Der Unizombi trinkt Kaffee

von Unizombi (Chris Simmermann)

Als sie mir den Kaffee servierte, wusste ich bereits, dass es ein außergewöhnlich guter Kaffee sein musste. Mir war klar, dass er wie schwarzes Gold meine Kehle runterlaufen würde.

Ich nippte an der Tasse und verbrannte mir die Lippen.

Ich hätte mich ärgern können, jedoch vergaß ich den Schmerz schnell, denn sie lächelte mir hinter der Theke zu und fragte mich, wie mir der Kaffee schmecke.

„Wunderbar schmeckt er. Ganz wunderbar. Außergewöhnlich gut.“

Ich nahm erneut einen Schluck, dieses Mal stimmte die Temperatur. Vorher war er noch viel zu heiß gewesen und eigentlich hätte ich noch nicht davon trinken dürfen. Normalerweise trinke ich nie zu früh, aber ich war etwas gedankenverloren an diesem Morgen und sie war schon süß in ihrer Schürze hinter der Theke. Ziemlich goldig fand ich ihr Lächeln und ein Schneidezahn war ganz leicht, aber wirklich nur minimal krumm und ich dachte, das sieht verdammt cool aus, eben nicht wie aus dem Hochglanzmagazin, sondern ziemlich individuell.

Der Kaffee hatte wenig Säure und im Abgang bildete ich mir ein, einen Hauch von Schokolade herauszuschmecken. Das hört sich jetzt wahnsinnig fachmännisch an, ich weiß, aber wenn ihr meint, ich wäre auch so ein Weinfritze und immer ganz vorne mit dabei, wenn es ums Weintrinken geht, und dass ich immer meine besserwisserischen Kommentare abgebe, das Weinglas schwenke und den kleinen Finger dabei abspreize, dann habt ihr euch echt geschnitten. Ich trinke einfach nur viel Kaffee, den ganzen Tag, und ich glaube, dass ich den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten herausschmecke. Ziemlich sicher sogar. Damit angeben muss ich aber nicht. Und jemanden belehren schon gar nicht. Sauft ruhig weiter eure Automatenplörre. Immer noch besser als Bio-Tee.

Ich schob ihr ein Stückchen Schokolade in den Mund.

Sie lutschte daran und wartete bis sie völlig zerflossen war, bevor sie schluckte.

Dann gab sie mir einen Kuss, der leicht bitter schmeckte, ähnlich angenehm bitter wie Kaffee, und führte meine Hand erneut zwischen ihre warmen Beine. Sie lächelte zuckersüß und ich dachte, dass ich es in Zukunft vielleicht mal wieder mit einem Löffelchen Zucker im Kaffee versuchen sollte. Ich trinke meinen Kaffee seit Jahren schwarz. Das kommt davon, wenn man zu viel davon trinkt.

Seit Jahren komme ich jeden Morgen in dieses Café, etwa 100 Meter von unserer Studentenbude entfernt, direkt an der Kreuzung, wo es zur U-Bahn runtergeht, doch der Kaffee wird nie wieder wie beim ersten Mal schmecken. Ich weiß es, und trotzdem gehe ich jeden Tag hin.

Der Chef erzählte mir, dass sie einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen und telefonisch nicht erreichbar sei. Mailbox, immer nur Mailbox. Wie vom Erdboden verschluckt. Schade eigentlich, sie hätte eine positive Ausstrahlung und die Gäste mochten sie. Die meisten jungen Mädels stellten sich dumm an und etwas plump. Unerfahrene Studentinnen eben, die nichts mit Gastronomie am Hut hätten aber nun mal ein paar Kröten verdienen mussten. Sie sei wirklich erstaunlich talentiert gewesen. Aber so sei das eben in diesem Geschäft. „Sprunghaft die Leute. Unheimlich sprunghaft.“ Typisch sei das, gerade für die jungen Menschen, die nicht kommen, um zu bleiben.

„Es gibt Tausende in dieser Stadt, die Kaffee servieren wollen. Gott sei Dank.“ Er lachte lässig und stellte mir den Kaffee hin, dem der magische Hauch von Schokolade im Abgang abhandengekommen war.

Ich konnte ihn einfach nicht mehr herausschmecken, egal wie lange ich den Kaffee im Mund behielt, mit der Zunge an jedem Tropfen saugte, die Augen schloss und mich an sie erinnerte.




Der Autor über sich:

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In „Unizombi – der Studentenroman” schreibt sich Jurastudent Chris Simmermann (fast wahrer Name) seine Geschichten über das Studium und das Studentenleben von der Seele. Gewidmet ist der Roman allen Studenten, die einen Großteil ihrer wertvollen Lebenszeit in der Unibib verbringen und dort lernen bis der Arzt kommt. Lest mehr auf unizombi.wordpress.com – übrigens solange völlig kostenlos bis ein Verlag diese Geschichten kauft und auf die Lehrbuchliste für Erstsemester setzt (damit diese ein kleines bisschen weniger ehrgeizig an die Unikarriere heran gehen).


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