Das wirklich Blöde daran

von Peter Janicki

Das Blöde daran, abends nur noch eine halbe Tüte Chips zu haben, ist ja, dass man dann eine weitere Packung aufmachen muss, diese dann aber wieder nur etwa bis zur Hälfte schafft, so dass man wieder eine halbe Packung über hat. Das ist aber kein Zustand so für auf Dauer, denkt man sich, aber was will man machen (?), man kann sich selbst Freunde einladen, manchmal laden sich auch Freunde selbst ein, das ist dann schön, denn wenn Freunde dann `ne halbe Packung essen, dann ist man wieder bei natürlichen Zahlen an vollen Chipstüten und kann in Ruhe schlafen gehen. Ich hatte eine halbe Chipstüte und es klingelte an der Tür.

Natalie hatte sich nämlich gedacht: das Blöde daran, abends keine Packung Chips zu haben, ist ja, dass man dann hungrig ins Bett gehen muss, oder etwas anderes essen muss, das ist aber kein Zustand. Man könnte sich einladen irgendwo, vielleicht sagt die Person aber, dass es heute nicht passt, besser dachte sie sich, wäre also einfach vorbeizugehen, war es vielleicht auch, denn hätte sie mich gefragt, hätte ich wohl gesagt, ich hätte keine Zeit, aber jetzt war sie halt da und hübsch durchaus und ich hatte nichts Besseres zu tun, jedenfalls nix wo ich mich zu tun hätte überwinden können.

Wir hatten also Chips gegessen und dann wollten wir noch auf ne illegale Party, kamen aber nicht rein. Und Natalie wollte spazieren gehen dann und ich sagte „ich mag kein Spazierengehen, das ist sinnlos, weil das hat kein Ziel”, aber sie sagte: „dann lass uns halt zum Schloss gehen“ und ich wollte heim, aber Natalie sagte: „ach komm“ und ich sagte „ja“ und wir gingen zum Schloss und dann waren wir halt da. Das ist das, was beim Spazierengehen nicht geht, also das “da sein”, beim Spazierengehen, kann man nur wieder “zurück sein”, das “Zurück-Sein” ist sogar mein persönliches Ziel beim Spazierengehen: andere Menschen sehen das anders, natürlich: andere Menschen sind anders … und wir waren jedenfalls am Schloss, legten uns auf eine Wiese, machten den Wein auf und unterhielten uns.

Ich erzählte ihr, dass ich nicht wisse, was es an der Demokratie am meisten auszusetzen gäbe: Politiker, Wähler oder Lobbyisten. Natalie sagte: Lobbyisten würden sich wenigstens für Politik interessieren. Schluck Wein.

Ich fragte sie, was sie denn so in letzter Zeit so bewegt hätte und sie erzählte von den chinesischen Wanderarbeitern in der Coca- Cola Stadt in China die den ganzen Tag die Kohlensäure in die Getränke pusten müssen, und bei Erwachsenen, schlimm genug, aber auch Kinder müssten mitarbeiten, weil so Medium- Wasser kriegen die auch hin und sie hätte Ausschnitte von der Produktion stillen Wassers gesehen, aber darüber wollte sie nicht reden. Sie lächelte. Schluck Wein.

Wir unterhielten uns so und wir lagen also so nebeneinander auf der Wiese. Über uns schienen die Sterne – man konnte sie durch die Wolken jedoch schlecht erkennen – ich schaute Natalie an, Natalie aber schaute die Wolken an und konstatierte, dass es doch jetzt eigentlich mein Job wäre, sie zu küssen, und ich sagte, dass das ja so nicht laufe, erst müsste sie sich doch zu mir umdrehen und irgendwas belangloses fragen, mir dabei vielleicht ein wenig Atem ins Gesicht, vielleicht zum Beispiel auf die Lippen pusten, „so dass ich dann merke, wie dicht dein Mund an meinem ist und dass man weiß, dass selbst zufällige Bewegungen zu einer mindestens unabsichtlichen Berührung der Lippen führen würden“. In dem Moment passieren natürlich keine zufällig zufälligen Bewegungen, höchstens scheinbar zufällige Bewegungen, deswegen sollte man schon trotzdem wissen, ob man jetzt küssen will oder nicht, ich wusste das nicht, einerseits ja, aber weil da hängt ja auch immer einiges mit dran, nur „ohne Angehauche ist mir das vielleicht sowieso zu absonderlich, bin ich vielleicht gar nicht in der Stimmung. Außer vielleicht, du würdest dich rüber drehen und hättest Leuchtschminke aufgetragen, dann würde ich ja sehen, wie dicht du an mir dran bist, haste aber nicht.“

Natalie sagte, dass die Feststellung, dass es mein Job wäre sie zu küssen, als Handlungsaufforderung misszuverstehen nun auf einer kognitiven Fehlleistung meinerseits beruhen würde. Sie wolle nicht von mir geküsst werden, nahm einen Schluck Wein und schaute mich an. Ich machte es andersrum, schaute sie erst an und nahm dann einen Schluck Wein. Ohne Gläser ist immer einer der Erste mit Wein.

