Die saubere Toilette

– oder –

»Als der Schnee aus den Köpfen verschwand«

von Andy Strauß

(Fußnote: Wie die Universität Leipzig verwendet auch dieser Text zwecks Überschaubarkeit bei Personengruppen nur die weibliche Form, die aber auch männliche Vertreter jener Gruppe mit einschließt)

Prolog
In den Medien hatten die meisten Politikerinnen von ihren Pressesprecherinnen Freude über den positiven Ausgang des Projekts Colom-X kommunizieren lassen. Von »Großer Begeisterung« und von »fantastischer Leistung« war immer wieder die Rede. Sowohl der Stern als auch der Spiegel verzichteten in diesem Juni des Jahres 2015 darauf, eine Titelgeschichte über Adolf Hitler oder eines seiner Haustiere oder eine seiner Liebhaberinnen zu drucken. Stattdessen zeigten ihre Titelbilder ganz dem weltweiten Trend entsprechend, einzelne Soldatinnen oder riesige Soldatinnentrupps des siegreichen amerikanischen Heeres oder deren Kriegsschauplätze. Ein Heer, das binnen kürzester Zeit und vollkommen ohne zivile Opfer eine riesige Schlacht im amerikanischen War on Drugs gewonnen hatte.
»God bless you, Private Aphid« titelte das Times Magazine und druckte auf dem Cover das tausendfach vergrößerte, friedliche Gesicht eines der Soldaten aus dem Corps Aphidoidea Freedom, dem wohl ersten Heer, das gänzlich aus genetisch veränderten Kriegern bestand. Um die Berichterstattung dieser Tage auf ein Wesentliches abzukürzen:
Es war dem amerikanischen Wissenschaftler Dr. B. Orbison an der Stanford University gelungen, eine besonders kleine und kaum sichtbare Gattung ordinärer Blattläuse gewissermaßen zu tunen. Um an dieser Stelle nicht mit wissenschaftlichen Fakten zu langweilen, überspringen wir den langwierigen Prozess und springen direkt an das Ende der Folge von »Pimp my Blattlaus« und schauen uns direkt das Endergebnis an: Die veränderten Blattläuse hatten eine Größe von 0,2 Millimetern, waren transparent, vermehrten sich um ein zig-faches schneller, trugen Resistenzen gegen nahezu alle Pestizide und der Clou: sie ernährten sich nicht von jedem Pflanzensaft, sondern saugten ausschließlich aus dem Coca-Strauch die für die Herstellung von Kokain erforderlichen Alkaloide, ohne dabei die Pflanze zu töten. Findet die Soldatin Aphidoidea Freedom über einen längeren Zeitraum keine Nahrung, dann stirbt sie nicht etwa, sondern fällt in eine Starre, in der sie mehrere Jahrzehnte überdauern kann und die durch den Geruch von Nahrung wieder beendet wird. Nur eine einzige dieser Blattläuse reicht völlig aus, um eine Population zu gründen, die ein Feld von einem Hektar innerhalb eines Monats komplett »ent-rauschen« kann.
In einer streng geheimen Großaktion wurden seit Januar 2015 unzählige Kolonien des Insekts in allen bekannten Coca-Anbaugebieten in Umlauf gebracht und schon im folgenden Juni konnte der amerikanische Präsident stolz und medienwirksam verkünden, dass es in Zukunft kein Kokain mehr geben würde.

