Entschuldigen Sie meine Störung

von Jan-Uwe Fitz

44
»Darf ich Sie kurz unterbrechen?«
»Natürlich, Herr Menke. Ich führe sowieso nur Selbstgespräche.«
»Erinnern Sie sich an unser Gespräch von vor zwei Stunden?«
»Ja.«
»Sie wollten mir von Ihrem Aufenthalt in der Anstalt erzählen.«
»Ja.«
»Haben Sie aber nicht.«
»Ich dachte, meine Vorgeschichte interessiert Sie vielleicht auch.«
»Nein.«
»Sie müssen doch erfahren, was mit mir los ist. Wer ich bin. Warum ich überhaupt in die Klinik musste.«
»Aber muss es so lange dauern, bis Sie auf den Punkt kommen?«
»Ich bin mit der Vorgeschichte fast fertig.«
»Dann geht’s jetzt in die Klinik?«
»Ja.«
»Da bin ich aber gespannt.«
»Das können Sie auch sein.«
»Kleiner Scherz. Bin natürlich nicht gespannt.«
»Müssen Sie auch nicht sein.«

45
Wo war ich stehengeblieben? Also: Ich bin nach wie vor im Wald und erinnere mich so vor mich hin. Da erkenne ich plötzlich schemenhaft durch die Bäume hindurch einen großen, hornhautumbrafarbenen Gebäudekomplex. Das Haus passt nicht so recht in die Umgebung, es ist viel zu modern für einen Wald. Je näher ich komme, desto deutlicher wird sein funktionaler Charakter. Vor mir steht keine Burg oder ein Bauernhof, sondern eine Klinik. Mit einem gläsernen Eingang, an dem ein weißes Schild prangt: Klinik für Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik. Ich drücke mein Gesicht gegen die Glasfront und blicke in das Foyer: rechts ein Empfangstresen, dahinter eine dynamisch wirkende junge Frau in einem dunklen Kostüm. Sie sieht mich und runzelt die Augenbrauen. Vielleicht ist mein Anblick aus ihrer Perspektive gewöhnungsbedürftig, wie ich meine Nase an der Scheibe plattdrücke und meine Augen langsam von rechts nach links und wieder zurück wandern lasse, um das ganze Foyer einsehen zu können.
Da höre ich plötzlich eine knarzende Altfrauenstimme:

Psycho, Psycho, Knäuschen,
Wer drückt die Nas’ ans Irrenhäuschen?