Ich dachte mir, dass ich Natalie gerne häufiger sehen würde, dann würde ich vielleicht auch häufiger rausgehen, man soll ja auch häufiger rausgehen, man sagt ja auch: “rausgehen ist wie Fenster aufmachen, nur krasser” und das erinnert mich auch immer daran, dass ich häufiger lüften sollte, aber wegen rausgehen: Natalie hat ja nicht immer Zeit. Man sollte sie klonen oder kopieren, das wäre schön, aber vielleicht würde sie das nicht wollen und selbst wenn, ich bräuchte ja wohl zum Klonen oder Kopieren einige Stammzellen und die habe ich nicht, und vielleicht ist an die Stammzellen auch schwer ran zu kommen. Natalie ist ja kein Baum. Bäume haben voll krass viele Stammzellen. Deswegen würde ja auch eine Stammzelldiskussion unter Bäumen viel unaufgeregter geführt werden. Wobei Bäume ja generell unaufgeregter – wenn auch schwerer zu führen – sind.

Aber von wegen Küssen, von wegen nicht geküsst werden wollen: Offensichtlich hätte sie da was missverstanden, ich hätte sie ja gar nicht küssen wollen, ich hätte sie lediglich darauf hinweisen wollen, was sie hätte tun sollen, hättest du gewollt, dass ich dich küsse. Wobei ich damit nicht sagen will, dass ich dich nicht küssen will, aber so zu tun als ob man nicht wolle, sich ein wenig zu zieren, ist ja fast immer das Richtige. Ich meine, es gibt doch nur vier Möglichkeiten von Küssen bei zwei Menschen: beide wollen, beide nicht, der eine will, der andere nicht und umgekehrt. Aber wenn ich behaupte, dass ich Dich nicht küssen wolle, sei ich in jedem Fall fein raus. Entweder Du willst auch nicht, dann kann ich so tun, als wäre das auch für mich total cool, oder Du willst Küssen, dann kann ich mich zieren und erobern lassen und wenn es Probleme gibt, da kannst Du Dich schlecht beschweren, weil: Du hast ja angefangen. Würde ich dann auch sagen: „beschwer Dich nicht, Du hast angefangen.“ So einer bin ich nämlich, manchmal jedenfalls.

Außerdem: Du hast Dir eh nicht die Zähne geputzt, aber sie meinte: „nach Chips muss man sich nicht die Zähne putzen, Chips seien ja kein Dreck“ und „da kann man schlecht was drauf sagen“, sagte ich, und Natalie nickte und sagte, ich hätte mir ja auch nicht die Zähne geputzt, was stimmte und sie holte ihre Kaugummis raus, aber da war nur noch einer, „wir hauchen uns jetzt an und gucken wer ihn nötiger hat“ schlug sie vor, und wir hauchten uns an und dabei waren unsere Münder recht dicht beisammen und so bot es sich an, sich auch gleich zu küssen.

Ich fragte mich, ob sie jetzt glaubte, wir würden zusammenkommen und ob sie das überhaupt wollte und ob das dann beizeiten so ein Klärungsgespräch geben würde. Ich mag keine Klärungsgespräche. Vielleicht würde ich mich ja auch mal intensivst vergucken. Kusstechnisch ergänzten wir uns ganz ok, aber es machte natürlich trotzdem Spaß einerseits. Ich fragte mich, ob ich ihre Freunde mögen würde, und ich glaube: eigentlich nicht. Und ob das alles wirklich so eine gute Idee war, aber andererseits war es ja nur rumknutschen. Ich fragte mich, was sie wohl dachte und sie fragte mich, ob noch Wein da war.



Über den Autor:

Peter Janicki

peter

Peter Janicki: arbeitet halbtags als Hofpsychologe mit Straftätern, zum Ausgleich als Holzfäller. Er interessiert sich für U-Boote, VWL, Schach, Pinguine, Kreuzworträtsel, Kartoffelchips und Tischfussball. Er findet folgende(s) großartig: Lewis Trondheim, Joseph Hansen, Guy Delisle, Joe Sacco, Peter und der Wolf Singer, Dr. Who, FSM, Philip K. Dick, Annette Löffler, 11 Freunde und die drei ???. Er war Bremer und Hamburger Landesmeister im Kanurennsport und behauptet einer der besten Minigolfspieler-Spieler Marburgs zu sein. Aktueller Tetris-Rekord: 54372 (Game-Typ B, Level 9). Gelegentlich tritt er auf Slams auf, hält Vorträge über Comics oder trinkt Kaffee. (Zwei Dinge sind gelogen).























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