Das Nerdperium schlägt zurück!

von David Grashoff

„Du kannst mich schlagen, mich erniedrigen, aber meinen Stolz, den kannst du mir nicht nehmen!“, brüllte ich ihm ins Gesicht, kurz bevor er mich schlug, mich erniedrigte und mir meinen Stolz nahm.
Sein Name war Waldemar und er war eine unheilige Mischung aus einem Neandertaler und Charles Manson.
Die Schulzeit hatte mich gelehrt, was es bedeutete ein Opfer zu sein, lange bevor der Begriff zum geflügelten Wort der Generation Sprachlegasteniker wurde.
Es ging soweit, dass sich im Januar die Schulhof-Alpha-Tiere darum prügelten, wer mich für den Rest des Jahres tyrannisieren durfte. Meistens gewann Waldemar.
Ich hatte den Körperbau einer Gottesanbeterin und meine Akne war so ausgeprägt, dass mein Gesicht aussah, wie das zerbombte Dresden nach dem Luftangriff der Alliierten.
Außerdem war ich ein Nerd.
Damit rangierte ich auf der untersten Stufe der Nahrungskette. Sogar die Mülltonnen auf dem Schulhof wurden mit mehr Respekt behandelt als ich.
Und so flüchtete ich mich in die Welt meiner Fantasy-Romane und Comics. Ich träumte davon mit der Macht von Grayskull Waldemar in den Arsch zu treten und zerstörte jeden Tag aufs Neue den Todesstern, der in meiner Fantasie aussah wie eine kugelförmige Version meiner Schule.

Anfang der 80er Jahre bekam ich meinen ersten Computer. Das Ding hatte weniger Speicher als ein heutiger Nasenhaarentferner und die Spiele sahen alle gleich aus. Immer kämpfte ein Stern gegen eine Raute. Stern war Ritter – Raute war Drache. Stern war gutes Raumschiff – Raute war böses Raumschiff. Stern war schwerbewaffneter amerikanischer Motherfucker – Raute war böser Russe.
Wir hatten keine Polygone, keine Grafik-Engines und kein Dolby-Sourround. Dafür hatten wir Vorstellungskraft.
Gewinnen war bei den meisten Spielen auch nicht drin, denn sie bestanden aus einem einzigen Level das einfach immer nur schwerer und schneller wurde, bis man irgendwann starb.
Wie das echte Leben.

Das härtet ab und ich musste lernen mich anzupassen.
Obwohl ich heute aussehe, wie ein ganz normaler Mensch, ist diese Bestie immer noch in mir. Ganz tief vergraben, unter Schichten an antrainierten sozialen Kompetenzen und Körperpflegetipps lauert der Nerd, der nichts anderes will, als den ganzen Tag Call of Duty zocken und sich dabei in 34 Sprachen als Hurensohn bezeichnen zu lassen.
Er ist es, der dir auf der Party so lange von seinem WoW-Charakter erzählt, bis du beschließt doch nicht mehr zu fahren und dich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkst.
Er ist derjenige, der stundenlang darüber diskutieren kann, was passiert wenn der Hulk eine ganze Tankwagenladung Red-Bull trinkt.
Er ist es, der dir erklärt warum Linux der Heiland und Windows der Antichrist ist.
Und dieser Nerd will raus.
Wie das Alien, frisst es sich durch meine Bauchdecke hinaus in die Freiheit.
„Keine Angst, der will doch nur spielen!“, rufe ich, aber ich weiß, der Nerd will mehr.
Er will Poketrainer werden und wenn es keine Pikachus gibt, packt er ein Meerschweinchen in seinen Pokeball.
Er will so lange die Resident-Evil-Filme gucken … bis sich das Bild von Milla Jovovich in seine Retina eingebrannt hat.
Er will mit der Tardis durch die Zeit reisen.
Er will sein eigenes Lichtschwert.
Er will nicht, dass ich erwachsen werde.

