Die Nacht von Winter auf Frühling

von Verena Keßler

Es ist noch gar nicht Frühling, es ist nur nicht mehr so arschkalt wie in den letzten Wochen. Man kann die Mütze schon mal weg lassen, wenn man die frisch geföhnten Haare nicht platt drücken will. Wenn man will, dass sie im Wind flattern, weil das nun mal die Frisur ist, die einem am besten steht. Es sollte immer Wind sein, findet Hanna.

Es ist noch gar nicht Nacht, es ist nur schon so dunkel, denn es ist ja nicht mal Frühling. Hanna wartet vor der „Katze“, auf Felix, auf die Nacht und auf den Frühling. Felix kommt zuerst. „Wie du da stehst.“, sagt er grinsend, während sie sich zur Begrüßung eine freundschaftliche Sekunde lang umarmen. Hanna hofft, dass daraus vielleicht mal zwei oder drei werden. „Wie steh ich denn da?“, fragt sie und grinst auch, weil sie muss. Weil sie das immer muss, wenn er das tut. „Du frierst doch! Komm, wir gehn rein.“, sagt er, legt seine Hand auf ihren Rücken und schiebt sie in die volle „Katze“.

Hanna gibt sich große Mühe das Etikett der Bierflasche in Frieden zu lassen. Felix soll nicht denken, sie wäre eines dieser Mädchen. Sie gibt sich auch große Mühe nicht an ihren Haaren rum zufummeln. Generell bemüht sie sich, das Zappeln sein zu lassen und das Kippeln und das Zupfen an der Nagelhaut. Wär’ doch peinlich, wenn das jetzt zu bluten anfängt. Sie steckt ihre Daumen in die Fäuste, legt die Arme vor sich auf den Tisch, die linke Faust im rechten Armwinkel, die rechte im linken. „Wie du da sitzt.“, sagt Felix und grinst. Hanna grinst auch, fasst sich in die Haare, legt die Hände hastig in den Schoß.

„Ich hab mir deine Fotos angeschaut. Die im Schulze&Rosalie hängen.“, sagt Felix. „Ach so?“, fragt Hanna. „Ja“, sagt Felix und grinst und Hanna grinst und knibbelt am Bierflaschenetikett rum. „Ich mochte das von deiner Schwester. Sie ist wirklich hübsch.“ Hanna nickt. „Ja das ist sie.“ „Liegt wohl in der Familie“, sagt er und grinst und sie grinst auch, wird rot, trinkt schnell einen großen Schluck Bier, fährt sich durch die Haare und wechselt das Thema. „Hast du das von Wulff gehört?“ Toll Hanna, ganz toll. Schlaue Frage. Sie zupft an ihrer Nagelhaut. „Äh, vom Rücktritt?“, fragt Felix. „Äh, ja, wie findste?“, fragt sie, weil sie ja jetzt nicht mehr zurück kann. „Na, ja, der Bundespräsident, der hat ja eh keine Aufgabe so richtig.“ sagt er.

Toll, Felix, ganz toll. Schlaue Antwort. Er hält mit beiden Händen seine Astraflasche fest, damit er nicht mit den Fingern knackst. Mädchen finden das eklig. Wobei er sich gar nicht so sicher ist, ob Hanna eines dieser Mädchen ist. Das Astra schmeckt scheiße, aber er wollte auch kein großes Weizen bestellen. Sie soll nicht denken, er wäre einer dieser Jungs. „Und du?“, fragt er und grinst, weil er das immer tut, wenn er verlegen ist. Hanna grinst auch. Warum grinst sie nur immer? „Ach, war ja zu erwarten irgendwie.“ sagt sie und Felix nickt, grinst, kommt sich dämlich vor. Es muss doch was zu sagen geben. Wenn er sich nur trauen würde, ja, dann gäbe es viel zu sagen. Dass ihre Nase schön ist zum Beispiel. Oder dass sie gut riecht. Dass er sich schon oft vorgestellt hat, sie zu küssen. Und wie sie nackt aussieht. Und noch andere Dinge.

„Eine rauchen?“, fragt Hanna. „Gern“ sagt Felix und sie gehen raus in die Nacht, die endlich da ist. Hanna hält ihm ihre Schachtel hin, er zieht sich eine raus, sie zieht sich eine raus, er zündet beide an. Es ist gar nicht so kalt, wie er dachte. Obwohl er nur die dünne Lederjacke an hat, die, von der Hanna mal gesagt hat, dass sie ihr gefällt. Wahrscheinlich weiß sie das gar nicht mehr, das war im Herbst. Das war als sie alle zusammen das letzte Mal im Stadtpark gegrillt haben, obwohl man schon längst nicht mehr barfuß laufen konnte. Das war, als ihre Haare so schön im Wind flatterten. Das Blatt, das er ihr damals vorsichtig aus dem Haar gezupft hat, steckt noch in seiner Jackentasche. Er kann es fühlen.

Hanna tritt ihre Zigarette auf dem Boden aus. „Ganz schön kalt oder?“ fragt sie, obwohl sie das gar nicht denkt. Felix schnipst seine Zigarette in eine Pfütze. „Du willst doch bloß meine Jacke“. Hanna grinst. Felix grinst. Er könnte sie jetzt einfach küssen. Einfach, weil er sich das schon tausendmal vorgestellt hat. Weil ihre Nase die schönste ist, die er je gesehen hat. Weil sie immer grinst und so wunderbar zappelt und sich so bezaubernd in den Haaren rumfummelt. Weil er einen ganzen Winter ein Blatt in der Tasche hatte.

Als sie sich verabschieden, fragt Hanna, ob er Lust hat demnächst ins Kino zu gehen. Da kommt dieser eine Film raus, mit dieser einen Schauspielerin, von der er ihr erzählt hat, dass er sie mag. „Klar“, sagt Felix und „Komm gut nach hause.“ „Ja, du auch“ sagt Hanna und grinst und Felix grinst auch. Er muss mich gar nicht küssen, denkt sie. Mir reicht es, wenn er grinst. Sie umarmen sich zum Abschied. Mindestens drei Sekunden lang. Und dann ist Frühling.



Über die Autorin:

Verena Keßler
Portrait Verena

aus Hamburg
studiert Literatur und Linguistik in Berlin
arbeitet als Werbetexterin

















3 Comments

  1. Eine wundervolle Geschichte! Ich werde sie auf meinem Blog weiter empfehlen. Bitte mehr davon! Sonnige Grüße, Julia

  2. wirklich sehr gelungen, diese geschichte! da steckt in jedem satz zärtlichkeit und man fühlt sich sofort versetzt in dieses flirrende gefühl des bald-wird’s-passieren. :-) )

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