Der Herr der Schlüssel

von Martin Sieper

„Ich habe mich in meiner Wohnung eingesperrt. Könnten Sie mir bitte helfen?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung schweigt unüberhörbar und kratzt sich – so hoffe ich – den Bart.

„Können Sie denn beweisen, dass es auch wirklich Ihre Wohnung ist?“, fragt er. Ich blicke mich um und stelle fest, dass zumindest die Umzugskartons, die nun seit 2 Monaten unangetastet in meinem Flur herum stehen, mit meiner ordnungsspezifischen Beschriftung versehen sind: „Essen, waschen, leben, Pornos.“

„Jaaaa“, erwidere ich. „Ich stehe wie gesagt in meiner Wohnung!“ Der Mann lacht.

„Das ist doch kein Argument!“

Nein, natürlich ist es kein Argument, denke ich. Wer kennt sie nicht, diese fiesen Einbrecherbanden, die zunehmend persönliche Wertgegenstände in Praktiker-Kartons verpackt zu ihren Einbrüchen mitnehmen.

„Hören Sie“, fahre ich fort, „wenn es nicht meine Wohnung wäre, hätte ich Sie bestimmt nicht angerufen, sondern wäre gleich vom Balkon gesprungen.“ Der Mann zögert. Das Argument war gut, denke ich.

„Warum springen Sie dann nicht?“, fragt er. Das Argument war doof, denk ich.

„Weil es regnet“, erwidere ich etwas unsicher. Schon wieder dieses Kratzen.

„Und wieso wollen Sie dann unbedingt raus?“

„Weil das Gefühl so schön ist, wenn man rein kommt“, erwidere ich etwas zögernd.

„Achso, macht Sinn. Na dann komm ich mal, was?!“ Er legt auf. 20 Minuten später klingelt es an meiner Haustür.

„Och, das ist ja lustig. Eigentlich stehen meine Kunden immer hier draußen und frieren!“ Ich schaue ihn durch den Türspion an. Er hat keinen Bart!

„Och, das ist ja lustig“, entgegne ich ihm, „eigentlich tue ich das auch.“ Der Mann schaut etwas irritiert.

„Und wieso heute nicht?“

„Meine Zigaretten sind alle“, erkläre ich und das war nicht mal gelogen. Natürlich besteht kein Grund bei einem dermaßen miesen Wetter auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen, wenn nicht der Umstand einer leeren Zigarettenschachtel dies erfordern würde. Es gibt ja nur wenige Dinge, die einem den Morgen verderben können: Erstens keine Kaffeepads, dafür aber Milch und Zigaretten oder zweitens: Kaffeepads und keine Milch, dafür aber Zigaretten. Drittens: Weder Kaffeepads noch Milch, aber Zigaretten. Oder aber und das ist der schlimmste Fall, Kaffeepads und Milch vorhanden, aber keine Zigaretten.

„Was hat das mit mir zu tun?“ unterbricht der Schlüsseldienst mein Gedankenkarussel.

„Ich würde mir ja Zigaretten kaufen“, erkläre ich, „aber ich habe mich wie gesagt eingesperrt.“ – „Achso“, sagt er. Der Mann scheint zu verstehen, denke ich.

„ Also, Zigaretten habe ich.“ Der Mann scheint mich nicht zu verstehen, denke ich und frage mich außerdem, wie er meine Sucht durch die geschlossene Tür befriedigen will. Durch den Türspion mit Sicherheit nicht.

„Eigentlich müsste ich meine Kunden an dieser Stelle bitten mir die Wohnung zu beschreiben um sicher zu gehen, dass es auch wirklich ihre ist“, erklärt er mir. „Das macht in diesem Fall aber nicht viel Sinn, oder?“

„Macht nicht viel Sinn, nein!“

„Und was machen wir jetzt?“

„Nun, ich könnte Ihnen ja beschreiben wie es draußen aussieht“, schlage ich vor.

„Das erscheint mir jetzt auch nicht so sinnvoll“, erwidert das Schlüsselkind. Langsam bin ich genervt.