Und ist mein innerer Nerd erst einmal aus seinem Käfig entflohen, gibt es kein Entkommen mehr.
Dann kommt mein wahres Gesicht zum Vorschein und ich werde zum Angry-White-Nerd.
Jahre der Frustration entladen sich in einem Nerdstorm, der sogar Sheldon Cooper die Tränen in die Augen treibt.
Das Nerdperium schlägt zurück und ich bin der Alpha-Nerd, der jedem, der uns als Freaks oder Spinner abstempelt, seine Gameboy so tief in den Arsch schiebt, dass er mit seinem Blinddarm Tetris spielen kann!

Wenn du mir dumm kommst, wirst du von meinem Ding gebliztdingst und ich tue dir das an, was George Lucas mir angetan hat, als er sich im Suff Jar-Jar-Binks erdacht hat.
Ich swagge den Aggro-Nerd-Style und verteile Geek-Klatschen, wie Bud Spencer in „Sie nannten ihn Mücke“.
Denn ich bin ein True Nerd.
Auf meiner Nase trohnte schon in den 80ern eine Nerdkassengestell, lange bevor ihr Röhrenjeans-tragende-Instagramm-nutzende-Hipster-Scheißer auf den Geschmack des Nerd-Chics gekommen seid.
Ihr seid die Chinaware unter den Nerds, so billig, dass ihr auseinanderfallt, wenn mal eine Naht an eurer Skinny-Jeans locker sitzt.

Ich bin der Callboy of Duty und mache an einem Abend beim Zocken so viele Headshots wie Ron Jeremy in seiner ganzen Karriere als Pornodarsteller. Und es stört mich auch nicht wenn 14 jährige Vollspacken mich dabei in einer Tour beleidigen, weil ich schon virtuelle Kopfschüsse verteilt habe, als die noch Benjamin Blümchen CDs gehört haben.

Ich bin die 50 Shades of Grasi und bringe jedes Nerdmädchen mit meinem Hadouken! schneller zum Orgasmus als ein Fahrrad ohne Sattel.

Ich bin der Pinky und der Brain in Personalunion und wenn ich erst einmal die Welt beherrsche, gibt es auf Erden nur noch den einen Staat Nerdistan.
Ich gründe eine Religion, die jedem ihrer Gläubigen beibringt, dass sie an sich selbst glauben sollen, weil die Macht stark in ihnen ist.

Ich bin der eine Nerd, der die Stimme erhebt.
Ich bin der Nerd, der es nicht mehr mit ansehen will, dass wir bei Pro7 für irgendwelche beschissenen Fernsehshows als ungepflegte Fachidioten hingestellt werden.

Ich bin stolz ein Nerd zu sein und ich schäme mich nicht dafür, dass ich mit fast 40 immer noch gerne zocke, comics lese und mich auf den nächsten Marvel-Film freue.
Und ich weiß, ich bin nicht allein.
Wir sind das Nerdperium und wir haben nicht vergessen, was es bedeutet Kind zu sein.

Und wenn mir eines Tages Waldemar über den Weg laufen sollte, werde ich mich in ganzer Größe vor ihn aufbauen, meinen Arm in die Luft strecken und rufen:
„Bei der Macht von Grayskull! Ich habe die Kraft!“



Über den Autor:

David Grashoff

david_grashoff

David Grashoff verbrachte einen Großteil seines Lebens als Nerd, bis er eines Tages erkannte, dass er ganz gut mit Buchstaben kann. Er schrieb seine ersten kurzen Texte als Teenager, was aber meist dazu führte, dass die Mädchen seiner Jahrgangsstufe das „Nein“ ankreuzten. Seit geraumer Zeit tingelt der bekennende Nerd als Slammer und Comedian durch die Nation, um dem Publikum mit seinen schrägen und bedingt jungendfreien Texten ein heiteres Lächeln ins Gesicht zu zaubern. David Grashoff lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im idyllischen Wuppertal und fährt höchstens einmal pro Jahr mit der Schwebebahn.

Auf david-grashoff.de erfahrt Ihr mehr über ihn.






















3 Comments

  1. Ein super Text. Die ganzen Nerd-Metaphern und Erlebnisse sind wirklich gut gelungen. Wer hätte gedacht, dass es so mitreißend sein kann ein Nerd zu sein ;)

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