Als ich mich überrascht umdrehe, steht mir jedoch keine Hexe gegenüber, sondern eine wunderschöne Frau, geschätzte dreißig. Kaum zu glauben, dass die grässliche Stimme zu ihr gehören soll. Die Schönheit lacht mich an. Da erkenne ich sie. Es ist Claudiagard Hildmann, eine alte Freundin von mir. Also Freundin im Sinne von »Nie war ich einer Frau näher als Claudiagard Hildmann«. Zwei Jahre lang waren wir unzertrennlich. An insgesamt drei Tagen. Wir haben uns auf einer Party kennengelernt, auf der ich mal wieder verloren in der Ecke stand, damals, als ich noch Partys besuchte. Und sie kam zu mir rüber und fragte: »Wollen Sie tanzen?«
Ich antwortete: »Was glauben Sie, was ich hier tue.«
Und sie lachte. Ich lachte zurück, auch wenn ich es bitterernst gemeint hatte. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass exzessives Fingernägelkauen als Tanz durchginge.
Wir tanzten dann tatsächlich. Ich wollte gar nicht mehr aufhören, sie schon nach dem ersten Lied. Als ich mich enttäuscht zeigte, erklärte sie mir, dass sie mich nicht aufgefordert hätte, weil ich so sympathisch sei, sondern aus Mitleid. Und dass sie nicht zu lange mit mir gesehen werden wolle. Das verstand ich. Sie bot mir schließlich an, noch einmal etwas mit mir trinken zu gehen. Wahrscheinlich weil ich unheimlich enttäuscht geguckt hatte. Das haben schöne Frauen manchmal: extremes Mitleid mit Losern.
Am Ende waren wir dreimal miteinander aus, verloren aber bald den Kontakt zueinander. Also sie zu mir. Kann auch sein, dass sie ihn eingestellt hat. Ich habe jedenfalls regelmäßig versucht, sie telefonisch zu erreichen. Ungefähr stündlich. Eines Tages war die Telefonnummer nicht mehr vergeben.
Und jetzt stehen wir uns wieder gegenüber.
»Na, kennst du mich noch?«, fragt sie mit ihrem umwerfenden Lachen.
»Natürlich. Claudiagard. Die einzige Frau, die jemals freiwillig mit mir geredet hat. Was machst du hier?«
»Ich wurde gerade aus der Klinik entlassen. Habe soeben meinen sechsten Alkoholentzug beendet.«
»Das klingt, als sei es dir in den letzten Jahren nicht so gut gegangen.«
»Na ja. Ich habe mein Studium abgebrochen, ein bisschen gemodelt und bin anschließend in einen Teufelskreis aus Drogen, Alkohol und Medikamenten gerutscht.«
»Klingt aufregend«, sage ich anerkennend.
»Ja. War nicht die schlechteste Zeit des Lebens. Mittlerweile glaube ich an Gott, Religion und so einen Mist. Weil ich hoffe, darin Sinn zu finden.«
»Und?«
»Hm. Alkohol war geiler.«
»Für deinen zerstörerischen Lebensstil siehst du aber immer noch sehr gut aus.«
»Danke. Du nicht. Auch Alkoholiker?«
»Nein, nein«, winke ich ab. »Noch nicht. Ich versuche zwar verzweifelt, einer zu werden, aber mir schmeckt das Zeug einfach nicht.«
»Das ist aber ärgerlich. Hilft ungemein, das Leben zu ertragen. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass ich auch diesmal nicht lange trocken bleiben werde. Ein Tipp: Verdünne Wodka einfach mit viel Fruchtsaft. Dann schmeckst du den Alkohol nicht so.«
»Danke. Das werde ich mal testen.«
»Mensch, Jan-Uwe. Wie lange ist das her?«
»Zehn Jahre, zwei Tage und zwölf Stunden«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Hätten wir uns vorgestern getroffen, hätten wir genau zehn Jahre Funkstille feiern können.«
Ich weiß das so genau, weil ich Tag für Tag gezählt habe, wann mich das letzte Mal eine Frau angelächelt hatte.
»Wie ist es dir ergangen? Familie? Kinder?«
»Nein. Ich habe das Leben in vollen Zügen genossen. Viele Partys, viele Menschen. Drogen. So was halt. Für feste Beziehungen war da kein Platz.«
»Damals hast du Menschen ja nicht so richtig gemocht. Hat sich das also geändert.«
»Ja … Nein.«
»?«
»Ich dachte gerade, ich könnte vielleicht so tun, als wäre ich ein anderer Mensch als damals. Damit du mich attraktiver findest. Du hast dich ja nur aus Mitleid mit mir abgegeben.«
»Ja. Wie du da in der Ecke gestanden und an den Fingernägeln geknabbert hast, das war so traurig. Und da ich vorhatte, später in die Entwicklungshilfe zu gehen, dachte ich mir: Fang doch mit dem Typen an.«
»Bist du in der Entwicklungshilfe?«
»Nein. Wusstest du eigentlich, dass man dafür ins Ausland muss?«
»Ja, schon.«
»Mir war das nicht so klar. Damit war die Sache für mich natürlich gestorben. Bei meinem Heimweh.«
»Denkst du manchmal noch an früher? An uns?«, frage ich in einem Anflug von Sentimentalität.
»Nein. Hätten wir uns hier nicht zufällig getroffen, ich hätte nie wieder im Leben an dich gedacht.«
»Mensch, was hätte aus uns beiden werden können … Ich denke oft wehmütig an dich zurück.«
»Echt? Das ist aber nett.«
»Und an meine beiden vergebenen Chancen.«
»?«
»Na ja, als wir fast miteinander geschlafen hätten.«
»?«
»Ich mich aber nicht getraut habe, den ersten Schritt zu machen.«
»Wann soll das denn gewesen sein?«, fragt sie in einer Mischung aus Verwunderung und Ekel.
»Damals, als ich dich in Marburg besucht habe. Und wir abends noch etwas essen gegangen sind. Und später vor deiner Haustür standen. Da hast du eindeutig sexuelle Signale gesendet. Aber ich, ich habe dir nur einen Gutenachtkuss auf die Wange gegeben und bin nach Hause. Gentleman durch und durch.«
