Der Exorzismus von Elisabeth

von Ralf Bruggmann

Elisabeth war ein ganz normales Mädchen. Eine Geschichte, die mit diesen Worten beginnt, wird im weiteren Verlauf mit großer Wahrscheinlichkeit in die Erkenntnis münden, dass es sich bei besagter Elisabeth eben nicht um ein ganz normales Mädchen handelte. So auch diese Geschichte. Denn Elisabeth war zwar tatsächlich ein ganz normales Mädchen. Doch eine kleine Eigenheit legte sich wie ein Schatten über ihr Dasein. Elisabeth war vom Teufel besessen.

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Wann genau der Teufel von der kleinen Elisabeth Besitz ergriff, lässt sich nicht genau eruieren. Während ihrer Schulzeit gebärdete sie sich wie das normale Mädchen, dass sie grundsätzlich auch war. Irgendwann begann sie jedoch, ihren Wortschatz um fragwürdige Begriffe zu erweitern. In einer Unterrichtsstunde reagierte sie auf eine relativ harmlose Ermahnung des Lehrers, sie solle sich doch bitte an der laufenden Diskussion beteiligen, mit der Aussage, er sei ein verfickter Kackfurz und sie hoffe, sein Schwanz werde von Maden zerfressen. Bald darauf bezeichnete Elisabeth die Deutschlehrerin als himmeltraurige Schimmelfotze und wünschte ihr eine anständige Darmspülung. Diese beiden Zwischenfälle führten zu einem Termin beim Schulleiter, der ihr mitteilte, dass ein solches Verhalten nicht geduldet werde. Zuerst nickte Elisabeth artig und entschuldigte sich mit leiser Stimme. Dann jedoch brach ein Wortschwall zwischen ihren schmalen Mädchenlippen hervor, der den Schulleiter unter anderem mit der Behauptung konfrontierte, er sei der Sohn einer stinkenden Hafenhure und treibe es mit Eseln. Damit begann eine langwierige und intensive Dreiecksbeziehung zwischen den Lehrkräften, Elisabeth und ihren Eltern, ohne dass sich das abnormale Verhalten des grundsätzlich normalen Mädchens nennenswert veränderte. In ihrer Ratlosigkeit schickten die Erwachsenen Elisabeth zu einem Psychiater. Der Psychiater wiederum suchte nach wenigen Sitzungen ebenfalls einen Psychiater auf, nachdem seine kleine Patientin sein Selbstwertgefühl in der Luft zerrissen und ihm sinngemäß geraten hatte, mit seiner Mutter zu kopulieren und im nächstgelegenen Kuhstall nach seinem leiblichen Vater zu suchen.

Elisabeths Eltern waren verzweifelt. Zwar ließ ihre Tochter die anrüchigen Tiraden nie in ihre Richtung entweichen und verhielt sich im Kreise der Familie durchaus freundlich und liebenswert. Doch nachdem Elisabeth den Nachbarn eine gut gefüllte Kotztüte in den Milchkasten gestellt hatte und zudem gesehen wurde, wie sie die Marmeladenfüllung eines Berliner Pfannkuchens durch offenbar noch vorrätiges Material aus eben jener Milchkastenepisode ersetzte, kamen die Eltern zur schmerzhaften Einsicht, dass sie zu drastischeren Mitteln greifen mussten. Und drastischere Mittel stehen nicht selten in religiösem Kontext.

***

Jakob war eigentlich Metzger, hatte sich aber an einer obskuren Abendschule zum Geistlichen weiterbilden lassen und praktizierte als freischaffender Exorzist. Zwar grenzte sich die katholische Kirche vom selbsternannten Priester Jakob ab und bezeichnete ihn sogar auf seiner Facebook-Seite als Scharlatan, doch Elisabeths Eltern waren weder Kirchgänger noch bei Facebook. Hingegen lasen sie gerne die Kleinanzeigen der Regionalzeitung, und als sie dort Jakobs vollmundige Versprechungen entdeckten, vereinbarten sie einen Termin. Ohne Elisabeth überhaupt gesehen zu haben, vertrat Jakob die Meinung, dass ihr nur mit einem großen Exorzismus geholfen werden könne. Der Dämon, der in ihren Körper gefahren sei, müsse mit den entsprechenden Mitteln bekämpft werden, und zwar möglichst bald, da er mit zunehmender Zeit nur an Macht gewinnen würde. Die Eltern, in deren bleichen Gesichtern sich das Entsetzen in jedem Winkel abzeichnete, willigten ein und bezahlten die erstaunlich hohe und im Voraus zu entrichtende Exorzismusgebühr.

