Der schlurfende Hausschuh

von Björn Benthack

Hell erleuchtete Flure, finstere Gestalten, eine dezente Mischung aus Urin, Kot und Desinfektionsmittel bahnt sich ihren Weg durch die Atemwege hinauf in die Rezeptoren der Hirnrinde, die nur eine sinnvolle Schlussfolgerung zulassen: Herr Pantoffel ist ein Kassenpatient.
Mürrisch bewegt er sich durch die heiligen Hallen einer x beliebigen hiesigen Asklepiosklinik, auf der Suche nach der diensthabenden Oberschwester. Dienstzimmer? Fehlanzeige. Ohnehin vermutete Herr P., Oberschwester E. eher im Raucherzimmer dieser äußerst lebendigen und vergilbten vier Wände.

Da Herr P. jedoch in seiner eigenen bescheidenen Behausung beim Staubwischen vom Treppenlift seiner dementen Frau umgenagelt wurde und daraufhin einen Nasenbeinbruch erlitt, fiel ihm das Erschnuppern der diensthabenden Oberschwester doch etwas schwer.

Die Herrschaften von der Notaufnahme schickten ihn ohne kurz vom Käffchen aufzublicken, direkt in die HNO. Er schleppte sich mit blutüberströmten Händen die Treppen hinauf und stand nun dort auf der Suche nach Rettung. “Hätt ich bloß den Treppenlift meiner Frau mitgenommen, die Alte merkt doch sowieso nix mehr” war noch einer der freundlicheren Gedanken von Herrn Pantoffel auf dem Fußweg in den 20. Stock. Der Fahrstuhl war selbstverständlich für Kassenpatienten außer Betrieb.

Nungut, schnuppern ging nicht, fühlen war auch ungünstig, so schoss doch direkt die nächste Blutfontäne aus der Nase des bemitleidenswerten Herrn P., sobald er auch nur einen Millimeter mit den roten Griffeln von seinem gekonnten Druck auf die Nase abwich.
“Dafür malocht man sich also 50 Jahre für Vater Staat den Buckel krumm” nuschelte er in seinen Oberlippenbart, noch immer unwissend über seine nächsten Schritte.

Plötzlich ertönte lautes Gegacker und Gejohle aus einem unscheinbaren Raum am Ende des Flurs. Herr Pantoffel setzte seine von dem Aufstieg in den Elfenbeinturm der Asklepiosklinik geschundenen Gliedmaßen in Bewegung und schielte vorsichtig durch den Türspalt.

Er erblickte eine untersetzte Frau mittleren Alters, die ihr Haar rot, kurz und fesch gesprayt trug. Die lässigen Zacken, die der Brille seitlich einen frechen Charme verliehen, deuteten sofort auf eine verzweifelte Mittvierzigerin hin, die forever young bleiben wollte. Sie dampfte ihre Marlboro 100er (natürlich Light. Wegen der Gesundheit. Gesunde Zigaretten und so. Asklepios und so) und brüllte vor Lachen ins Telefon bis sie verwundert zur Tür schaute und den hageren blutverschmierten Herrn P. verdutzt im fahden Licht erblickte.
“Junger Männ (was er mit knapp 67 3/4 nun wirklich nicht mehr war), unsere Sprechzeiten hängen unten. Wir haben schon Feierabend.” sagte Oberschwester Elfriede und ignorierte dabei Pantoffels offensichtliche Notsituation.
“Ich kann ihnen erst morgen ab 6:00 Uhr weiterhelfen. Schönen Abend”
“Aber ich…” stotterte Herr P. sichtlich beeinträchtig durch einlaufendes Blut in der Mundhöhle..”Ich, ich blute stark”
Elfie (wie sie bestimmt von ihren crazy Freundinnen genannt wird, wenn sie auf den Scheunenfeten des Umlands mal so richtig einen drauf machen) verdrehte die Augen, stopfte ihre bis auf den Filter aufgerauchte Marlboro in den überquillenden Aschenbecher und kam, noch immer den Aparillo am Ohr versteht sich, auf Pantoffel zu und bauschte sich vor ihm auf, wie man es sonst nur von der sympathischen Krake Ursula tief unten im Meer im Reich von Arielle gewohnt war.
“Jetzt werden sie mal nicht frech junger Mann, ich arbeite hier 40 Stunden die Woche. Überstunden nicht mit einberechnet. Ich hab 3 Kinder von zwei Männern und sehe keinen Cent. Jetzt haben sie bitte bis morgen früh Geduld, bis….”
In ihrem Anflug von Ursula merkte Elfie gar nicht, dass Pantoffel seinen durchaus sicheren Stand bereits ungewollt in die waagerechte verlegt hatte. Ursula, ähm, Elfie war wohl das erste mal seit 40 Stunden sprachlos und drückte panisch auf ihrem Telefon herum um den diensthabenden Doktor zu erreichen.
“Ne ne, hatte keine äußerlichen Anzeichen von Verletzungen…ich hatte eigentlich schon Feierabend….ja Herr Doktor, er liegt am Boden und röchelt…nein Herr Doktor ich muss los…ja aber Herr Doktor, ich will ihnen mal eins sagen, ich arbeite 40 Stunden die Woche. Überstunden nicht einberechnet…ja Herr Doktor…ok Herr Doktor…” waren die Wortfetzen die dieser skurillen Situation hoch oben über den Dächern der Stadt eine gewisse Komik verlieh. Auch die auf dem Flur herumschleichenden Tropfzombies waren sichtlich amüsiert. Der künstliche Darmausgang florierte.

