue: Wir sind die einzigen Gäste in diesem Diner am Stadtrand, das Personal verzieht sich aufs Stichwort, und der freundliche Joe schafft es nicht mal uns ein aufgesetztes Lächeln zuzuwerfen. Die wollen uns umlegen verdammte Scheiße! Kaltmachen, weiß der Geier weshalb, aber bei dieser Sache ging es von Anfang an um nichts Anderes. Meine rechte Hand schnellt zu der 9mm in meiner Jackentasche, zwei gezielte Schüsse, dann ist es vorb..PAM! Joe schlägt mir die Waffe aus der Hand und bricht mir mit nur einem Griff das Handgelenk.
„Bleib ruhig, Steven. So muss das hier nicht laufen.“ Er lässt meinen Arm nicht los.
„Gentlemen.“ Es klingt, als spräche der Teufel höchstpersönlich zu uns. „Ich bedanke mich aufrichtig bei Ihnen für unsere bisherige Zusammenarbeit. Und ich bedauere zutiefst, dass sie heute hier, und vor allem unter diesen Umständen, enden muss. Sie kennen unser Geschäft mittlerweile genauso gut wie ich, und Sie wissen, dass manchmal einfach jemand das Spiel verlassen muss. Tut mir Leid, dass es nun Sie beide getroffen hat.“

Buck schnallt langsam, dass etwas faul ist. „Steven? Steven, was solln das Ganze hier?“ Er sucht nach irgendetwas in meinem Gesicht, das nicht „wir werden gleich draufgehen, Buck“ sagt, doch ich kann ihm nichts geben. Die Schmerzen in meinem Handgelenk bringen meinen Arm, bis zur Schulter hoch, zum Pochen. Ein nebliger Schleier legt sich über meine Gedanken, wofür ich in diesem Moment dankbar bin.

„Soo, da hätten wir dann einmal den großen Salatteller, Mister“, meldet sich unsere Bedienung zu Wort. Ich traue meinen Sinnen nicht, doch sie steht direkt vor uns, den Teller in beiden Händen und keinen Schimmer, wo sie hier reingeraten ist. Die Gute hat entweder beschlossen, ihrem Leben heute ebenfalls ein Ende zu setzen, oder steckt zweifelsohne noch keine 24 Stunden in ihrer schicken Uniform.
Ein Lachen füllt den Raum. Ein Lachen, so unbeschwert und ehrlich, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gehört habe.
„Der Fettsack hat sich einen Salat bestellt!! Guck dir seine fette Wampe an, Joe!“, Mr. Z kreischt jetzt. „Hier gibt es Burger, hier gibt es Pommes, und literweise Mayonnaise, aber der Fettkloß bestellt sich einen Salatteller!“, er wischt sich Tränen aus den Augen.
Der Griff um meinen Arm lockert sich, Joe schaut von mir zu Buck, von Buck zu der Kellnerin, und schließlich zu Mr. Z, bekommt aber keinen Ton heraus.
„Du hast mir die beiden hier als zwei Loser beschrieben die keiner vermissen würde, Joe. Aber ich sag dir was: Der Dicke hier, der hat Charakter. Der scheißt auf alles und macht sein Ding.“
„Da hamse wohl recht“, nuschelt Buck.
Er grinst. Nicht mehr viele Zähne übrig. Der schönste Anblick, den ich je gesehen habe.


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