—— CUT ——

August 2015. Wir befinden uns in der seit Oktober 2013 genderlosen Toilette des Bundestages, der einzige Kompromiss, den die Grünen bei den Koalitionsverhandlungen mit der CDU erwirkt haben. Angela Merkel, Kanzlerin in der dritten Legislaturperiode, steht vor einem Spiegel und zieht sich mit ruhiger Hand ihren Liedstrich nach. Peer Steinbrück kommt dazu, er zittert.
Peer: Boah, man Angie, aller! Angie! Ey, du hast noch was, oder?
Abschätzig schaut Angela den Dazugekommenen an und mustert das Häufchen Elend eindringlich, bevor sie sich zu einer Antwort herablässt:
Angie: Nein, Horst, ich sitze wirklich auch auf dem Trockenen. Ganz ehrlich, wir alle tun das!
Peer: Aber Angie! Ey Angie! Wie kannst du dann so ruhig sein, alter, Angie? Lüg doch nicht. Wo hast du es her?
Mit einer abfälligen Geste weist Angie den Bettler ab. Von seiner Sucht getrieben weiß dieser sich jedoch nicht anders zu helfen, als Angies Kopf mit voller Wucht gegen den Spiegel zu schlagen. Der noch am Auge angesetzt Kajalstift bohrt sich bei diesem Akt der Gewalt tief in Angelas Kopf hinein. Beim Durchwühlen des erbrochenenfarbenen Hosenanzuges der Kanzlerin findet Peer einen Gefrierbeutel mit einhundertfünfzehn Gramm der ersehnten Substanz. Doch seine Freude währt nur kurz. Gerade, als er seine Nase in den Beutel gesteckt hat, öffnet sich die Tür und zwei Parteigenossinnen treten ein. Sie freuen sich, dass ihr Chef noch etwas übrig hat und fragen nach einer Linie. Peer allerdings möchte auf keinen Fall etwas des rar gewordenen Rohstoffes abgeben, weswegen es zwischen den dreien zu einer handfesten Rangelei kommt. Vom Lärm und vom verführerischen Kokaingeruch angelockt, kommen nach und nach immer mehr Bundestagsabgeordnete auf die Toilette geströmt und mischen sich in die Schlägerei ein. Wüst werden Schläge und Tritte ausgetauscht, einige piksen mit ihren Kugelschreibern, Heftklammern sind in aller Wangen, Blut strömt in Hektolitern. Nach gut einer halben Stunde liegen alle Bundestagsabgeordneten tot und verstreut über und untereinander auf der Toilette, als sich die Tür eines Kackseparees öffnet und Joschka Fischer die Szenerie betritt. Er schaut sich um, drückt seinen Joint im Waschbecken aus, ruft: „Hurra, Gruppenkuscheln!“ und legt sich zwischen die erkaltenden Körper.
—— CUT ——

Epilog
Als im Februar sämtliche Kokainreste aufgebraucht waren und jeder Anbau der Kokapflanze selbst in gut gesicherten Gewächshäusern durch die B-Waffe effektiv unterbunden war, änderte sich die Welt. Firmenbosse waren nicht mehr von kokainhoher Überheblichkeit getrieben und behielten mehr und mehr den Menschen im Blick. Die durch das Toilettenmassaker notwendigen Neuwahlen wurden von einem Verbund rationaler Bürger gewonnen, die es nicht nötig hatten, Lobbypolitik zu betreiben, denn sie waren nicht kokainabhängig, hatten dementsprechend niedrige Fixkosten und mussten sich nicht bestechen lassen. Voller Zuversicht blicken wir nun in die Zukunft. Eine Zukunft der Menschlichkeit, des klaren Verstandes, der fehlenden Überheblichkeit und ganz besonders: Eine Zukunft der sauberen Toiletten.

Über den Autor:

Andy Strauß
Foto von Melissa Hötger

Foto von Melissa Hötger

Andy Strauß, geboren irgendwann Ende der Siebziger oder Anfang der Achtziger hat bereits vor der ersten Klasse das Schreiben mit einer alten, klapprigen Schreibmaschine gelernt. Vor dem Abitur hat er seine Schulaufsätze immer mit dem Anspruch geschrieben, das Lehrpersonal zu verunsichern oder zu erschüttern.

Mit der beharrlichen Behauptung, dass Lady McBeth eine Hexe ist, hat er sich seinen EnglischLK bis zum Abitur stets auf kleiner Flamme (maximal 4 Punkte) gehalten, seinen Deutschprüfungskurs versaute er sich mit der, in einer Erörterung aufgestellten Theorie, dass ein Mensch wie Grass nur eine Vergangenheit bei der SS gehabt haben kann.

Nach dem Geständnis von Günther Grass und den neu entdeckten Texten Einsteins, in welchen Einstein Lady McBeth ebenfalls als Hexe darstellt, müsste sein Abiturzeugnis einer Revision unterzogen werden.

Entmutigt von zu viel Kritik an seinen Ideen begann Andy erst wieder während des Soziologiestudiums in langweiligen Seminaren mit dem Schreiben und treibt sich seit Dezember 2006 erfolgreich auf Poetry Slam Bühnen im deutschsprachigen Raum herum.

Nebenher engagiert er sich aktiv für die Verbreitung von Straßenkunst und unterstüzt soziale Kämpfe (am liebsten die, die am verlorensten scheinen). Darüber, ob er nun ein verkannter Prophet oder ein zurückgezogener Soziopath ist, hat jeder Leser oder Zuhörer selbst zu urteilen.

Ein Nachtrag, um es nochmal mit voller Härte zu betonen: Andy Strauß ist gebürtiger Ostfriese und steht zu seinen Wurzeln. In seiner Geburts- und früheren Heimatstadt Leer veranstaltet er deshalb 2008 erstmals einen Poetry Slam für die Region.

Auf http://establishmensch.de erfahrt Ihr mehr über Andy.







































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