Ella

von Ninia LaGrande

Jeden Morgen sieht die alte Frau Hohenheimer, wie Ella aus dem gegenüberliegenden Haus tritt und müde in den Laden von Herrn Türkmen stolpert, um danach mit einem Fladenbrot, irgendwelchem Obst und einem Kaffee im Pappbecher wieder ins Haus zu gehen. Und jeden Morgen fragt sich Frau Hohenheimer, ob die nette Ella denn keine Kaffeemaschine besitzt, dass sie immer diesen Kaffee aus dem Pappbecher trinken muss. Sie fragt sich auch, ob Ella jeden Tag ein ganzes Fladenbrot isst. Allein. Frau Hohenheimer stellt sich vor, wie Ella sich das ganze Fladenbrot zum Frühstück in den Mund schiebt und dann so aussieht, wie diese afrikanischen Frauen, die Frau Hohenheimer im Fernsehen gesehen hat. Fladenbrotlippe.

Ella hat einen Freund. Das weiß Frau Hohenheimer. Frau Hohenheimer weiß überhaupt ziemlich viel über ihre Nachbarn. Seitdem Herr Hohenheimer tot ist, sitzt sie fast nur am Fenster und beobachtet die Straße. Manchmal sagt sie, sie könne ein ganzes Buch darüber schreiben, was auf der Straße so passiert. Es könnte ein Kinderbuch sein, mit dem Kinder lernen, was auf einer Straße eben so passiert. Oder ein Krimi. Oder eine erotische Geschichte. Wenn Ella vergisst, die Vorhänge zu schließen. Das mit dem Buch erzählt sie dann immer ihrer Katze. Die sitzt neben Frau Hohenheimer, direkt auf dem Fensterbrett und heißt Anchovi, weil Frau Hohenheimer so gerne Anchovis mag.

Na gut, Ellas Freund also. Ellas Freund heißt Pit. Vielleicht heißt er auch nicht so, aber Frau Hohenheimer nennt ihn so, weil er aussieht wie ein Pit. Pit hat nur einen Arm, aber immer sehr schöne Schuhe an. Er erinnert Frau Hohenheimer ein bisschen an Herrn Hohenheimer, weil der nämlich auch nur einen Arm hatte. Er hat seinen Arm im Krieg vergessen. Das hat Frau Hohenheimer immer gesagt, wenn jemand gefragt hat, wo der Arm ist. Ja, wo soll der denn sein, hat Frau Hohenheimer dann immer gedacht. Der wird ja schlecht noch am Frühstückstisch sitzen. Deswegen fand sie Pit auch gleich sehr sympathisch, als er eines Morgens gemeinsam mit Ella zu Herrn Türkmen reingestolpert ist. Pit trägt immer sehr schöne Sportschuhe. Die sind entweder knallgelb oder ketschuprot oder ozeanblau. Frau Hohenheimer fragt sich, ob Pit Schnürschuhe trägt oder ob das alles Schuhe mit Klettverschluss sind. Denn Herrn Hohenheimer musste sie immer die Schuhe binden, weil er das ja mit einem Arm nicht allein konnte. Und wenn Ella dann mit dem Fladenbrot im Mund vor Pit kniet und die Schuhe zubinden muss, ja, das wäre ja ein Theater. Wo Pit wohl seinen Arm vergessen hat?

Wenn Ella eine Kaffeemaschine hätte, dann könnte Pit ihr morgens Kaffee kochen. Das geht ja auch mit einem Arm, denkt Frau Hohenheimer. Deswegen macht Frau Hohenheimer heute etwas ganz Verrücktes. Sie verlässt die Wohnung. Anchovi muss mal ein paar Stunden alleine bleiben. Frau Hohenheimer sieht ziemlich abgedreht aus, wie sie so im Bus sitzt. Das merkt sie, weil die Menschen, die einsteigen und Frau Hohenheimer sehen, sie sehr komisch mustern. Klar. Frau Hohenheimer hat ja auch einen bunten Mantel an und dazu trägt sie den Jägerhut von Herrn Hohenheimer. Und der hat eine riesige Feder an der Seite. Mit der Feder könnte sie jedem ein bisschen in der Nase herumkitzeln, der sich hinter sie setzt. Frau Hohenheimer kichert. Oh, und dann ist es schon soweit. Sie muss aussteigen. Nur noch ein paar Meter und sie ist bei dem Elektrohandel von Herrn Wering angekommen.

