Ersticktes Matt

von Nina C. Hasse

Manhattan, 7. November 1898
Jean-Remy Lafayette verdammte diesen Montagmorgen schon, als er aus dem Hansom stieg und beinahe von einer vorbeirauschenden Kutsche erfasst wurde. Die Räder des Gefährts platschten durch Pfützen, die der andauernde Novemberniesel hinterlassen hatte und ein ganzer Schwall des dreckigen Wassers ergoss sich über seine Hosenbeine und Schuhe. Lafayette presste die Lippen zusammen, um dem Kutscher nicht einige Beleidigung hinterherzubrüllen und drückte seinem eigenen Fahrer einen Dime in die Hand. Bloß nicht schon am ersten Tag negativ auffallen. Und so nahm er seinen Tee, der von einem Anbarowar, einem kleinen Kupfergefäß, wunderbar warmgehalten wurde und trat auf den Bürgersteig. Der Kutscher bedachte ihn mit einem knappen Nicken und ließ ihn allein auf der West Tenth Street zurück.
Die Turmuhr der benachbarten Kirchengemeinde schlug sechs und Lafayette klappte den Kragen seines Gehrocks hoch, um den Regen aus seinem Nacken fernzuhalten. Er fuhr sich mit einer Hand durch die vormals so sorgsam gelegten feuchten Locken und nippte an seinem Ceylon. In der Ferne rumpelte eine Dampfbahn über das Pflaster.
Das Haus, vor dem er stand, war sauber, dreistöckig und bestand aus den für diese Gegend typischen roten Backsteinen, mit weiß getünchten Fensterrahmen, schmiedeeisernen Zäunen und einem Baum vor der Tür, den Lafayette der Rinde nach für einen Kirschbaum hielt. Aber was Baumbestimmung anging, war er etwas aus der Übung. Wer hier wohnte, gehörte eher nicht zur Arbeiterklasse. Haus und Vorgarten wären zu anderer Jahreszeit ein hübscher Anblick gewesen, wenn sich der beständige Nieselregen nicht wie ein milchiger Schleier auf die Umgebung legte – und wenn Lafayette nicht wüsste, dass dort in einer der Wohnungen eine Leiche auf ihn wartete.
Ein Blick auf die Taschenuhr. Vier nach sechs. Sollte er einfach hineingehen? War sie vielleicht sogar schon im Haus und wartete dort auf ihn?
Hufgetrappel ließ ihn aufmerken. Ein Rappe galoppierte die menschenleere Straße entlang und Lafayettes Herz hüpfte, als er das Pferd erkannte. Ihr bevorzugtes Dienstpferd, das auf den hochtrabenden Namen Shah of Persia hörte. Remy schluckte und nestelte an seinem Kragen herum. Wohin mit seinen Händen? Unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht lässig gegen den Zaun gelehnt, doch in Anbetracht des traurigen Anlasses ihrer Zusammenkunft hielt er das für unpassend. In Ermangelung besserer Ideen umklammerte er seinen Teebecher und nahm schnell noch einen Schluck, um die Trockenheit aus seinem Mund zu vertreiben.
Schlammbespritzt und schnaubend kam das Tier zum Stehen. Die Nüstern blähten sich und der heiße Atem bildete Wolken in der Morgenluft. Nervös trippelte Shah auf der Stelle, bis seine Reiterin von seinem Rücken sprang und die Zügel an den Gittern des Zaunes vertäute. In ihrem schwarzen Korsett mit den silbernen Schnallen, den hohen Lederstiefeln, der ganz und gar undamenhaften Reithose und dem Mokka-Ton ihrer Haut, sah sie nicht minder wild und genauso stolz aus wie der Rappe und Lafayette unterdrückte ein Grinsen, als sie zu ihm trat und ihm zackig ihre behandschuhte Hand entgegenstreckte. Genauso hatte er sie in Erinnerung.
»Morgen, Lafayette«, knurrte sie mit ihrer Bardamenstimme, die nicht so recht zu ihrer schmalen Gestalt passen wollte. »Sieht so aus, als seien wir wieder Kollegen. Zumindest so lange, wie du für uns von Nutzen bist.«
Lafayette packte ihre Hand und genoss den fest entschlossenen Händedruck. Detective Madeline Vezér, einunddreißig, seit vier Jahren Ermittlerin in der Abteilung für Mord- und Gewaltverbrechen beim New York City Police Department.
»Madeline!« Er lächelte. »Schön, dich wieder zu sehen«.
Sie erwiderte sein Lächeln nicht. Ihre schwarzen Augen ruhten eine Zeitlang ernst auf ihm, bis sie ihre Hand aus der seinen löste. »Ich hoffe, ich mache keinen Fehler damit. Du weißt, dass ich nicht gutheiße, was du damals getan hast.«
Er konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören. Brachte ihr Treffen auch sie aus ihrem gewohnten Rhythmus? Er nickte. Natürlich nicht. Madeline war schon immer eine überaus korrekte Person gewesen, die sich an die Regeln hielt – was sicherlich auch an ihrem Ehrgeiz lag. Und wenn sie wollte, konnte sie tatsächlich die erste Polizeichefin Amerikas werden.