»Daran erinnere ich mich gar nicht.«
»Jaha«, sage ich stolz. »Ich schon. Ganz Gentleman war ich. Ganz Gentleman.«
»Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich damals sexuelle Signale gesendet habe.«
»O doch. Eindeutig. Du hast extrem willig aus der Wäsche geguckt.«
»Habe ich nicht«, lacht sie überrascht.
»Wohl.«
»Nein.«
»Na, na, na?« Ich blicke sie gespielt misstrauisch an.
»Nein, wir waren nur Freunde. Also Bekannte. Flüchtige Bekannte.«
Sie wirkt überzeugter als ich. Nun bin ich kein Mensch, der sich von irgendeinem anderen Menschen nicht überzeugen ließe. Insbesondere dann, wenn es sich um eine
attraktive Frau handelt. Ich passe meine Interpretation der Ereignisse sehr schnell einer anderen Darstellung an. Doch von meiner Lebenslüge trenne ich mich nur ungern.
»Wenn ich dich damals geküsst hätte, hätten wir uns anschließend in den Laken gewälzt. Das ist sicher«, behaupte ich mutig.
»Mit Sicherheit nicht!« Nun klingt sie doch erbost und ich beschließe, mich etwas zurückzunehmen.
»Was hättest du denn geantwortet, wenn ich gefragt hätte, ob ich mit nach oben kommen soll?«
»Ich hätte gesagt: Vergiss es.«
»Ach, ehrlich?«
»Wir waren doch eher wie Bruder und Schwester«, fügt sie hinzu.
»Ja, aber zweimal standen wir kurz vorm Inzest. Um in deiner Metapher zu bleiben.«
»Nein!«
»Vielleicht machst du dir nur etwas vor?«
»Ich glaube, ich bin hier nicht diejenige, die sich in etwas verrannt hat.«
»Ach, Menno.«
Enttäuscht und wütend trete ich gegen eine Mülltonne.
»Da mache ich mir all die Jahre etwas vor, verdränge und verdränge, und dann treffe ich natürlich dich wieder. Die einzige Person, die mir das nehmen kann. Und natürlich nimmt sie es mir auch. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen wiedergetroffen, nicht zuletzt, weil ich überhaupt sehr wenige Menschen kennengelernt habe. Sogar vor meinen Eltern bin ich weggelaufen, als sie wieder den Kontakt gesucht haben, aber ausgerechnet die Person, bei der ich mir etwas vorgemacht habe, etwas, das mir gut tut, das mir mein Leben manchmal wenigstens einigermaßen erträglich macht, läuft mir wieder über den Weg – und stellt alles klar. Toll, liebes Leben, ganz toll.«
Ich trete noch einmal gegen die Mülltonne, es soll wütend wirken, aber es erscheint eher halbherzig, Claudiagard merkt bestimmt, dass ich mir vor allem den Fuß nicht verletzen möchte.
»Das tut mir leid«, sagt sie vorsichtig. »Ich wusste nicht, dass das so wichtig für dich war.« Sie hält sich aber nicht lange damit auf, mich zu trösten: »Du hast vorhin gesagt, es waren zwei Gelegenheiten, bei denen wir fast miteinander geschlafen hätten. Wann soll denn das andere Mal gewesen sein?«
»O nein!«, wehre ich bitter lachend ab. »Das sage ich dir nicht. Das nimmst du mir nicht auch noch.«
»Ach, komm. Es interessiert mich.«
»Nee, nee.«
»Och, bitte.«
»Nur wenn du mir versprichst, nicht klarzustellen, dass wir auch an diesem Abend nicht im Bett gelandet wären.«
»Wir wären garantiert nicht im Bett gelandet.«
»Dann sage ich’s dir nicht.«
»Los, raus mit der Sprache. Biddöö.«
Sie sieht mich mit ihren wunderschönen blauen Augen an, und mein Widerstand bröckelt.
»Was kriege ich dafür?«
Sie denkt nach.
»Ich verspreche, dir für den Rest deines Leben die Illusion zu lassen, dass wir heute Sex hätten haben können.«
»Hm, klingt fair.«
»Also? Wann soll das gewesen sein?«
»Na, damals als wir im Multiplex waren und anschließend in der Kino-Bar noch Cocktails getrunken haben«, helfe ich ihrem Gedächtnis auf die Sprünge.
»Ja, daran erinnere ich mich. Wir waren ziemlich betrunken.«
»Genau.«
»Aber ich hätte auch damals nicht mit dir geschlafen. Und wenn ich noch so besoffen gewesen wäre.«
»Und da geht auch diese Illusion hin. Plopp!«
»Plopp?«
»Ja, Seifenblase. Zerplatzt. Plopp.«
»Aber du kannst dir ja ab sofort einbilden, dass wir heute zusammen geschlafen hätten, wenn du den ersten Schritt gemacht hättest.«
»Ich weiß bloß nicht, ob mir das gelingt. Irgendwie eignet sich die Atmosphäre nicht recht für eine solche Illusion. Ich meine: vor einer Anstalt. Morgens.«
»Mein Gott, du hast zu viele schlechte Filme geguckt. Deine Fantasie ist ja klischeebeladen ohne Ende. Erotische Fantasien kann man überall haben. Du kannst dir
doch einreden, dass du mich gepackt hast und ins Damenklo gezerrt und ich dort alles mit mir habe machen lassen. Voller Ekstase.«
»Damenklo? Da fliege ich doch sofort raus, wenn mich jemand entdeckt. Ich kann mir sogar vorstellen, dass du mit mir da reingehst, nur um sofort den Wachdienst zu rufen. Und dich scheckig lachst, wenn ich abgeführt werde.«
»Das traust du mir zu?«
»Ich traue jedem alles zu.«
»Stimmt. Sogar, dass ich mit dir schlafe.«
»Nur wenn die Atmosphäre stimmt.«
Ich sehe ihr in die Augen, nehme meinen ganzen Mut zusammen und frage: »Wärst du denn bereit, mit mir aufs Damenklo zu gehen und dort hemmungslos Liebe zu machen?«
»Nein.«
»Vielleicht stark gehemmt Liebe zu machen?«
»Auch nicht.«
»Plopp.«