Elfie ärgerte sich über die weiteren Überstunden, sah sich aber bereits als Seite 1 Girl der Bildzeitung am nächsten Morgen.
“Tapfere Krankenschwester (45 aus Bottrop) rettet zusammengebrochenen Mann”.
Darüber, dass sie sich im Krankenhaus befanden und sie ihren Job zunächst aus bereits bekannten und selbstverständlich mehr als nachvollziehbaren Gründen nicht ausüben wollte, würde der gute alte Springerverlag natürlich nicht erwähnen.
Sie setzte also tatsächlich ihre mehr als stämmige Figur in Bewegung und zog Herrn P. mit ihren kräftigen Ärmchen auf den nächst gelegenen Stuhl. Praktischerweise stand dieser im Raucherraum und Oberschwester Elfriede (ja, ihren wahren Namen vergisst man schnell) konnt sich den nächsten Glimmstängel anstecken und auf Oberarzt Jens warten.
Oberarzt Jens. Hm, nunja, wie soll man ihn beschreiben. Jung, dynamisch, talentiert, geschniegelt, gestriegelt, gegeelt, gewaxt, bescheuert.
Herr Pantoffel, der inzwischen wieder menschenähnliche Reaktionen und Laute von sich gab, ärgerte sich noch so sehr über Planschkuh Elfie (Scheunenelfie!), dass er Brillenträger Jens zunächst nicht wahrnahm.
“Hallo Herr Pantoffel, Doktor Jens mein Name. Die nette Frau Oberschwester hat mir bereits erzählt was mit ihnen los ist…”
Pantoffel schaute wutentbrannt zu Ursel hinüber und als ihre Blicke sich trafen, wussten beide genau, dass nur das Blut in seinem Mund die Klarstellung der Wahrheit verhinderte.
“Ich nehme sie jetzt mit nach unten zum Röntgen, aber zuerst würde ich von Ihnen gerne wissen, wo sie versichert sind?!”
“A…O…K” blubberte Pantoffel.
“Hm, achso, ja, dann nehmen sie doch bitte die Treppe. Der Fahrstuhl ist heute für die Kassenpatienten ausser Betrieb”, entgegnete ihm Doktor Jens auf eine Art und Weise, die einen Bazookaangriff auf seinen Kopf durchaus gerechtfertigt hätte.

“Pantoffel also wieder zurück zur Treppe”, dachte sich Herr P. in seiner mittlerweile recht benommenen Art und Weise des Denkens. Vorbei an den Tropfzombies die den Flur auf und ab schlurften und ihm wie Hindernisse auf dem Weg durch den weißen Tunnel erschienen.