Zwei Tage später traf Jakob in Elisabeths Elternhaus ein, bekleidet mit einer Robe, die verblüffende Ähnlichkeit mit einer Metzgerschürze aufwies, und bewaffnet mit einer Papiertüte, in der sich ein kleines Holzkreuz, eine antiquarische Bibel, eine Thermosflasche mit Weihwasser sowie ein Rosenkranz befanden. Er bat die Eltern, im Wohnzimmer zu bleiben, ging eine Etage höher und betrat Elisabeths Zimmer mit einem gemurmelten Gebet auf den Lippen. Sie saß auf dem Bett und las wie so häufig ein Buch von Jean-Paul Sartre. Als sie Jakob und das Kreuz in seiner Hand erblickte, schreckte sie hoch und sprang flink wie ein Grashüpfer auf seinen Kopf. Er schüttelte sich und wedelte mit den Armen, konnte aber nicht vermeiden, dass Elisabeth ihm ein Büschel seiner imposanten Naturlockenpracht ausriss und sogleich verspeiste. Sie setzte sich wieder auf ihr Bett, und mit einigen krausen Haaren zwischen ihren Zähnen grinste sie Jakob an.

«Ich habe auf dich gewartet», sagte sie mit überraschend tiefer und heiserer Stimme.
«Hier bin ich.»
«Toll. Ganz toll.»
«Ich werde dich nun vom Dämon befreien, der von dir Besitz ergriffen hat», sprach Jakob mit vibrierendem Timbre.
«Tu, was du nicht lassen kannst, du stinkender Fotzkopf.»
«Fürchte dich nicht, kleines Mädchen!»
«Du bist das kleine Mädchen, du armseliger Duftbaumschnüffler, nicht ich. Und nein, ich fürchte mich nicht. Ich bin eher gelangweilt.»
«Sollen wir beginnen?» fragte Jakob scheinbar unbeirrt.
«Klar, nimm den Finger aus dem Arsch. Von mir aus kann’s losgehen.»

Jakobs Gesicht hatte eine rötliche Färbung angenommen. Nach einem kurzen Räuspern griff er nach der Thermosflasche, schraubte sie auf und goss ein wenig Weihwasser in die Verschlusskappe.
«Hübsche Flasche», brummte Elisabeth. «Sind das Eulen? Scheiße, du hast eine Thermosflasche mit Eulen drauf? Ich hasse Eulen! Verdammte Drecksvögel!»
«Es hatte noch eine andere Flasche im Angebot», stammelte Jakob. «Die war blau, mit grünen Fröschen und Grashalmen. Ich fand die mit den Eulen aber schöner. Magst du Frösche, Elisabeth?»
«Deine Mutter frisst Frösche in der Hölle, du kleiner Eulenficker!»
«Still, Dämon», befahl Jakob. Die Farbe seines Gesichtes wandelte sich zu einem schimmernden Tomatenrot. Dann kippte er das Weihwasser auf Elisabeth, die mittlerweile seitlich auf dem Bett lag und ihren Kopf auf ihren angewinkelten Arm stützte.
«Du hast da was verschüttet», bemerkte sie und kicherte.
Noch einmal füllte Jakob die Verschlusskappe und ließ den Inhalt auf Elisabeths Körper regnen, doch abgesehen davon, dass ihr Kleid immer nasser wurde, geschah nichts.
«Na los, weiter», herrschte Elisabeth ihn an. «Jetzt die Litanei, dann Psalmen, dann dein beschissenes Vaterunser! Mach mal vorwärts, du lahmarschiger Rosettenlecker!»
«Wir haben Zeit», gab Jakob zurück und duckte sich sogleich, um dem Sartre auszuweichen, den Elisabeth nach ihm geworfen hatte.
«Sag mal, du kleine Pimmelkröte», knurrte Elisabeth. «Machst du imprekativen oder deprekativen Quatsch?»
«Du sprichst in Rätseln, Dämon!»
«Scheiße, das weißt du nicht? Hast wohl an der Abendschule studiert, ja?»
«Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Ich bin hier, um das kleine Mädchen Elisabeth von den dämonischen Kräften zu befreien.»
«Du willst mich ficken, oder? Du kranke Sau! Nicht mal den Unterschied zwischen imprekativem und deprekativem Exorzismus kennst du. Ist ein Wunder, wenn du beim Pissen deinen Schwanz findest.»