„Könnten Sie jetzt bitte die Tür aufmachen?“ Der Mann nickt, kramt in seiner Kiste und stochert mit dem Schlüssel der Macht im Schloss herum. Kurze Zeit später ist er drin. Endlich!

„Sie haben eine schöne Wohnung. Also, wenn es Ihre sein sollte.“ Er lächelt und sucht den Raum nach eventuellen Gegenständen ab, mit denen er mich im Fall der Fälle in die Flucht schlagen kann.

„Danke, frisch renoviert“, entgegne ich ihm. Sein Blick wandert durch die einen Spalt weit aufstehende Schlafzimmertür.

„Da liegt jemand in Ihrem Bett“, bemerkt er und verlangt nach einer Antwort. Ich tue das einzig Richtige, blicke überrascht, halte mir die Hand vor den Mund um meinem blanken Entsetzen mehr Ausdruck zu verleihen und erwidere: „Oha. Jetzt ham´sie mich aber erwischt!“

„Das ist meine Freundin!“

Er atmet durch.

„Sicher?“

„Nun, ich kann es natürlich noch mal überprüfen, aber ich müsste mich schon schwer irren, wenn es nicht so wäre.“

Der Mann bleibt skeptisch.

„Könnten Sie Ihre Freundin bitte wecken. Ich muss mich absichern. Vorgaben, Sie verstehen sicherlich?!“ Das meint er jetzt nicht ernst, hoffe ich.

„Sicher?“, frage ich, um mich abzusichern. Er grinst.

„Ganz sicher.“

Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass dies für die Gesamtsituation förderlich sein würde, lege ich mich aufs Bett und hauche ihr mit dem Odem des Morgens ins Ohr:

„Schatz, wach auf. Ich brauche ein Alibi.“ Das wollte ich schon immer mal sagen, denke ich. Meine Freundin dreht sich orientierungslos um. Für einen ganz kurzen Moment fühlte ich mich auch nicht mehr sicher.

Ihr „Blick“ wandert von mir zu dem Typen mit dem Schlüsselbund, der sich sicherheitshalber hinter dem Türrahmen verschanzt hat und dann wieder zurück.

„Der Herr glaubt nicht, dass ich hier wirklich wohne“, erkläre ich.

„Kann man schon glauben“, brummt sie in unsere Richtung. Der Mann steht plötzlich neben uns.

„Geht es Ihnen gut?“ fragt er. Sie blickt mit zusammengekniffenen Augen auf den Wecker und schüttelt verständnislos mit dem Kopf.

„Ist das hier ’ne Soap?“

„Nur ein Kundengespräch“, erkläre ich.

„Ich habe da so meine Vorgaben, Sie verstehen?“, fügt der Mann hinzu. Er bewegte sich argumentativ auf seeehr dünnem Eis. Meine Freundin starrt ihn nun mit weit aufgerissenen Augen an.

„Die Frage ist wohl eher ob es Ihnen gut geht!?“

Der Mann nickt. Ich verschanze mich hinter dem Türrahmen.

„Sicher?“ Er verlässt kommentarlos den Raum und schließt hinter sich ab. Meine Freundin greift in die Nachttischschublade, holt eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und geht auf den Balkon.

„Magst du?“ Sie lächelt und reicht mir Feuer. Ich blicke nach draußen.

Es regnet.



Über den Autor:

Martin Sieper

Martin_Sieper

Kurzgeschichtenautor, Bühnenpoet und “Poetry Slammer” aus Marburg an der Lahn

im November 2009 trat er das erste Mal auf der kleinen Marburger Lesebühne in der Bierkneipe “Schlucke” vor 40 nicht-zahlenden, alkoholisierten Besuchern auf

in den darauf folgenden Jahren gewann und verteidigte er den Titel als Vize-Hessenmeister und qualifizierte sich mehrmals für die deutschsprachigen Meisterschaften

Mehr über Martin Sieper und seine veröffentlichten Werke erfahrt ihr auf Facebook und seinem Blog.





















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