20 Minuten und einige verlorene Liter Blut später, schleppte sich Herr Pantoffel in den Röntgenraum und ließ seinen Kopf in die dafür vorgesehende Halterung fallen. Doktor Jens und sein Scheitel waren selbstverständlich schon vor Ort und bezirzten mit ihrer herzlichen und tiefgründigen Art die 18 jährige Nachtschwester. Wäre Herr P. aufgrund eines einsetztenden Ohnmachtanfalls nicht kurz weggerutscht, hätte Jens ihn doch glatt vergessen und sich bei ner flotten Nummer mit der jungen Dame geröntgt.
Pantoffel resignierte innerlich mittlerweile und ergab sich seinem Schicksal. Noch vor einigen Stunden saß er bei Bier und Pfeife in seinem gemütlichen Urnensessel und bestaunte das Sommerfest der Volksmusik in einer Lautstärke von 97/100. Die Alte war nicht nur dement, sondern auch noch taub.
Er fragte sich in diesem Moment, wie Florian Silbereisen es immer wieder schaffte, der dummen breiten Öffentlichkeit eine Liason bzw. in diesem Falle sogar Ehe mit Deutschlands Vorzeigeblondine Helene Fischer vorzugaukeln. Dieser Kerl war offensichtlich ein Hinterlader, der…
Abrupt wurde Herr P. aus seinen Gedanken gerissen und mit der Realität konfrontiert. Jens. Die Realität hieß Jens. Der Gestank seines Duftwassers verwandelte diesen ohnehin schon absurden Raum in einen Flat Rate Puff.
Jens, der Berti Wollersheim der Asklepios, die blutjunge Krankenschwester in ihrem Hauch von Nichts als Bordsteinschwalbe für Privatpatienten in den Hauptrollen.
Herr Pantoffel fing sich wieder und starrte atemlos durch die Nacht während Doktor Jens (Wer zur Hölle nennt sich eigentlich Doktor Jens?) ihm weitere Schritte erläuterte.
“Soo Herr Pantoffel, die Röntgenbilder zeigen eine deutliche Fraktur des Nasenbeins, woraufhin es zu stark frequentierten Blutungen kam, die sich bis in ihre Mundhöhle erstreckten” Ach was, dachte Pantoffel. “Wir werden morgen einen operativen Eingriff vornehmen, um ihr Riechorgan in seine Ausgangsposition zurück zu versetzen. Schwester Jessy zeigt ihnen ihr Zimmer.”
Wieso zeigt sie mir nicht das, was sie gleich dem Doktor zeigen wird, dachte Pantoffel in seinem immer mehr resignierenden Hirn und wuchtete sich auf die für ihn bereitgestellte 10 x 10 cm große (ca.) Krankenhauspritsche.
Nach endlosen Fahrten durch die zahllosen Flure dieser fürchterlichen Einrichtung wähnte sich Herr P. endlich am Ziel der langen Reise.
Ihm war es nun tatsächlich per Ausnahmeregelung gestattet worden, in seinem Bett liegend den heiligen Aufzug zu benutzen. Nachdem er den langen Weg hinauf die Brüste der Krankenschwester bestaunte ließ das überdimensionierte PING der Fahrstuhltür ihn aus allen Wolken fallen.
Er wurde hinaus geschoben und traute seinen Augen kaum. War er doch verblutet und dem Licht am Ende des Tunnels entgegen gelaufen? Hatte er den Kampf gegen Scheunenelfie verloren? Anders konnte er sich die ihm darbietende Szenerie nicht erklären: Boden aus Marmor, Elfenbein an den Wänden, Waschbecken aus purem Gold, Patienten in elektrischen Rollstühlen mit fetzigen Tropfhalterungen, Austernbuffet, Champagner statt Wasser, die Mona Lisa überm Alpakateppich, Ledersofa, Springbrunnen und wie Pinguine watschelnde Männer, die den Gästen dieses unnatürlichen Schauspiels scheinbar jeden Wunsch von den Lippen ablasen.
Herr P. wähnte sich bereits im Paradies, befreit von seiner Frau und seinen Sorgen bis ein Kaugummi verschmatzter Satz von Schwester Jenny ihn aus seinem Garten Eden riss.
“Ouh, dit tut ma Leid, dit is de Privatstation. Hier jehören se ja nich hin wa? Hab mich wohl im Stockwerk verdrückt. Haha!”
Pantoffel verlor jegliche Gesichtszüge und starrte Schwester Jenny aus Neubrandenburg bei Brandenburg gedankenverloren an. Dieses mit Justin und Schantalltattoos verschmutzte Ding hat mir nun tatsächlich das letzte bischen Würde aus dem Herzen entfernt. Den Rest hat meine Frau sich in den letzten Jahren geholt dachte Herr P. und warf einen letzten Blick auf die Engel des 21. Stocks.

Ihm dämmerte bereits, was nun folgte. Für ihn war es nun an der Zeit um mit den anderen Sklaven zu rudern.
Schwester Jenny schob ihn aus dem elektrischen Etagenwurm, vorbei an wandelnden Tröpfen in seine neue Heimat. Zimmer 87 hinten links. Vierbettzimmer. Zwei halbtot im Bett, ein Zombie auf dem Flur.
“So Herr Pantöffl, hier wären wa. Dit Frühstück bringt ihnen de Nachtschwesta um Dreiviertel Sechse, dit Mittag um Viertel Zwölfe und dit Abendessen um Fünfe. Allet klar soweit? Wenn was is, einfach laut brüllen, der rote Knopf hinter ihrem Kopf is oßer Betrieb.”
Die letzten Worte hallten noch nach, als Herr P. bereits dem Röcheln im Zimmer lauschte. Vom Regen in die Traufe, vom Hinmel in die Hölle, von Bayern zum HSV, von Helge zu Mario Barth. Er war auf dem Boden der Kassenpatienten angelangt.
Im Knast ist es sicher angenehmer dachte Herr P. und schnitt sich aus Solidarität zu seinen Mitpatienten einen künstlichen Darmausgang in den rechten Flügel seines Oberkörpers. Flott den Tropf am Arm gingen sie zusammen auf Streife. Auf Streife durch Stock 20. Sie waren Kassenpatienten. Kassenpatienten, die zu allem fähig waren.
Mit finsterer Miene schloss er sich den anderen Tropfzombies an und schlurfte hinaus. Hinaus in eine ungewisse Zukunft, hinaus in die skandalöse Welt der Asklepios!


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