Während sein Gesicht sich allmählich dunkelrot verfärbte, umklammerte Jakob sein kleines Holzkreuz und versuchte gleichzeitig, in der Bibel zu blättern. An einigen Seiten hingen kleine farbige Haftstreifen.
«Oh, du hast Textstellen markiert, du stinkende Arschkatze?» säuselte Elisabeth. «Wie aufmerksam!»
Jakob las einige Verse, doch Elisabeth schien davon ziemlich unbeeindruckt. Sie holte ihr Strickzeug aus dem Nachtisch und arbeitete weiter an einem Wollgeflecht, das offenbar dereinst zu einem Schal werden sollte. Jakob hielt das Holzkreuz vor seinen Kopf und hob seine Stimme.
«O Jesus, Erlöser, mein Herr und mein Gott, mein Gott und mein Alles, der du mit dem Opfer des Kreuzes uns erlöst hast und die Macht des Satans besiegt hast, ich bitte dich, erlöse mich von jeder bösen Anwesenheit, von jedem Einfluss des Bösen.»
«Ach Jakob, lieber Jakob», flüsterte Elisabeth und ließ ihr Strickzeug sinken, doch der Angesprochene fuhr unbeirrt fort, etwas lauter als zuvor.
«Ich bitte dich darum in deinem Namen.»
«Hör doch auf, du kleine Filzlaus.»
«Ich bitte dich darum, um deiner Wunden willen.»
«Ich mach dir gleich eine Wunde, du armselige Käsefotze!»
«Ich bitte dich darum, deines Kreuzes wegen.»
«Dein Kreuz ramm ich dir in den Arsch!»
«Ich bitte dich…» Jakobs Stimme begann zu zittern und wurde noch lauter. «Ich bitte dich darum durch die Fürsprache von Maria der Unbefleckten und Schmerzhaften.»
«Jämmerlicher Dackelficker!» bellte Elisabeth.
«Das Blut und das Wasser, welche aus deiner Seitenwunde geflossen sind, sollen auf mich herabfließen, um mich zu reinigen, mich zu erlösen, mich zu heilen.»
«Ich reinige dich mit meiner Pisse, das magst du doch so gern.»
Offensichtlich mochte Jakob diese Prozedur entgegen Elisabeths Ansicht nicht sonderlich, denn die Beherrschung, die er sich so emsig bewahrt hatte, ging in jenem Moment verloren.
«Halt die Schnauze, du verfickte Drecksschlampe! Du Ausgeburt der Hölle! Du kleine eklige Fickfresse!» schrie Jakob. Sein Gesicht war violett. Sein Kreischen verhallte im Zimmer, die Lampe an der Decke zitterte ein wenig. Dann wurde es ruhig.

Eine weiße Feder schwebte durch den Raum. In der Ecke stand ein Alleinunterhalter und spielte die Titelmelodie aus Forrest Gump auf seinem elektronischen Piano. Als der letzte Ton verklungen war, verbeugte er sich und verließ das Zimmer.
«Jakob?» fragte Elisabeth leise, erhielt vom kleinen Mann mit dem dunkelvioletten Kopf aber keine Antwort.
«Jakob, du weißt, weshalb du hier bist, oder?» Jakob schwieg noch immer.
«Du bist hier, weil du mir den Dämon austreiben sollst, der mir verdorbene Worte in den Mund legt, nicht wahr?»
Jakob nickte zaghaft, sein Blick auf den Boden und die Thermoskanne gerichtet, die er in seiner Wut fallengelassen hatte.
«Ich glaube, du warst erfolgreich, lieber Jakob.»

Ein Klopfen riss Jakob aus seiner Erstarrung. Hastig packte er sein kleines Holzkreuz, die antiquarische Bibel, seine Thermosflasche und den Rosenkranz in seine Papiertüte. Als er aus dem Zimmer stürmte, stieß er mit Elisabeths Eltern zusammen, die vor der Tür standen. Hinter ihm saß Elisabeth lächelnd auf dem Bett und vertiefte sich wieder in das Buch von Jean-Paul Sartre. Die Eltern fragten den Exorzisten, was geschehen sei, doch Jakob stolperte vorwärts und die Treppe hinunter. Schließlich knallte die Haustür zu.

***

Einige Tage später lag im Briefkasten von Elisabeths Eltern ein Umschlag. Darin befanden sich die erstaunlich hohe Exorzismusgebühr und eine handschriftliche Notiz.
«Behaltet euer Geld, ihr miesen Kartoffelficker, und schiebt euch euren Teufel in den Arsch!»
Als die Eltern Elisabeth die Nachricht zeigten, zuckte sie nur mit den Schultern.
«Ich halte es durchaus für möglich, dass der liebe Jakob das Produkt eines einvernehmlichen Zeugungsaktes zwischen einem Equus asinus und einer professionellen Liebesdienerin mit maritim orientierter Klientel sein könnte, wodurch sich nicht nur seine Überproduktion von Smegma praeputii erklären ließe, sondern auch seine nicht sonderlich elegante Wortwahl.»
Ihre Eltern verstanden zwar kein Wort, doch sie waren froh und glücklich, dass Elisabeth ihre zotige Sprache abgelegt hatte und sich seit dem Exorzismus einer niveauvollen Ausdrucksweise bediente. Vater und Mutter sahen einander lächelnd an, wandten ihren Blick ihrer Tochter zu, lächelten noch ein wenig stärker, und Elisabeth lächelte zurück.

Und wenn sie nicht gestorben sind, lächeln sie heute noch. Elende Kackfressen.

Original-Bild von DonnaLadyTwiglet

Original-Bild von DonnaLadyTwiglet



Über den Autor:

Ralf Bruggmann
Ralf Bruggmann

wurde 1977 im Osten der Schweiz geboren

arbeitet als Texter bei einer schweizer Werbeagentur

ist verheiratet, hat zwei Kinder, aber keinen Golden Retriever und auch keinen anderen Hund

Auf seinem Blog disputnik.com erfahrt Ihr mehr über Ralf Bruggmann.


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