Der Wächter der Nacht

von Björn Benthack

Tatort: Die sündigste Meile der Welt
Uhrzeit: Weit nach 2:39 Uhr und 1,7 Promille
Teilnehmer: Muskelpakete und Trunkenbolde
Statisten: Nutten

Es war noch nicht sehr spät an diesem Abend als Harry mit seinen Freunden Ronny und Johnny angeschwippst die Stammkneipe ihrer geliebten Heimatstraße verließen. Man lachte, man trank, man plauderte. Die Neuigkeiten der Nachbarschaft wurden mit rüstigen Rentnern aus der Umgebung in dem sanften Nebeldunst der Lokalität des Herzens ausgetauscht. Aufgrund des Trinkverhaltens der älteren Semester, die meist schon zur Mittagszeit die heiligen Tore der geliebten Schankwirtschaft durchschreiten, strichen diese bereits weit vor Mitternacht die Segel.
Nun standen sie dort, aufgedreht, voller Tatendrang und euphorisiert. Das Testosteron drohte überzulaufen. Es musste raus. Es musste hinfort, es wollte nicht im Inneren von 185 Zentimetern und strammen 85 Kilo gefangen bleiben. Es wollte sich entfalten, die Euphorie mit der ganzen Welt teilen. Die Brunftzeit war erreicht, dem Imponiergehabe fiel die erste Mülltonne zum Opfer. Nach Hause gehen? Keine Option. Zur Freundin ins Bett kriechen? Undenkbar. Kiez? Wo ist das nächste Taxi?!?!
Es war nicht ihre erste angesäuselte Taxifahrt. Harry, Johnny und Ronny waren bereits erprobt in diesem Prozedere. Immer lief es gleich ab. Immer dieselben Zoten, immer das gleiche adoleszenzähnliche Verhalten. Herr Taxifahrer wo kommen sie her? Herr Taxifahrer, dürfen wir uns bei ihnen im Taxi ein Flüppchen und nen Lüdden genehmigen? Herr Taxifahrer, können wir unser Bier mit in ihr heiliges Gefährt nehmen? Wir verschütten das flüssige Gold auch ganz sicher nicht. Herr Taxifahrer, haben sie schon mal dran gedacht für dehydrierte Fahrgäste Wasserspender vorne am Handschuhfach anzubringen? Herr Taxifahrer, darf ich einmal in ihr Funkgerät sprechen? Auf diese Frage antwortete Herr Taxifahrer zur Verwunderung aller Beteiligten mit einem unmissverständlichen „Nagut!“. Beherzt griff Harry, der durch ein groß angelegtes Ching Chang Chong Turnier dazu auserkoren wurde den Platz an der Sonne neben dem Taxifahrer einzunehmen und mit der Ehre des Geldgebers bedacht wurde, zum Funkgerät und säuselte: Zentrale bidde kommen! – Der Taxifahrer ging in die Eisen, polterte los, verlangte das Geld für die bisher zurückgelegte Tour und schmiss die drei freudigen Jünger der Prozente im hohen Bogen aus seinem Vehikel. „Irgendwas von wegen falschen Knopf gedrückt und alle Taxifahrer hätten es gehört und er könne seinen Job verlieren hat er glaub ich gesagt“ lachte Harry. Johnny und Ronny konnten sich nicht Entscheiden ob sie in prustendes Gelächter ausbrechen oder Harry gehörig die Leviten lesen sollten. Beim Anblick der bunt schimmernden Lichter und der damit verbundenen Gewissheit, der anvisierten Meile schon bedeutend nahe zu sein entschieden sie sich für das Gelächter und torkelten grinsend ihrem Ziel entgegen.
Sie waren schon öfters hier, man kannte den Kiosk seines Vertrauens, trank die Döschen seines Vertrauens, traf die nimmermüden marktschreierähnlichen Stripclubbesitzer seines Vertrauens, nahm mit „Na ihr Wichsmäuse, wollt ihr nicht mal reinschauen?“ den Kosenamen seines Vertrauens entgegen und verlebte einen Abend wie er besser und normaler nicht hätte sein können. Das vorhin angesprochene Testosteron wurde bei jeder sich bietenden Möglichkeit versprüht und das Imponiergehabe mussten mittlerweile die bemitleidenswerten Damen der Schöpfung ertragen. Doch das Balzen um die Anerkennung blieb weitestgehend erfolglos, da sich das Sprachzentrum aufgrund des fortgeschrittenen Konsums als wenig verlässlich erwies. Die Bestätigung der eigenen Attraktivität blieb zur Enttäuschung der drei sich in der Brunftzeit befindlichen Herren somit vorerst aus. Demzufolge steckte man die Köpfe zusammen, man beratschlagte sich, man schmiedete Pläne, wie möge es nun weitergehen? So konnten sie die Heimreise nicht antreten. Was sollten ihre daheimgebliebenen Brunftbrüder nur denken?!
Nach einer ganzen Weile des lallenden Diskutierens wich der Rauch des Denkens über den Köpfen der drei Hirsche einem aufgehenden Licht.
„So lasset uns das Tanzbein schwingen!“ lautete die geniale Devise. Nach dieser bahnbrechenden Entscheidung zog man voller Tatendrang in die Nacht hinein. Die Zuversicht kehrte mit einem Schlag zurück ins Bewusstsein der drei Meisterganoven und ihre Selbstsicherheit war ungebrochen. Die vor Stolz geschwollene Brust verdeckte ihnen fast das gesamte Blickfeld und sie stolzierten wie die Gockel durch den Hühnerstall über die Pflastersteine die in ihren Augen einem Laufsteg glichen. An der Tanzstube ihrer Wahl angelangt stellte man sich brav in die Reihe, nahm einen letzten Schluck des vor 10 Metern gekauften Pilseners und vernahm bereits die Vibrationen der Lautsprecher. Die Stimmung schien auf dem Siedepunkt, das Ziel war zum Greifen nah, nur noch sechs Leute vor unseren drei Banausen, noch vier, noch zwei, sie haben es gescha…“Du NICHT“ riss es Harry aus allen Träumen. In seinen Gedanken tanzte er bereits eng umschlungen mit einer unbekannten Schönheit auf der kleinen Erhebung im hinteren Teil der Lokalität, bevor ihn diese zwei Worte aus seinem tranceähnlichen Zustand rissen. „Du NICHT!“ schallte es ihm ein weiteres Mal sehr eindringlich entgegen. Kollege Harry sammelte sich und musterte sein Gegenüber. Ein Mann wie ein Baum. Muskeln von hier bis nach Unna, Schultern so breit wie Jenny Elvers im Schnapswahn, Stahlkappen wie der Führer und ein Gesichtsausdruck wie Charles Bronson zu seinen besten Zeiten.
Trotz dieser atemberaubenden und einschüchternden Erscheinung wagte Harry den Versuch, die Gründe für den ihm verweigerten Eintritt zu erfahren. Dass Nachfragen in der kleinen einsamen Welt dieser heroisch anmutenden Personen als Majestätsbeleidigung gelten, bekam Harry postwendend zu spüren. Ein weiterer Riese gesellte sich zu seinem Kollegen und bließ ins gleiche Horn wie sein gladiatorenartiger Freund neben ihm. Um die Situation zu entschärfen leistete ein am Boden zerstörter Harry den Befehlen folge und zog mit hängendem Kopf von dannen. Auch seine beiden Kumpanen Johnny und Ronny zeigten sich solidarisch mit ihrem verstoßenen Freund und begleiteten ihn auf seinem Gang in die heimatlichen Gefilde, der in diesem Falle einem Gang nach Canossa in keiner Weise nachstand.
Doch bereits in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die ihnen eine sichere Fahrt in die Betten ihrer Wahl gewährleisten sollten, begannen sie mit einer Diskussion über die scheinbar willkürliche Selektivität der Männer vor den Toren der Tanzlokale. Noch bevor sie ihren Racheplan in die begrenzte Anzahl der Worte fassen konnten, die ihnen zu diesem Zeitpunkt noch zur Verfügung standen, rief das Reich der Schäfchen sie zu sich. Sie schlummerten und drehten ihre Kreise. Doch im Unterbewusstsein hatten sie ihm schon längst den Kampf angesagt, dem Südländer der sie wie Schulkinder aussehen ließ, der sie vor einem Millionenpublikum blamierte, der für Gelächter unter den Brunftbrüdern daheim sorgen wird. Sie werden wiederkommen und weiterkämpfen. Sie werden ihn besiegen. Den Wächter, den Wächter der Nacht!



Über den Autor:

Björn Benthack
Portrait_Bjoern_Benthack






geborener Hamburger, Tennisspieler, liebt seine Stadt und lässt sich gerne von der sündigsten Meile der Welt zu atemberaubenden Geschichten inspirieren!

















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