Fettrand – oder – Wie ich einen Staubfänger entsorgte

von Julia von Rein-Hrubesch

13.Dezember 2012
Stille Nacht, heilige Nacht.
Das Heilige kann ich mir vermutlich sparen.
Wichtig ist das Stille.
Auf das Stille kommt es wirklich an.

Ich bin mein ganzes Leben auf der Suche nach der Stille.
Ruhe.

Nun stehe ich in dieser Wohnung mitten über der Stadt und bin völlig hinüber.
Ich muss sie haben.
Ich habe nicht einmal die Zeit, mich zu wundern. So viel Enthusiasmus ist man von mir nicht gewohnt; mich eingeschlossen.

Nachdem ich die letzten Jahre unterwegs gewesen war, hatte ich beschlossen, zurückzukehren und eine Weile zu bleiben. Und nachdem ich der Ruhe nicht auf die Schliche hatte kommen können, dachte ich, es ist wohl besser eine Pause einzulegen.
Wohin in Deutschland? Die Frage war mir in den letzten Monaten immer wieder begegnet, zuerst in Baltimore und dann auf diesem verdammten Frachter.
Schließlich war die Wahl ganz einfach gefallen, und zwar so, wie man wohl die wichtigsten Entscheidungen im Leben treffen sollte: Spontan.
Mann, ich habe dreieinhalb Kontinente besucht, und schon bin ich ein ganz schöner Klugscheißer!
Jedenfalls, welcher Ort kann schöner sein, als der, über den man sowas sagt wie:
„Was macht eine mittelgroße mitteldeutsche Stadt, die kein Gebirge vor der Tür, keinen majestätisch sich dahinwälzenden Strom im Herzen, keinen Wald außen herum, keine Küste in der Nähe, keinen Regierungssitz, keine Drogenszene, keine Heilquellen und auch sonst eigentlich nichts zu melden hat? Sie beginnt zu träumen.“
Also, da bin ich nun.

