Die Botschaft

von Janina Jacke

Ich habe ein kleines Papierboot gebastelt. Es sieht verletzlich und schüchtern aus, finde ich. Am Bug steht „LIEBE“. Das ist der Name. Hinter dem Namen steht ein Fragezeichen. Das Boot fragt mit leiser Stimme: „Liebe?“ Weil das Boot gerne wissen möchte, ob es Liebe ist.

Wenn man das Papierboot auffaltet, dann findet man die Botschaft, die ich auf den Zettel geschrieben habe, bevor ich das Boot daraus gebastelt habe. Eigentlich soll man die gar nicht finden. Nur er soll sie finden.

Da steht, dass ich immer an ihn denken muss. Und dass es wehtut. Darunter steht mein Name. Meinen Namen kann man noch halb und kopfüber erkennen. Steuerbord. Am unteren Rand.

Das Boot hat auch einen Mast. Einen Streichholzmast hat es. An dem Streichholzmast ist oben eine Fahne angebracht. Die Fahne ist ein Zettel aus einem Glückskeks. Damit das kleine Boot Glück hat. Auf der Fahne steht: „Finally a wish is going to be fulfilled.” Auf der anderen Seite steht: „Nach langem Warten wird Ihnen ein Wunsch erfüllt.“ Das ist die deutsche Übersetzung.

Die Fahne sieht schon alt und knitterig aus. Weil ich sie so lange in der Jackentasche hatte, bevor sie eine Fahne geworden ist. Einmal hat sie über Nacht draußen gelegen. Da war sie mir aus der Jackentasche gefallen. Am nächsten Morgen habe ich sie wiedergefunden. Sie war ganz durchweicht, weil es geregnet hatte. Aber ich habe sie schnell wieder eingesteckt.

Das war gut, denn wenn sie jetzt an dem Mast des Papierbootes weht, dann weiß er, dass mein Wunsch mit ihm zu tun hat. Und dass der Keks mir versprochen hat, dass er in Erfüllung geht.

Eigentlich wollte ich ihm das Boot geben. Oder schicken. Oder unter seinen Scheibenwischer klemmen. Aber ich habe Angst. Ich habe Angst, dass er nicht versteht, warum die Botschaft ein Boot sein muss. Und dass er sich wundert, warum ich ihn nicht einfach frage, ob er Lust hat, mit mir einen Kaffee zu trinken.

Ich könnte das Boot bei Regen im Rinnstein aussetzen. Das kleine Boot könnte dann eine aufregende Reise antreten. Und irgendwo stranden, wo die Sonne scheint. Und dann könnte er das Boot finden. Dann würde ich mich fühlen wie im Film. Aber wenn er das Boot finden würde, dann wüsste er nicht, wer immer an ihn denken muss. Und wem es wehtut. Mein Name ist dann nämlich weggeschwemmt vom ganzen Regen. Weil er außen stand. Steuerbord. Am unteren Rand.

Ich könnte auch eine Geschichte über das Boot schreiben. In der Geschichte würde ich das Boot dann erklären. Damit man versteht, warum die Botschaft ein Boot sein muss. Man muss das eigentlich gar nicht verstehen. Nur er muss es verstehen.

Er müsste die Geschichte natürlich lesen. Aber dann wüsste er gar nicht, dass er mit der Geschichte gemeint ist. Dass das Boot für ihn ist.

Damit er das weiß, muss ich ihm die Geschichte geben. Oder schicken. Oder unter seinen Scheibenwischer klemmen. Das werde ich irgendwann tun. Vielleicht.



Über die Autorin:

Janina Jacke
Portrait Janina Jacke






1986 in Hamburg geboren
Promovendin in Literaturtheorie an der Universität Hamburg
Gewinnerin des Hattinger Förderpreises 2010





















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