Die kleine Mücke und der kleine Fussel

von Anne Freytag

Es waren einmal eine kleine Mücke und ein kleiner Fussel, die beide unendlich traurig waren, denn keiner konnte sie leiden. Die Menschen sahen in der kleinen Mücke einen bösen Parasiten, der ihnen nicht nur Blut abzwackte, sondern auch noch schlimm juckende unschöne Hautirritationen hinterließ. Und der kleine Fussel war in ihren Augen nicht mehr als ärgerlicher Schmutz, den es zu beseitigen galt. Und so waren sie beide traurig und einsam.
Eines Tages ergab es sich, dass die kleine Mücke durch ein offenes Fenster in eine schöne Wohnung flog. Schrill surrend zog sie ihre Runden bis sie sich schließlich auf eine rote Wand setzte, um sich von ihrer langen Reise zu erholen. Mit knurrendem Magen schaute sich um. Sie hatte seit ein paar Tagen nichts gegessen, weil sie bei den Menschen beliebter werden wollte. Mit wenig Erfolg. Denn jedes Mal, wenn einer ihren Gesang vernahm, wedelte er hektisch mit den Armen oder versuche sie mit der flachen Hand an der Wand zu zerquetschen. Manchmal nahm sie sich vor, einfach nicht mehr auszuweichen, wenn das nächste Mal eine riesige Hand auf sie zuschießen würde, doch dann waren ihre Instinkte doch jedes Mal schneller. Sie saß also da, mit knurrendem Magen und schwerem Herzen. Ihre Flügelchen hingen schlaff an ihr herunter. Ein fürchterlich lautes Geräusch ließ sie kurzzeitig erstarren. Es war dieses abscheuliche Ding, mit dem Menschen Staub vernichteten. Getarnt an der roten Wand beobachtete die kleine Mücke, wie eine große Menschenfrau mit einem dröhnenden Schlauch durch das Zimmer ging und dem Staub zu Leibe rückte. Und auf einmal erspähte die kleine Mücke einen kleinen Fussel, der verzweifelt um sein Leben rannte. Der kleine Fussel weinte und schrie jämmerlich, der Schlauch kam immer näher. Die kleine Mücke hielt sich ängstlich die Flügel vor die Augen. Doch das Schluchzen und Weinen setzten ihr so zu, dass sie schließlich ihre schützende Wand verließ und im Sturzflug in Richtung Boden schoss. Der kleine Fussel rannte so schnell er konnte, doch bald würde er keine Kraft mehr haben. Bald würde er aufgeben müssen. Mit knurrendem Magen flog die kleine Mücke näher an den kleinen Fussel. Kreischend und mit rudernden Armen rannte er um sein Leben. Die kleine Mücke spürte den Sog des bösen Schlauchs. Doch sie flog nicht davon. Todesmutig streckte sie ihre Beinchen aus und packte den kleinen Fussel an den Händen. Sie schlug mit ihren Flügelchen so fest sie nur konnte. Und dann plötzlich wurde der Sog weniger stark. Der Lärm wurde dumpfer, die Sonne strahlte auf ihren Mückenrücken. Sie spürte die Sicherheit immer näher kommen. In einer windgeschützten Ecke setzte sie den kleinen Fussel schließlich sachte ab, dann landete sie neben ihm.
Nie in ihrem ganzen Leben hatte die kleine Mücke einen so schönen Fussel gesehen. Er hatte große treue Augen und ein wunderschönes Gesicht. Lange schaute der kleine Fussel die Mücke nur an. Sein Herz schlug wie verrückt, seine Beinchen zitterten.
“Du hast mir das Leben gerettet … Danke …”, sagte der kleine Fussel mit Tränen in den Augen. Niemand hatte sich bisher je bei der kleinen Mücke bedankt.
“Das habe ich gerne getan …”, antwortete sie verlegen. “Ich konnte doch nicht einfach zusehen, wie der Höllenschlauch dich verschluckt …”
Der kleine Fussel setzte sich auf die kühlen Fliesen. “Du hättest sterben können …”, entgegnete der kleine Fussel ehrfürchtig.
“Ich will auch sterben …”, antwortete die kleine Mücke.
“Du willst sterben …?”, fragte der kleine Fussel entgeistert.
Die kleine Mücke nickte. “Ja, aber ich schaffe es nicht …”, sagte sie traurig. “Immer nehme ich mir vor nichts mehr zu essen, doch dann, wenn es zu schlimm wird, dann tue ich es doch und überlebe …” Sie seufzte. “Und dann nehme ich mir vor nicht mehr auszuweichen, wenn eine große Hand versucht mich an der Wand zu zerquetschen, doch meine Instinkte sind schneller, und so fliege ich weg, und die Hand schlägt ins Leere …”
Verwundert musterte der kleine Fussel die kleine Mücke. “Aber warum willst du sterben?”
“Na, weil mich niemand mag”, schluchzte die kleine Mücke, “weil mich alle nur als Plage sehen … weil niemand meinen Gesang hören will …” Der kleine Fussel streichelte der kleinen Mücke sanft über ihren Mückenrücken.
“Mich mag doch auch niemand …”, sagte der kleine Fussel in einem aufmunternden Tonfall. “Sieh mal, nur meinetwegen hat man diese Höllenschläuche erfunden … es gibt sie sogar portabel …”
Die kleine Mücke musste lachen. “Und meinetwegen hat man stinkendes weißes Zeug erfunden, dass sich die Menschen auf die Haut schmieren … und leuchtende Dinger für die Stromlöcher in der Wand …” Beide seufzten.
“Aber du bist hübsch und du kannst fliegen …”, sagte der kleine Fussel nach einer Weile.
“Du findest mich hübsch?”, fragte die kleine Mücke erstaunt. Der kleine Fussel schaute auf seine Füße, dann nickte er. “Ehrlich?”
“Ja, ehrlich …”, sagte der Fussel verlegen. “Ich bin hässlich und kann nur laufen …”
“Du bist nicht hässlich”, sagte die kleine Mücke tröstend. “Und außerdem hat man für dich keine glühenden Lampen erfunden … meine Tante Rosa ist vor ein paar Tagen zu nah an eine hingeflogen und explodiert …”
“Sie ist explodiert?”, fragte der kleine Fussel erschrocken. Die Mücke nickte. “Dafür flüchte ich einmal die Woche vor so einem elektrostatischen Wedel, der bis in die hintersten Ecken kommt …”
Die Mücke setzte sich neben den Fussel. “Weißt du, was für ein Tier ich gerne wäre?” Der Fussel schüttelte den Kopf. “Ich wäre wirklich gerne ein Eichhörnchen.”
“Warum gerade ein Eichhörnchen?”, fragte der Fussel lächelnd.
“Na, weil jeder Eichhörnchen mag und weil es keine bösen Dinger gegen Eichhörnchen gibt.” Der Fussel nickte. “Und außerdem haben Eichhörnchen so schöne Häuser …”
“Das stimmt”, sagte der Fussel begeistert. “Weißt du was?”
“Nein, was?”, fragte die kleine Mücke.
“Wir bauen uns auch so ein schönes Eichhörnchenhaus …”
Die Mücke schaute den Fussel entgeistert an. “Du willst mit mir ein Eichhörnchenhaus bauen?”
Der Fussel nickte. “Du bist der einzige Freund den ich habe … und ich war noch nie so glücklich, wie in diesem Moment.”
Die Mücke wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. “Ich war auch noch nie so glücklich …”, antwortete sie schluchzend.
An diesem sonnigen Nachmittag machten sich die kleine Mücke und der kleine Fussel daran sich ein Eichhörnchenhaus zu bauen. Dort lebten sie viele Jahre. Sie spielten Spiele, sie schliefen nebeneinander ein, saßen auf ihrer Terrasse und lauschten dem Gesang der Vögel. Und manchmal schauten sie sich einfach nur lange an, denn sie wussten beide, dass das, was ihnen widerfahren war, etwas ganz besonderes war. Die Liebe ihres Lebens.
Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende in ihrem wunderschönen Eichhörnchenhaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …



Über die Autorin:

Anne Freytag

AF_BrilleBart
Ich liebe Geschichten (vor allem, die, die das Leben schreibt). Ich liebe spannende Charaktere und erschaffe diesen gerne einen eigenen kleinen Kosmos. Inspiriert vom Leben (und den Geschichten, die es schreibt), schreibe ich Geschichten die diesem gewidmet sind. Ich sage mir gerne, dass meine Romane Geschichten sind, die auch das Leben schreiben würde (wenn es die Charaktere wirklich gäbe).

Ich liebe glaubwürdige und greifbare Charaktere. Das Genre ist mir dabei egal. Ein Held muss authentisch sein. Ist er es nicht, ist er kein Held.

Es gibt noch viele Charaktere – die meisten wurden noch nicht geboren, sie rumoren lediglich als Ideen in meinem Hirn.
Ich hoffe, einige von Ihnen werden im Laufe meiner Gedanken noch spannend genug, um ihnen einen eigenen kleinen Kosmos zu erschaffen.

Ich liebe das Schreiben und das Eintauchen in den Kosmos meiner Charaktere. Ich liebe jeden einzelnen meiner Protagonisten. Ganz tief in mir drin, bin ich davon überzeugt, dass sie alle in München leben und die Geschichten genießen, die das Leben (für sie) schreibt.

Diese drei Romane habe ich bereits veröffentlicht, weitere werden (hoffentlich) folgen: “434 Tage”, “Renate Hoffmann” und “Irgendwo dazwischen”.

http://annefreytag.de
http://facebook.de/freytag.Literatur


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