13.Dezember 2012

-drei Mitbewohner loswerden-

Ich stehe in dem Flur, der über seinen mickrigen Namen nur milde lächeln kann und hebe langsam den Kopf. Diese hohen Decken, der angegraute Stuck, diese Leuchter, die nur sporadisch flackern! Dieser Jugendstil!
Ich bin zuhause.
Leider sind es auch drei weitere Menschen, oder das, was von ihnen übrig ist, sie wohnen in diesem Haus, in dem sich das gesamte obere Stockwerk nun wie in einem Märchen vor mir auftut.
Ich wende widerwillig den Blick und setze mich in Bewegung.
„So, das hier ist also der Eingangsbereich.“, sagt der erste der drei Menschen. Er hat es ungeheuer eilig, warum auch immer, er rennt voran und ich wie ein Depp hinterher, ich muss das tun, denn ich will hier unbedingt einziehen.
„Machst du denn die Tür nicht zu?“, frage ich und wende mich halb um.
„Was?“
„Die Tür!“
„Die Tür?“ Saublödes Echo.
„Ja, die Tür! Großes Loch in der Wand, du weißt schon.“
„Hm.“ Er wirft einen Blick in die Richtung in die ich deute und zögert.
Aber nur kurz, dann geht er eiligen Schrittes weiter.
Ich drehe mich um und schließe die Tür. Ich will nicht, dass jemand dieses Schloss betritt, welches ich ab sofort mein eigen nenne.
In der Ferne höre ich den Mensch vor sich hin labern, ich laufe los und lausche der Musik der knarrenden Dielen unter meinen Schuhen.
Schließlich habe ich ihn eingeholt. Ich bleibe abrupt stehen. Vor mir steht etwas Komisches.
„Was ist das denn?“, frage ich den Mensch.
„Das ist Fettrand.“
„Äh, wie bitte?“
Mensch zuckt mit den Schultern. „Fettrand.“
Ich blicke den Menschen an. Er glotzt ungeduldig zurück. Langsam drehe ich den Kopf und betrachte den Koloss. Es ist zweifelsohne ein Mensch, doch er scheint sich nicht zu rühren. Langsam beuge ich den Oberkörper etwas nach vorn und versuche in seinem Gesicht zu lesen.
„Kommst du?“, fragt Mensch.
Ich setze mich in Bewegung.
„Das hier ist der Saal.“
Ich stehe und starre. Von oben rieseln Staub und Stille auf mich hinab. Eine Weile atme ich nicht, dann trete ich an das Fenster und blicke auf die Stadt.
Das ist es.
Ich erwähnte ja schon, ich bin auf der Suche. Zuletzt suchte ich nach der Stille auf einem Boot, und ich muss zugeben, das war die blödeste Idee, die ich jemals hatte.
Wer denkt, die See wäre ein ruhiger Ort, der ist vermutlich genau so dämlich wie ich es bin. Oder war.
Jedenfalls bin ich auf dieses Boot eher durch Zufall gekommen, was die meisten meiner Jobs betrifft, ich kenne mich ein bisschen mit Computern aus, und so kam es, dass ich mit sieben weiteren Idioten auf einem Kahn vor Kentish Knock schaukelte auf der Suche nach einer Schiffschraube.
Der Mensch hüstelt und zerreißt meine Gedanken. „Sag mal…“ Ich blicke zurück. „Das ist wirklich sein Name? Fettrand?“
„Ja.“, Der Mensch zuckt wieder mit den Schultern. „Wir haben ihn so genannt, weil er so fett geworden ist.“
Ich ziehe die Brauen nach oben. „Das ist der Grund?“
„Ja.“
„Das ist der Grund?“
„Ja.“ Ein saublöderes Echo habe ich noch nie erlebt, selbst nicht in Papua Neuguinea, als ich mit einem Doktor der Molekularbiologie der Botanik unterwegs gewesen war und mich über einen Krater gebeugt hatte, in den sich ein paar lebensmüde Idioten abseilen wollten, um nach einer Verbindung zum Pazifik zu tauchen.
Ich schweige, um abzuwarten, ob da noch was kommt. Nein, es kommt nichts. Der Mensch ist eine Ausgeburt an Dämlichkeit. Ich schüttle leicht den Kopf. Vermutlich sollte ich die Klappe halten, doch das kann ich nicht. Ich bin ein unheimlicher Klugscheißer, das erwähnte ich ja bereits.
„Also, die Tatsache, dass er fett ist, sollte nicht unbedingt ausschlaggebend für seinen Namen sein, findest du nicht?“
„Hä?“
„Naja, ich nenne dich ja auch nicht Toastbrot.“
Mensch blickt mich stirnrunzelnd an. Ich habe ihn verwirrt.
Herr im Himmel.
Es schließt an der Tür.
„Das ist Tom.“
„Tom?“, wiederhole ich dumm. Das mit dem Echo ist vielleicht ansteckend. Ich sollte mich in Acht nehmen.
„Ja, Tom. Der dritte Mitbewohner. Du weißt doch, wir wohnen hier zu dritt.“ Er glotzt mich wie ein Oberlehrer an.
Tom kommt herein und schiebt sich an Fettrand vorbei. Er nickt mir zu und ich nicke zurück. Keine Worte, wie sympathisch.
Trotzdem, er muss weg.
Ich will diese Wohnung für mich allein. So wie ich die Lippen für mich allein will, die ich in Riga gesehen habe.

Tom geht und sucht irgendwo nach irgendetwas, ich höre ihn herumkramen.
Schließlich steht er wieder vor mir und hält mir ein Papier vors Gesicht.
„Hier, der Mietvertrag.“
Ich greife danach und werfe einen Blick darauf. „So schnell?“, frage ich. Er nickt.
Ich sehe mich kurz nach dem Mensch um. „Ihr wollt nix über mich wissen?“ Ich sollte die Klappe halten und unterschreiben.
Tom schüttelt den Kopf. „Ist mir egal. Die Miete ist allerding höher als da drin steht.“
„Warum?“
„Na weil ich ausziehe.“
„Echt?“, rufe ich überglücklich. Mein Karma geht vermutlich zum Teufel.

14.Dezember

-zwei Mitbewohner loswerden-
-kein Klugscheißer mehr sein-

Tom packt in seinem Zimmer herum und ich helfe ihm. Ich bin gut im Packen, vor allem bin ich schnell, und ich muss diese Sache von gestern gutmachen.
Vor allem bin ich schnell.

„Du musst streichen.“, sagt Tom, als er die Bilder von der Wand nimmt.
„Warum ich?“
„Weil ich es nicht mache.“ Aha. Was frage ich auch.
Wir packen stumm vor uns hin. Ich setze mich auf einen Karton und blicke Tom an. „Er heißt Fettrand?“
„Ja.“
„Kannst du mir was darüber erzählen?“
„Was denn?“
Ich atme tief ein. Wie soll man da versuchen, seine Klugscheißerei in den Griff zu bekommen? „Seit wann nennt ihr ihn denn so?“
„Seit zwei Jahren.“
Schweigen.
„Tom!“, blaffe ich ihn an.
Er blickt auf. Ich mache mit den Händen eine Bewegung, als wollte ich einen Motor ankurbeln. „Die Geschichte geht doch weiter, oder?“
„Naja, er war mal total normal. So wie du und ich.“
„Moment mal…“
„Er hat etwas erfunden, so eine Spritze oder so. Dann wurde er steinreich und hat aufgehört zu arbeiten. Irgendwann hat er sich nicht mehr bewegt und wurde fett. Nun steht er nur noch rum. Eigentlich ist er nur noch ein Staubfänger.“
Ich starre ihn an.
Ich bin vollkommen sprachlos. So sprachlos war ich noch nie. Nicht mal in der Anatomie der Universität in Baltimore, als der Doc eine Spritze aufzog und blaue und grüne Farbe in die Blutgefäße eines toten Hirns füllte, um die Ästhetik der feinen Verästelungen darzustellen; und auch nicht, als der Kapitän der DeepEye ein Artefakt aus dem siebzehnten Jahrhundert wutentbrannt in die Nordsee schleuderte, welches die Taucher nach vierstündiger Tortur zutage gefördert hatten.
Tom packt weiter.
Ich blicke zur Wand. „Was ist mit der Mona Lisa?“, frage ich.
„Hm?“
Ich seufze und erhebe mich. Das Porträt klebt auf einer Leinwand, tausende winzige Risse ziehen sich durch die vergilbte Ölfarbe. Es ist wunderschön. Ich betrachte die Mona Lisa. Ich bin verrückt nach diesen Lippen aus Riga, diesen perfekten Lippen, und Da Vinci war verrückt nach dem perfekten Lächeln. Nun ja, er war vermutlich besessen. Doch das kann ja noch kommen.
Tom steht neben mir. „Ach die.“, sagt er. „Die war schon da. Aber ich nehme sie ab, wenn du willst.“ Er greift nach dem Bild.
„Nein!“, sage ich. „Sie bleibt hier.“

Ich lasse Tom alleine weiter packen und mache mich auf die Suche nach einem Telefon. Mir ist etwas eingefallen, als ich an den Doc gedacht habe.
In Baltimore, Maryland habe ich vermutlich am meisten gelernt.
Nicht fürs Leben, nein, das habe ich zweifelsohne auf dem Kutter vor Kentish Knock; doch mit wissenschaftlichen Fakten wurde ich in Baltimore vollgestopft. Bis obenhin.
Ich hatte die Nachtschicht übernommen; Tote und die Nacht, hatte ich gedacht, das müsse doch ein Paradies der Ruhe sein. Das war es nicht, die Neonlampen summten unentwegt vor sich hin, und wenn der Doc runterkam und beschissene Laune hatte, und das hatte er ziemlich oft, zersägte er ein paar Leichen; und die Knochensäge, so klein dieses verdammte Mistding auch war, machte einen Heidenlärm. Ich bin mir sicher, dass der Teufel auch so eine hat.
Ein paarmal bin ich deswegen ausgerastet, und so kam es, dass ich dem Doc über meine Suche erzählt hatte.
Er fand das interessant. Er fand alles interessant, was nicht normal war. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass er plante, mir was ins Glas zu schütten, damit ich tot umfallen würde und er an meinem Kopf rumsägen konnte.
Glücklicherweise kam es nie dazu, denn bereits zwei Wochen später fragte mich ein Student der Unterwasserarchäologie, ob ich Lust hätte, auf einem Bergungsschiff vor England rumzuschippern und nach der Deutschland zu suchen.
Jedenfalls erzählte mir der Doc, dass die Angst vor Lärm oft bei Menschen vorkommt, die ein Trauma erlebt hatten. Ich beschloss, meine Mutter anzurufen und mal nachzufragen.
Dann kam der Aufbruch, und auf dem Boot hatte ich einen ziemlich schlechten Empfang.

Ich nehme das Telefon und wähle. Meine Mutter meldet sich nach dem ersten Klingeln.
„Hi, Ma. Ich bin’s.“
„Junge!“, brüllt sie ins Telefon. Ich könnte auflegen, ich habe das Trauma gefunden.
„Ist das schön, dass du anrufst!“
„Ja, äh…“
Eine Weile muss ich mir den neuesten Familientratsch anhören, dann unterbreche ich sie und frage nach dem Trauma.
Ich höre wie sie überlegt. „Also, nein, nicht, dass ich wüsste.“, sagt sie schließlich und ich weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Meine Mutter sagt immer die Wahrheit, sie hat vor dem Teufel genau so viel Angst wie vor Bügelfalten, und außerdem bestätigt sie nur meine Erinnerungen. Das wäre nun wirklich die Höhe, man stelle sich vor, man wird halb tot geprügelt und erinnert sich nicht daran!
„Warte mal, ich hole deine Schwester…“
„Klara ist da?“, frage ich erfreut und merke nicht mal, wie dämlich diese Frage ist. Ich muss wirklich aufpassen, sonst werde ich bald Toastbrot genannt.
„Hey!“, sagt Klara atemlos. Sie ist ans Telefon gerannt, meine Güte.
Klara ist ein Goldschatz. Ich liebe sie über alles. Sie ist der einzige Mensch auf der Welt, mit dem ich über alles reden möchte. Vielleicht erzähle ich ihr eines Tages von den Lippen, die ich in Riga gesehen habe.
„Hey!“
„Das ist keine ausländische Vorwahl!“ Vermutlich ist Klara die einzige in der Familie, die von einem Display lesen kann. Abgesehen von mir natürlich.
„Wo steckst du?“
„Leipzig.“
„Wie schön!“
„Ja, find ich auch.“
„Hey, was machst du Silvester?“ Klara überholt sich immer selbst.
„Äh…“
„Wie wär’s, wenn ich rüberkäme? Wir feiern zusammen, so wie früher. Weißt du noch?“
„Klar!“, sage ich.
„Ich bringe die ganze Rasselbande mit! Das wird ein Spaß!“
Ich halte den Hörer in der Hand und verziehe das Gesicht. Schätze, ich habe mein Trauma gefunden.

15.Dezember 2012

-zwei Mitbewohner loswerden-
-weniger Klugscheißer sein-

Tom ist weg. Ich habe sein Zimmer.
Ich gehe durch die Wohnung und male Pläne in meinem Kopf.
Immer wieder drehe ich mich um und blicke zu Fettrand. Er steht einfach nur da. Vorhin bin ich mal ganz nah an ihn rangetreten um zu schauen, ob er sehr staubig ist.
„Ähm, hallo.“, sagte ich. „Tom hat erzählt, du hättest was erfunden?“
Er schwieg.
„Eine Spritze?“, versuchte ich es weiter.
Dann drehte er den Kopf. Zum ersten Mal blickte ich in seine Augen. Er sieht tatsächlich ganz normal aus. „Insulin.“, sagte er.
Ich glotzte ihn an.
„Insulin?“, fragte ich schließlich.
Er drehte den Kopf und starrte wieder irgendwohin.
Ich glotzte ihn weiter ungläubig an. Dann wandte ich mich ab und ging meines Weges. Der Doc hätte seine Freude an Fettrand gehabt.

Ich weiß nicht, wie ich den Mensch loskriegen soll. Mir läuft die Zeit davon. Ich will Silvester der alleinige Mieter dieser Wohnung sein. Am besten, Heiligabend schon.

Alles schläft, einsam wacht.
Nur der Knabe im lockigen Haar.
Genau, das bin ich.

Ich begebe mich in das Zimmer von Mensch und setze mich auf sein Bett. Nach einer Weile kommt er herein. Es dauert etwas, bis er mich bemerkt.
„Was ist?“
„Nix, ich…“ Ich erspähe einen PC. „Ist das deiner?“, frage ich.
„Ja, aber der läuft nicht mehr.“
„Darf ich mal?“
Er blickt misstrauisch. „Kennst du dich denn mit Computern aus?“
Ich habe mich schon erhoben und das Gehäuse zerlegt. „Ich bin inselbegabt.“, sage ich.
„Hä?“
„Schon gut, vergiss es.“

Nach einer Stunde läuft das Ding. Es schnurrt. Ich habe einen Schalldämpfer eingebaut.
„Cool.“, sagt der Mensch.
„Hm.“ Ich starre auf den Monitor. „Was sind denn das für Dateien?“
Er beugt sich zu mir runter. „Ach.“, macht er. „Das sind Pläne.“
„Ja, danke. Das sehe ich auch. Was sind das? Möbel?“
„Ja.“ Er erhebt sich wieder. „Ich bin Schreiner.“
„Du?“, rufe ich erstaunt. Auf Wiedersehen, Karma.

Langsam folge ich ihm in die Küche. „Warum machst du das nicht mehr?“
Er zuckt die Schultern. „Weiß nicht.“ Dann fährt er mit der Hand über die Platte des Tisches. „Den habe ich gemacht.“
Ich reiße die Augen auf und beiße mir auf die Zunge. „Tatsächlich?“, frage ich, als ich mich wieder im Griff habe.
„Ja.“, sagt er nur.
„Weißt du…“, beginne ich. „Ich frage mich, warum du das nicht weitermachst.“
„Hm?“
„Na!“ Ich werfe die Arme nach oben. „Diese Stadt entwickelt sich gerade! Sie schlüpft aus ihrem Kokon! Tausende von Künstlern machen sich auf den Weg hierher! Sie wollen hier malen, Musik machen, Kunst!“
Er glotzt mich an.
„Bildhauerei.“, sage ich.
„Hm.“, macht er nur. Er denkt vermutlich nicht so schnell, doch ich sehe ihn bereits mit einem Meisel an einem Baum stehen und sich das Auge auskratzen.
Scheißegal, der Mietvertrag ist bis dahin neu aufgesetzt.
„Ich bin gestern in einer Galerie gewesen, weißt du, so eine, wo mehrere Künstler zusammen wohnen. Die suchen noch jemanden.“
„Wirklich?“ Sein Interesse scheint geweckt.
„Ja!“, antworte ich und zerre ihn am Ärmel zur Tür heraus.

„Tatsächlich? Aber das ist ja fantastisch!“
Ich lege den Hörer auf und drehe mich langsam um.
Mein Blick bleibt an Fettrand haften.

16.Dezember 2012

-einen Mitbewohner loswerden-
-ein Klugscheißer bleiben-

Ich stapfe durch das Treppenhaus. Es riecht nach Bohnerwachs. Und nach Ruhe. Ich weiß, wie sie riecht, denn ich bin ihr ziemlich dicht auf den Fersen.
Ein Mann rennt an mir vorbei. Hier scheinen es alle immer eilig zu haben.
Alle außer einem. Und ausgerechnet der macht sich in meiner Wohnung breit.
In meinem Paradies.
Hinter mir höre ich ein Schnaufen. Ich drehe mich um. Der Mann kommt wieder hinauf, diesmal mit Kisten und gemäßigterem Tempo. Trotzdem überholt er mich. Er grinst mich an. „Tach.“
„Alles klar?“, frage ich.
„Naja.“, sagt er, stellt die Kisten ab, wischt sich über die Stirn und nimmt sie wieder auf. „Das Übliche. Man bunkert. Und wird nicht fertig damit.“
Weiß der Himmel, wovon er redet.
„Ah.“, mache ich. „Was bunkern sie denn?“
Er hält inne und runzelt die Stirn. Dann lächelt er wieder. „Na Wasser, mein Junge!“
„Wasser.“ Dieses saublöde Echo verfolgt mich. Echt!
„Junge! Am 21. ist es soweit! Man soll Wasser vorrätig haben, haben sie gesagt! Wasser ist das Wichtigste! Und Konserven!“
„Entschuldigen sie.“, sage ich. Der freundliche Herr bleibt stehen. „Der Weltuntergang, Junge!“
Mir steht der Mund offen. „Ah.“, mache ich nur.
Der Mann nickt mir zu und zieht an mir vorbei.

Ich betrete die Wohnung und halte nach dem Staubfänger Ausschau. Ich hatte daran gedacht, ihn irgendwo ins Wasser fallen zu lassen. Doch wie soll ich ihn aus der Wohnung bringen? Und was, wenn er nicht untergeht? Und dann ist da noch diese Sache mit dem Karma.
Ich denke an die See.
Vor Kentish Knock war ich getaucht, ich hatte die Froschmänner auf einem Suchgang begleitet, weil ich glaubte, unter Wasser gäbe es die perfekte Stille.
Dem war nicht so. Dieses Rauschen war das lauteste, was ich jemals gehört hatte, und in meinen Ohren dröhnte es dermaßen, dass ich nur noch nach oben wollte. Der Tauchgang musste wegen mir abgebrochen werden, und der Käpt’n, der besessen wie Ahab nach der Schraube der Deutschland suchte, tobte wie verrückt. Ich schälte mich aus dem Anzug und dachte an den Doc, der seine Freude gehabt hätte.
Nein, das Wasser ist nix für mich. Und Fettrand will ich das auch nicht antun.
Ich grübele. Ich muss ihn nur aus der Wohnung bekommen. Aus der Wohnung und aus dem Haus. Draußen würde er schon zurechtkommen. Immerhin hatte er eine Insulinpumpe erfunden.

In der Küche habe ich eine Idee.
Ich kremple die Ärmel nach oben und stemme mich gegen den Küchentisch.
Langsam bewegen wir uns beide der Wohnungstür entgegen. Ich ächze und schiele zu Boden um die Tiefe der Kratzer zu begutachten, die ich hinterlasse. Es ist nicht so wild. Man muss auch Opfer bringen können.
Schließlich bin ich mit dem Tisch angekommen. Ich reiße die Tür auf und mein Blick fällt zur Fußmatte. Darauf stehen zwei Kisten Wasser und ein Korb voller Konserven. Oben drauf liegt ein Zettel, auf dem steht: Viel Glück!
Ich richte mich auf. Ich bin wirklich gerührt. Der Mann aus der Wohnung unten ist wirklich der netteste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Wenigstens kann ich mir jetzt Kanada sparen.
Ich hieve die Dosen auf den Tisch.
Dann rufe ich in meine Wohnung: „Fettrand! Es gibt essen!“
Ich habe schon bemerkt, dass man den Staubfänger mit Lebensmitteln locken kann.
Ich habe einen schönen Plan: Ich setze Fettrand an den Tisch und schiebe ihn dann zur Wohnung raus.
Dann werde ich warten. Ich werde das einfach aussitzen. Hoffentlich durchkreuzt mir dieser vermaledeite Weltuntergang nicht meinen Plan. Wehe, das Inferno kommt mir zuvor!

Fettrand sitzt nun am Tisch. Er isst. Ich hole tief Luft und stemme mich wieder gegen den Tisch. Ich schaffe es tatsächlich, den Staubfänger auf seinem Stuhl zur Tür hinauszuschieben. Er schaut mich nur an.
Plötzlich bleibt der Tisch stecken. Er passt auf einmal nicht mehr durch die Tür. Ich richte mich auf und kratze mir den Kopf. Fettrand macht die nächste Dose auf.

Verdammt!
Der Mensch hat den Tisch natürlich verhunzt. Die Tischplatte wird zum Ende hin breiter. Oder zum Anfang.
„Was machen wir denn jetzt, Fettrand?“, frage ich vor mich hin und begutachte die schöne Kerbe im Türrahmen.

Schlafe in himmlischer Ruh.

Das habe ich ja toll hingekriegt. Wenigstens sitzt der Staubfänger jetzt draußen, und die Chancen, dass er über den Tisch kommt, sind eher gering.
Da passiert ein Wunder.
Ich kann das beurteilen, ich habe schon dreieinhalb Kontinente bereist und schon Wunder gesehen.
Fettrand steht auf und hebt die Hand. „Tschüss!“, sagt er, dreht sich um und geht die Treppe hinunter.
Ich schaue hinter ihm her. Dann gehe ich in den Saal und blicke aus dem Fenster zur Straße hinab. Es dauert eine Weile, doch schließlich kommt der Staubfänger aus dem Haus und schiebt sich durch den Schnee.
Ich lehne den Kopf gegen die Scheibe und lächle.

Schlafe in himmlischer Ruh.



Über die Autorin:

Julia von Rein-Hrubesch
Portrait_Julia von Rein-Hrubesch






1979 in Gera geboren
arbeitet als Ergotherapeutin in Ingolstadt
erster Roman “Tal der sieben Tränen” wurde 2010 veröffentlicht
http://juliaschreibtblog.wordpress.com/





















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