Herr Wering war ein guter Freund von Herrn Hohenheimer. Die beiden sind oft zusammen zum Kegeln gegangen. Und Herr Wering hat mit Herrn Hohenheimer so lange geübt, bis der alleine mit einem Arm kegeln konnte. Auf der Beerdigung von Herrn Hohenheimer hat Herr Wering statt einem Blumenkranz eine Kegelkugel mitgebracht und an den Sarg gelegt. Frau Hohenheimer hat die Kugel dann mit nach Hause genommen und auf den Küchentisch gelegt. So ist Herr Hohenheimer immer noch ein bisschen da, wenn sie was isst oder einfach nur da sitzt. Jetzt sitzt also wirklich immer Teil von Herrn Hohenheimer am Frühstückstisch.

Nun gut, Herr Wering ist natürlich jetzt schon viel zu alt und liegt im Heim am Stadtpark. Das ist auch das einzige, was er da macht. Liegen. Er wartet darauf, dass es irgendwann vorbei ist. So wie andere auf den Bus warten, wartet Herr Wering auf den Tod. Nur dass er dabei weder eine Zigarette rauchen noch lesen kann. Er liegt. Frau Hohenheimer hat ihn mal besucht. Aber die Liegestimmung hat sie so traurig gemacht, dass sie bald wieder gegangen ist.

Jetzt führt die Enkelin von Herrn Wering das Geschäft. Die ist sehr nett und packt Frau Hohenheimer fluchs eine Kaffeemaschine ein. Eine ganz normale Filterkaffeemaschine. Weil die nämlich noch richtigen Kaffeeduft verbreitet. Und wenn der Duft dann aus Ellas Wohnung strömt, hat Frau Hohenheimer mit ein bisschen Glück auch etwas davon. Fini, so heißt die Enkelin von Herrn Wering, baut Frau Hohenheimer eine komplizierte Konstruktion aus zwei Plastiktüten, damit Frau Hohenheimer die Kaffeemaschine besser tragen kann. Fini redet ganz viel. Sie erzählt von der Familie und ihrem Freund. Sie klagt, wie schwierig es heutzutage sei, einen Familienbetrieb zu erhalten. Und sie erzählt, dass der große Bruder jetzt in New York wohnt. New York kennt Frau Hohenheimer nur aus dem Fernsehen. Sie stellt es sich aber recht nett vor, dort zu leben. Für Anchovi und sie wär das bestimmt anstrengend, aber für junge Menschen ganz toll.

Dann macht sich Frau Hohenheimer ganz aufgeregt auf den Rückweg. Nach der Busfahrt, bei der sie die Maschine zittrig auf ihren Beinen balanciert hat, klingelt Frau Hohenheimer bei Ella. Ella öffnet und ruft gleich: „Ach, Frau Hohenheimer, das ist aber nett. Wie geht es ihnen?“ Und Frau Hohenheimer sagt wie immer, dass es ihr gut geht und dass Anchovi ebenfalls immer gebrechlicher wird. Dann stellt sie die Tüte vor Ellas Füße und strahlt: „Ella, das ist für Sie und Pit.“ „Wer ist Pit?“, fragt Ella und Frau Hohenheimer sagt: „Na, Ihr Freund!“ „Ach, Sie nennen ihn Pit?! Das gefällt mir.“ Dann packt Ella die Maschine aus und ist ganz aus dem Häuschen. Sie freut sich so sehr und Frau Hohenheimer ist froh, dass Ella nicht sagt, dass das ja nicht nötig gewesen sei, weil es nämlich doch nötig war.

Beim Abendbrot erzählt Frau Hohenheimer der Kegelkugel und Anchovi von ihrem Ausflug und dass sie die Maschine gleich bei Ella vorbeigebracht hat. Die hat sich so gefreut. Frau Hohenheimer ist jetzt glücklich. Und während sie Butter auf der Brotscheibe verteilt, bildet sie sich ein, dass Anchovi und die Kegelkugel ebenfalls lächeln.



Über die Autorin:

Ninia LaGrande

ninia
Ninia LaGrande ist Social Media Managerin, Bloggerin und Poetry Slammerin aus Hannover. In Göttingen hat sie die Lesebühne “acrobat readers” gegründet und in Hannover moderiert sie regelmäßig die Kabarettbundesliga im Theater am Küchengarten. Ninia ist festes Mitglied der Lesebühne “Nachtbarden” und reist gern. Reykjavík und Lissabon gehören zu ihren Lieblingsorten – noch hat sie aber nicht alle guten Orte gesehen. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Theaterstück und einer eigenen Kurzgeschichtensammlung.

http://ninialagrande.blogspot.de/



























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