Ja, liebe Leser. Sie haben recht: Manchmal bin ich ein richtiges Glückskind. Wie wahrscheinlich ist es schon, dass man ein solch niederschmetterndes Gespräch direkt vor einer Nervenklinik führt? Ist das nicht ein unfassbares Glück? Ich bin am Boden zerstört und würde mich am liebsten umbringen. Ich wäre doch bescheuert, zu solch drastischen Mitteln zu greifen, wenn ich bereits am Eingang zu einer Nervenklinik stehe. Wenn mir irgendwer helfen kann, dann die. Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen. Aber noch keinen Irren sich vor der Nervenklinik den Kopf wegschießen. Nur ein paar Schritte, und ich kann mir helfen lassen. Gegen meine Depression angehen. Mich heilen lassen. Und ein neues Leben beginnen.
Und so betrete ich, nachdem ich mich von meiner alten Freundin verabschiedet habe, das Foyer der Klinik.

Aus: “Entschuldigen Sie meine Störung” von Jan-Uwe Fitz.
Dumont, 2011.



Über den Autor und das Buch:

Jan-Uwe Fitz
Jan-Uwe Fitz











Wie ich den Herrn Fitz kennengelernt habe

Über einen Artikel im Internetz bin ich auf den Herrn Fitz, den Taubenvergrämer, und seinen Twitter-Account aufmerksam geworden. Nach einer kurzen Stalking-Phase habe ich dann folgende Kurz-Hörspiele auf seinem Blog entdeckt. Sofort war es um mich geschehen. Kurze Zeit später konnten wir uns bei einer seiner Lesungen in der @kopiba in Hamburg persönlich kennenlernen. Dort habe ich hautnah einen Einblick in das Leben eines Taubenvergrämers bekommen. Ich Armer.

Auf Twitter, Facebook und seinem Blog erfahrt Ihr mehr über Jan-Uwe Fitz.

Das Buch
Entschuldigen_Sie_meine_Störung
Entschuldigen Sie meine Störung: Ein Wahnsinnsroman

Jan-Uwe Fitz hat vor allem und jedem Angst. Als er eines Tages zufällig an einer privaten Nervenklinik vorbeispaziert, beschließt er spontan, sich selbst einzuweisen – als mittelloser Kassenpatient aber gar nicht so einfach. Es beginnt ein mehrjähriger Aufenthalt, an dessen Ende alles noch viel schlimmer ist als vorher. Und dann ist da noch die Frage: Wer ist der mysteriöse Mitreisende im ICE?

















































Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *