Gute Laune in Klein Fitzdorf – Captain Kalle ermittelt

von Christoph Marf

 

Vier: Viertklässler Mike und die Joghurt-Problematik

Von unten betrachtet sieht alles viel größer aus, denkt sich Kalle noch, und schon landet er mit dem Gesicht voraus im Komposthaufen der Grundschule. Ja, wir befinden uns in der zweiten Großen Pause und unser Held Kalle vergnügt sich gerade wieder ein wenig mit seinem Kumpel Mike. Naja, Mike vergnügt sich. Obwohl der auch nicht so richtig glücklich aussieht. Es scheint für beide einfach ein Routineprogramm geworden zu sein, das sie Tag für Tag, Pause für Pause, abspulen.
„Gib mir deinen Joghurt, Kalle! Du kennst das Spielchen doch mittlerweile!“
Wenn ich solche Szenen betrachte, bin ich froh, selbst nicht mehr in der Schule zu sein. Es ist wahrlich kein schöner Anblick. Überlegen thront Mike auf Kalles rücken, wippt auf und ab und probiert Kalle seinen Joghurt abzuknöpfen. Eine gute Gelegenheit, sich Mike einmal genauer anzuschauen. Er ist ein Einzelgänger, keineswegs beliebt, dafür umso gefürchteter. Im Vergleich zu seinen Klassenkameraden ist er ein Riese, sogar größer als einige Lehrer, und mit Sicherheit um einiges größer, als der Herr Grundschuldirektor. Offiziell ist Mike in der vierten Klasse, also theoretisch nur ein Jahr älter als Kalle. Allerdings gibt es an der Grundschule mehr Gerüchte über Mike, als man sich merken könnte. Er habe bereits drei Mal die vierte Klasse wiederholt heißt es zum Beispiel. Andere erzählen sich, dass Mike bereits erwachsen und ein Spion der Polizei sei. Sein schlechtes Benehmen sei in diesem Fall natürlich nur Tarnung. Einmal habe er außerdem einen Vogel in 100 Metern Höhe mit einem Tennisball abgeworfen, und der Herr Grundschuldirektor habe solch eine Angst vor Mike, dass er ihm jeden Tag nach Schulschluss eine Schachtel Zigaretten zusteckt. Kalle glaubt eigentlich keine dieser Geschichten. Doch diese Furchtlosigkeit hilft ihm in seiner jetzigen Situation auch nicht wirklich weiter. Fakt ist jedenfalls, dass Mike größer, stärker, mutiger, und schlechter erzogen als jedes andere Kind an der Grundschule in Klein Fitzdorf ist. Und dieser Kerl sitzt nun auf Kalles Rücken und verlangt einen Joghurt von ihm, den er ausgerechnet heute nicht dabei hat. Wie denn auch, wenn seine Eltern verreist sind und Kalle sich sein Frühstückspaket selbst gepackt hat …
„GIB! MIR! DEINEN! JOGHURT!“ Die Zeit der Nettigkeiten scheint abgelaufen zu sein.
Kalle ringt nach Luft und ist sicher auch im Nachhinein noch stolz auf seine clevere Antwort:
„Geeeht … nicht …“
Mike schaut verdutzt drein und hört für einen kurzen Moment mit dem Wippen auf. Auch die Kinder im näheren Umkreis wirken verblüfft und schaffen es nur unter Anstrengung mit ihren Alibi-Spielchen fortzufahren. Sieht übrigens reichlich unbeholfen aus, wenn fünf Kinder im Kreis stehen und probieren sich einen Ball zuwerfen, dabei aber immer in Richtung des Komposthaufens starren.
Die Sache endet jedenfalls wie sie enden muss: mit Kalle, der nun noch tiefer im Komposthaufen steckt.
„Montag Freundchen! Montag kriege ich zwei Joghurts von dir! Und wehe du hast sie nicht dabei!“
Kalle wischt sich alte Mandarinenschalen aus dem Gesicht und zieht Bilanz: Im Komposthaufen gelandet, aber keinen Joghurt abgegeben – eher ein Glückstag.

 

Fünf: Endlich Wochenende

Die beiden Sportstunden überspringen wir heute mal, Kalle zuliebe. Denken Sie jetzt bitte nicht, dass Kalle unsportlich sei, nur weil er ein bisschen mehr auf den Hüften hat, so ist das nämlich nicht. Sportlich ist er schon, er kann nur keine Rollen. Jetzt ist es raus. Kalle kann keine Vorwärtsrolle, er kann keine Rückwärtsrolle, keine Flugrolle, keinen Handstand mit Abrollen, und so weiter und so fort. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: „Macht nichts Kalle, konnte ich auch nie, brauchst du später nie wieder.“ Das hilft Kalle aber alles nicht weiter, wenn er, nach zwanzig Minuten erfolgreichen Immerwieder-Hintenanstellens, schließlich doch an vorderster Stelle der Reihe angekommen ist, und vor all seinen Mitschülern eine Kür abliefern soll. Für die Mitschüler ist es das komödiantische Highlight der Woche, für Kalle purer Horror. Auch die gut gemeinten Ratschläge von dem Herrn Öldürür im Stile von „du musse probiere disch zu rolle, Kalle“, machen die Situation nur schlimmer. Genug davon.
Die Doppelstunde Sport hat Kalle also überstanden, und sich mit insgesamt nur zwei peinlichen Turnversuchen, ganz erfolgreich gedrückt. Ohne das Läuten der Schulglocke abzuwarten sprintet er in die Umkleidekabine, wirft sich seine Jacke über, und rennt so schnell er kann durch die Flure der Turnhalle, hinaus auf den Schulhof. Er hört Mikes Stimme noch. „Denk an die Joghurts, Schwabbel!“, doch sie erklingt aus weiter Ferne – Mike ist für heute abgemeldet. Jetzt ist Wochenende. Sturmfrei. Zeit für neue Abenteuer des Captain Kalle. Und das kann ihm keiner nehmen. Mit diesen Gedanken schlendert Kalle durch die Obstplantagen und kann sich gar nicht sattsehen an den vielen Blüten der Obstbäume. Es ist einer der Momente, in denen Kalle sein Leben ganz bewusst genießt, und sich freut, dass er in Klein Fitzdorf lebt, und dass alles so ist, wie es eben ist.
An einer trockenen Stelle macht er eine Pause und legt sich auf das weiche Gras, lässt die Sonne auf sein Gesicht strahlen und schließt die Augen. Und während er dort so liegt fragt er sich, warum die anderen Menschen in Klein Fitzdorf eigentlich alle so unglücklich zu sein scheinen, und ob er wohl der Einzige hier ist, der über solche Dinge nachdenkt. Dann schläft er ein, ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben, dass sein Leben ab Montag nie wieder so sein wird, wie bisher.

 

Das Buch
Gute Laune in Klein Fitzdorf – Captain Kalle ermittelt
Eigentlich hat Kalle ja ein richtig schönes Leben in dem kleinen Dörfchen Klein Fitzdorf, zwischen all den Obstbäumen und den historischen Fachwerkhäusern. Wäre da nicht die Tatsache, dass vom Grundschüler bis zum Greis einfach jeder Mensch in Klein Fitzdorf schlecht gelaunt zu sein scheint. Und auch der Joghurt-Dieb Mike macht Kalle das Leben da nicht leichter. Doch an einem Monatmorgen ist plötzlich alles anders: Gute Laune macht sich in Klein Fitzdorf breit. Und dann ist da auch noch diese neue und höchst verdächtige Familie, die Meiersens, ins Dorf gezogen, mit der scheinbar alles zusammenhängt. Für Kalle gibt es nur eine Erklärung: Die Bürger in Klein Fitzdorf müssen ausgetauscht worden sein. Und die Meiersens stecken da mit drin. Mit der alten Mütze seinens Großvaters auf dem Kopf wird Kalle zu Captain Kalle und stürzt sich in die Ermittlung und in ein riesiges Abenteuer.





















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