Der unabgeschlossene Roman

von Jan Hertel

18

Die Möwe sah aus, als wäre sie mit ihren Zehen in der Alster eingefroren. Aber von Verzweiflung keine Spur. Sie blieb unerschütterlich auf der Stelle stehen. Daniel fragte sich, ob sie auf etwas wartete. Jedenfalls gab sie nicht auf. Tapfer war das Vieh. Stoisch. Und voller Langmut. Er sollte sich ein Beispiel daran nehmen.
Seit einer halben Stunde lief er um die Alster und wartete auf Björns Anruf aus der Schweiz. Er hatte ihn überredet, mit ihm zu brainstormen. Aber der Kerl schlief wahrscheinlich noch. Und wecken wollte er ihn nicht. Er würde also weiter auf ihn warten müssen. Aber vielleicht eher zu Hause. Sauerstoff hatte er inzwischen genug eingeatmet. Er kehrte um. Die Möwe blieb an ihrem Platz.

In Klosters fing Valerie an, sich über Maren von Krampass zu wundern. Die unterhielt sich die ganze Zeit mit Stephanie und machte sich ständig Notizen. Eigentlich unterhielt sie sich gar nicht mit ihr. Sie ließ Stephanie eher ungehemmt reden.
“Weinen ist ja mehr so 50er, finde ich.”, verkündete Stephanie gerade.
“Wie meinen Sie das?”
“Na, so rein gesellschaftlich. Damals gehörte das zum Guten Ton, ständig zu weinen. Besonders als Frau.”
Maren von Krampass blätterte in ihrem Notizbuch eine neue Seite auf. Es begann interessant zu werden.
“So sehen Sie die Frauenrolle der 50er Jahre? Gesellschaftlich aufs Weinen konditioniert? Warum?”
“Weil meine Mutter damals immer geweint hat. Sogar bei großen politischen Ereignissen. Als Stalin starb zum Beispiel. Da hat sie geweint. Ganz öffentlich. Wie alle. So mein ich das.”
“Ich würde das jetzt nicht als trauriges Ereignis sehen, das mit Stalins Tod.”, meinte Valerie.
“In der DDR schon. Meine Mutter kommt aus Leipzig. Da fand man Stalin toll.”
“Nicht alle, Stephanie. Nicht alle.” Valerie fing an, sich für Ihre Freundin zu schämen.
“Wann ist Stalin überhaupt gestorben? Ich brauche das präzise Datum.”, fragte Maren von Krampass, während sie schrieb.
“1953. Da war meine Mutter gerade zehn. Ich sag doch: Es ist typisch 50er zu weinen. Heute weint kein Mensch mehr, wenn ein Politiker stirbt. Egal, wie toll er war.”
Jetzt wurde es Valerie zu viel.
“Stephanie, Stalin war kein toller Politiker, sondern ein Diktator, ein ziemlich brutaler sogar. Der hat Massenmorde auf dem Gewissen.”
“Siehste! Und trotzdem haben alle geweint. Das ist schon alles so Sonja-Ziemannn-zieht-ein-Reh-in-den-Bergen-gross gewesen damals in den 50ern. So rührselig eben. Und deswegen hat da auch meine Mutter geweint. Das hat sie mir erzählt.”
“Ich glaube, deswegen zu lachen, wär in der DDR auch nicht ganz politisch korrekt gewesen.”
Valerie verstand nicht, warum ihr diese seltsame Psychotherapeutin aus Zürich nicht endlich Mal zur Hilfe kam. Aber die interessierte sich tatsächlich nur für ihre Freundin.
“Interessanter Ansatz, Stephanie. Fahren Sie bitte fort.”
Maren von Krampass blätterte eine weitere Seite in ihrem Notizbuch auf. Ihre AAI-Studienergebnisse würden einschlagen wie eine Bombe. Sie fing an zu zittern vor Aufregung. Und nahm schnell einen Schluck von ihrem St.Émilion zur Beruhigung.
“Aber bei Kennedy haben doch auch alle geweint. Und das war in den 60ern.” widersprach Valerie Stephanies absurder Theorie.
“Valerie, das war aber ein Mord, das mit Kennedy. Sowas ist immer traurig. Stalin ist aber einfach nur gestorben. Das ist doch was Normales und nicht so tragisch wie das mit Kennedy. Das mein ich doch. Bei einem normalen Tod wie dem von Stalin zu weinen: Das ist typisch 50er, glaubt mir.”
Maren von Krampass legte ihr Notizbuch weg. Ihr war schwindelig.



Über den Autor:

Jan Hertel
Jan_Hertel

wurde in Frankfurt geboren und wuchs in Luxemburg auf

studierte Kulturwissenschaften in Bremen

arbeitet seit 1997 in Hamburg und als Texter in der Werbung. Zuletzt als Freelancer.

Seinen Roman könnt ihr immer aktuell auf derunabgeschlosseneroman.de lesen.
Außerdem habe ich Jan einige Fragen zu seinem Projekt gestellt. Hier geht es zum Interview.



















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