»Ja, ich weiß, ich habe damals einen Fehler gemacht …«, begann Lafayette, doch Madeline schnitt ihm das Wort ab. »Ich will deine Entschuldigungen nicht hören.« Mit ihrer Hand tastete sie über ihr dunkles Haar, das sich im Regen zu kräuseln begann. Lafayette kannte diese Geste gut. Als Halbyoruba hatte Madeline ständig mit ihren krausen Locken zu kämpfen. Sie trug ihr Haar gerade so lang, dass sie es zu einem strengen Knoten binden konnte, den sie mit zahlreichen Haarnadeln fixierte. »Und ich will auch nicht wissen, ob du ihn gefunden hast oder gar immer noch nach ihm suchst. Mein Leben ging weiter, Lafayette, auch ohne dich. Und ich habe nicht vor, vergangenen Zeiten nachzutrauern. Es war nicht meine Idee, dich einzustellen und wenn ich ehrlich bin, habe ich Rooke davon abgeraten. Aber er ist der Boss und ich tue, was er mir aufträgt. Also, können wir uns bitte auf die Gegenwart konzentrieren?«
Er wusste nicht recht, was er darauf sagen sollte und entschied sich für ein stummes Nicken. Sie nach über zwei Jahren wieder zu sehen, war seltsam und ihre unterkühlte Art ließ darauf schließen, dass sie sich ebenfalls unbehaglich fühlte. Er beobachtete, wie sie ihren Revolver aus der Satteltasche zog, einen Colt New Police, den Commissioner Roosevelt vor zwei Jahren als Standardwaffe eingeführt hatte, und in ihren Gürtel steckte. Ihre grimmige Miene ließ keinen Zweifel am Ernst der Lage.
Lafayettes Informationen zu dem Fall waren bisher sehr spärlich geflossen. Seit in den frühen Morgenstunden ein Bote mit einer Nachricht des Captains vor seiner Tür gestanden hatte, dass er sich schnellstmöglich an einem Tatort in der West Tenth Street einfinden sollte. Er hoffte, dass Madeline bald auftauen und ihn in den Fall einweihen würde.
»Was hast du da eigentlich für ein Ding in der Hand? Muss ich mir Sorgen machen?«
Lafayette grinste. Rufus‘ Anbarowar sah mit seiner Kupferverkleidung und den metallenen Röhrchen, die sich um das Gefäß wanden, wirklich abenteuerlich aus. Außerdem gab er leise Pfeifgeräusche von sich, die nach einem altersschwachen Teekessel klangen. »Das ist ein Anbarowar, aber das ist nur ein vorläufiger Name. Rufus hat ihn erfunden, du kennst ihn doch. Er braucht Monate, bis ihm ein geeigneter Name für seine Apparaturen einfällt.« Er hob den Becher an, damit Madeline ihn in Augenschein nehmen konnte. »Das Ding hält meinen Tee warm.«
Falls Madeline beeindruckt von Rufus‘ Erfindergeist war, ließ sie es sich nicht anmerken. Wahrscheinlich war sie nicht beeindruckt, denn sie zuckte nur mit den Achseln und wandte sich dann wieder ihren Satteltaschen zu. Er musste sie zum Reden bringen, dieses Schweigen war unerträglich. »Schlechten Tag heute?«, fragte er daher ein wenig unbeholfen und verfluchte sich sogleich für den saloppen Spruch.
Sie hob ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen, tätschelte Shahs Hals und stieg die Stufen zur Haustür hinauf. »Kommt ganz darauf an«, sagte sie im Gehen.
Lafayette verkniff sich die Frage, worauf und folgte ihr, den dampfenden Anbarowar in der Hand.

Aus: “Ersticktes Matt” von Nina C. Hasse



Über die Autorin und das Buch:

Nina C. Hasse
NinaC.Hasse

Nina C. Hasse wurde 1986 in Paderborn geboren. Nach dem Abitur an einem katholischen Mädchengymnasium studierte sie Germanistik und Religionswissenschaft sowie Belletristik und Kinder- und Jugendliteratur. Wenn sie nicht gerade ihrer zweitgrößten Leidenschaft, dem Reisen, nachgeht, lebt und schreibt sie in Münster.





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Das Buch
Ersticktes Matt

New York, 1898
Zur Zeit des Schachturniers der Großmeister zieht ein Mörder durch Manhattan. Er hinterlässt Schachfiguren an den Tatorten, nach sonstigen Spuren sucht die Polizei vergebens.
Das New York City Police Departement engagiert den Gesichtsanalytiker Remy Lafayette und hofft auf die Unterstützung der Turnierteilnehmer der International Chess League, doch nur der schottischen Großmeister Nathaniel Bishop bietet seine Hilfe an. Der ist jedoch alles andere als das, was die Ermittler erwarten …

Genre: Steampunk-Thriller
Veröffentlichung: voraussichtlich Sommer 2014













































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