Die Umkleide

von Daniela Herbst

Genervt rümpfte Lenya die Nase und strich den Saum der beigefarbenen Schlangenleder-Leggins glatt. Grauenhaft. Am Po hatten sich unschöne Falten gebildet. Ein käsiges Speckröllchen quoll über den Bund. Zudem stand das Ding am Steiß einen Kilometer ab, zwickte unbequem im Schritt und quetschte ihre Oberschenkel mittig zur Sanduhr. Eine anämische Presswurst …
Sie stöhnte. Gab es etwas Abartigeres als künstliches Licht in engen Umkleidekabinen? Unwahrscheinlich. Vorausgesetzt man warf keine ansteckenden Krankheiten wie Lepra oder Beulenpest in die Waagschale.
Wenig begeistert drehte sie sich noch einmal um die eigene Achse.
Nein, selbst wenn sie die ungünstige Ausleuchtung ignorierte und ihr Bäuchlein Größe 38 einzog – fleckiges Grün auf blassem Braun war einfach nicht ihre Farbe. Es verlieh ihrem Gesicht eine Tönung, die an würgende Geräusche über einer Toilettenschüssel denken ließ.
»Soll ich Ihnen eine 40 bringen?«
»Nein.« Lenyas Hände umklammerten den Vorhang, durch den sich bereits manikürte Nägel schoben. »Ich komme zurecht. Danke«
»In Ordnung«, flötete die rothaarige, spindeldürre Verkäuferin leicht schnippisch und klackerte Richtung Kasse davon.
»Größe 40 …«, schnaubte Lenya empört und zog den Reißverschluss der Leggins auf. »Was glaubt diese unverschämte …«
Der Rest ihrer Schimpftirade mündete in einen gepfefferten Fluch, als ihr ein fieses Stechen in die Parade fuhr. Sie zuckte zusammen und betrachtete ihre Finger. Blut. Nicht viel, nur ein oder zwei Tropfen. Vermutlich war sie irgendwo am Reißverschluss hängen geblieben.
»Blödes Ding.« Fast trotzig rollte sie die Leggins bis auf die Knöchel herunter, schlüpfte aus den Beinen und kickte das noch am Fuß baumelnde Stück in die Ecke der Kabine.
Die gehäutete Kaa, nachdem sich Mowgli ungeschickterweise auf sie drauf gesetzt hat … Sie grinste. Mit genügend Fantasie erinnerte das traurige Häuflein tatsächlich an eine Schlange.
»Brauchen Sie vielleicht Hilfe da drinnen?«, flötete der Rotschopf, der sich in bester Guerilla-Manier offenbar unbemerkt wieder der Umkleide genähert hatte, und schickte sich an, den Vorhang aufzuschieben.
»Nein!«, keifte Lenya, packte die beiden Stoffbahnen und hielt sie eisern zu.
»Sie sagen Bescheid?«
»Ja!«
Schweigen gefolgt von Absatzgetrippel.
Diesmal schien die Botschaft angekommen zu sein. Hoffte sie jedenfalls. Denn wenn ihr eines Sodbrennen bescherte, dann aufdringliche Verkäuferinnen. Mal davon abgesehen, dass sie wohl nie kapieren würde, inwieweit es helfen sollte, plötzlich in gestreiften Unterhosen im Laden zu stehen. Diese Antwort durfte man ihr aber auch getrost schuldig bleiben, solange sie endlich den Griff um die Vorhanghälften lösen konnte – was sie prompt tat.
Keine Sekunde zu früh, denn scheinbar hatte sie es in ihrer Entblößungsphobie ein bisschen übertrieben und zu fest zugepackt. Ihre Finger waren jedenfalls bereits leicht taub.
»Ah …« Sie schüttelte wie ein nervöser Schmetterling die Hände, um die Durchblutung wieder anzuregen und das ekelhafte Kribbeln darin loszuwerden.
Dummerweise hatte das Manöver eher die gegenteilige Wirkung: Ihr wurde schwindelig und das komisch pelzige Gefühl breitete sich bis zum Ellenbogen hin aus. Halt suchend stützte sie sich an der Spiegelwand ab.
Jetzt könnte sie Hilfe gebrauchen …
»Hallo?« Ihre Zunge klebte am Gaumen.
Keine Reaktion.
»Hallo?«, hauchte sie erneut, bezweifelte aber selbst, dass jemand sie hörte. Ihr Magen rebellierte. Ein seltsam kupferner Geschmack ließ sie trocken würgen und sie schwitzte.
Frische Luft …
Ein Glas Wasser …
Das klang nach einer vernünftigen Idee, doch dazu musste sie erst einmal ihre Jeans wieder anziehen. Langsam drehte sie sich zu dem Stuhl, auf dem sie ihre Klamotten gebunkert hatte, und machte einen zögerlichen Schritt darauf zu. Dabei stolperte sie über die weggeworfenen Leggins. Ihr Fuß verhedderte sich in dem Bündel, sie verlor das Gleichgewicht und krachte im seitlichen Sturzflug auf das Möbel.
»Heilige Scheiße …« Wenn man mal eine von diesen unnützen Verkäuferdronen auf High Heels brauchte …
Ihr Blick traf sich mit dem ihres Pendants im Spiegel. Es sah leichenblass aus; und um die Augen herum geschwollen.
Lenya legte den Kopf schief. Das hatte beim besten Willen nichts mehr mit mieser Beleuchtung zu tun. Ihr war schlecht, sie fieberte und das taube Gefühl im Arm reichte bald bis zu den Schultern.
Außerdem hatte ihr kleiner Reißverschluss-Unfall anscheinend bleibenden Schaden hinterlassen.
Sie blinzelte.
Ja, am rechten Oberschenkel prangten zwei pickelgroße Löcher, aus denen dünne Blutfäden liefen und sich über ihre Haut schlängelten. Bei näherer Betrachtung … Nein …
Ihre Zwillingsschwester im Spiegel riss die Augen auf.
Die Löcher erinnerten wirklich an einen Schlangenbiss. Was ganz gut zu den Leggins passte, die in dichten Serpentinen ihr linkes Schienbein an den Stuhl gefesselt hatten; und jetzt verrückterweise …
Lenya kreischte stumm auf. Die Hose schwebte quasi in der Luft, bildete einen imaginären Kopf und fixierte sie mit unsichtbaren Pupillen.
»Hilfe!«, kam es tonlos aus ihrem Mund.
Die Leggins zischten und wickelten sich – als wollten sie dafür sorgen, dass ihre Beute weiterhin still blieb – um ihren Hals.
Lenya streckte die Hand verzweifelt zum Vorhang.
Das Licht in der Umkleide wurde matter.
Dann ging es aus.



Über die Autorin:

Daniela Herbst
Portrait Daniela Herbst




Autorin und Texterin aus Augsburg
besondere Affinität zu Kurzgeschichten
http://www.buchherbst.de





















One Comment

  1. Packend geschrieben. Schneller Wechsel von Erzählstimme und Gemütsebene der Hauptakteurin. Cooler Stil und dem immer treu geblieben, bis auf den eher romantischen Vergleich mit dem Schmetterling.

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