Das Fest

von Janina Jacke

Auf dem Tisch steht eine Teekanne. Sie ist aus Glas. So kann man sehen, was der Tee gerade macht. Im Moment ist er dabei, überhaupt erst Tee zu werden, denn um den Beutel herum wölkt sich das Rot noch recht schüchtern. Ich nehme das Papierschildchen, das durch einen Faden mit dem Beutel verbunden ist, und schaukle den Beutel ein bisschen. Das Rot wölkt sich weiter, bis es an die Glaswand stößt. Jetzt darf der Tee sich ausruhen.
Mit einem leeren Becher in der Hand sitze ich auf dem Sofa und sehe zu, wie das Rot sich verdichtet. Die Sonne scheint durch die Kanne, der Tee leuchtet und macht einen roten Schatten auf dem Tisch. Ich möchte ein Fest feiern.
Ich weiß nicht, warum mir das Fest einfällt, während ich mit dem leeren Becher in der Hand auf dem Sofa sitze. Vielleicht, weil der Tee gerade so schön leuchtet. Ja, ich möchte ein Fest feiern und Früchtetee soll auch dabei sein.
Ein Fest soll es werden, überlege ich mir, ein Fest und keine Party. Partys haben die Leute in der Schule gefeiert. Da saß man im Wohnzimmer der Eltern neben Menschen, die man nicht mochte und die nach kaltem Zigarettenrauch rochen. Es gab keinen Früchtetee, sondern Alkohol, den man trinken sollte, und ab Mitternacht wurden in der Küche Schlager gesungen. Nein, eine Party soll das Fest nicht werden.

Es ist ein Sonntagmorgen, an dem ich langsam meinen Tee trinke und zum ersten Mal an das Fest denke. Eigentlich müsste ich etwas für die Uni tun. Auf meinem Schreibtisch türmen sich stapelweise kopierte Aufsätze. Wenn ich sie ansehe, dann spüre ich eine leichte Unruhe in der Brust, die sich unangenehm warm ausbreitet und in meinem Bauch rumort, wo sie mit einem surrenden Geräusch die Wärme des Früchtetees übertönt. Ich muss daran denken, wie ich am Freitag all diese Aufsätze kopiert habe, wie heiß mir geworden ist, als ich all die Bücher ganz bis in den Keller zum Kopierer tragen musste, wie mir die Kanten der Buchdeckel beim Tragen in die Brüste gedrückt haben. Wie mir das grüne Licht des Kopierers Kopfschmerzen gemacht hat, weil ich nie den Kopiererdeckel schließe, wenn ich Seite um Seite eines Buchs umschlage, es auf die Glasscheibe lege und den runden, grünen Kopierknopf drücke. Brust, Bauch, Kopf, alles ist heiß und schmerzt, wenn ich die Stapel ansehe, die sich auf meinem Schreibtisch türmen. Ich nehme die gläserne Teekanne, in der noch eine kleine Pfütze roten Tees schwimmt, und gieße sie in meinen Becher. Heute muss in Bauch und Kopf Platz für das Fest sein. Die Stapel müssen warten.

Es fühlt sich gut an, an das Fest zu denken. Ich weiß schon genau, wie es sein soll: Auf einer Sommerwiese stehen hölzerne Tische mit weißen Tischtüchern. Die bunten Gräser wehen ein wenig im Wind, zusammen mit den Zipfeln der weißen Tischdecken, die ein ganzes Stück über die Tischkanten hinaus hängen. Auf den Tischen stehen Karaffen mit Früchtetee, der rote Schatten auf die weißen Tischtücher wirft, darüber hängen bunte Lampions aus Transparentpapier. Ich sehe mich selbst, schließlich ist es mein Fest und ich muss auch da sein. Ich stehe auf der Wiese, ich trage ein dunkelblaues Sommerkleid, das gut zu meinen Haaren passt. Meine Haut ist warm von der Sonne und der Saum meines Kleides tanzt zusammen mit den Gräsern und den Tischtuchzipfeln im Wind. In den Händen halte ich eine Karaffe mit frischem Früchtetee, ich lächle meinen Gästen zu und die feinen Härchen in meinem Nacken leuchten in der Nachmittagssonne.
Auf meinem Fest bin ich eines dieser Mädchen, eine dieser jungen Frauen, wie sie in Büchern und Filmen vorkommen. Diese Frauen sind strahlend und wunderschön, ihr Wesen changiert zwischen kindlicher Zerbrechlichkeit und einer schwer zu greifenden Stärke, die irgendwo unter der Oberfläche brodelt und die Männer bezaubert. Manchmal wäre ich gern eines dieser Mädchen aus den Geschichten. Aber ich weiß nicht, ob ich so sein kann. Dazu schlägt mein Herz ein wenig zu stark, wenn ich an die Uni denke, dazu sind meine Hände etwas zu feucht, wenn ich befürchte, die Professoren oder die Kommilitonen könnten mich für dumm halten. Und die Aura von Stress und Verbissenheit umwölkt mich ständig wie der rote Tee den Beutel, der gerade erst im heißen Wasser schwimmt. Nein, in der Uni kann ich keine dieser wunderbaren jungen Frauen sein. Auf meinem Fest kann ich es.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass das Fest wirklich wird und nicht nur an diesem Sonntagmorgen in meinem Kopf zu Gast ist. Dafür muss ich etwas tun. Ich möchte die Lampions selbst basteln, die über den Tischen mit den weißen Tischtüchern hängen und in der Sonne leuchten, so lange es noch hell ist. Ich möchte sie selbst basteln, aus buntem Transparentpapier, das ich mit Leim auf Luftballons klebe. Dafür muss man sehr viel Transparentpapier und auch sehr viel Leim nehmen, damit die Lampions später nicht zusammen mit den Luftballons zu schrumpeln anfangen. Die Hände werden bei der Arbeit ganz schmierig von dem Leim und sehen alt aus, wenn man ihn trocknen lässt. Aber das ist in Ordnung. Ich möchte schließlich, dass es ein schönes Fest wird.

Ich überlege, wann der beste Zeitpunkt für ein Lampionbasteln ist. Es soll so schnell wie möglich sein. Morgen ist Montag, da muss ich wieder in die Uni fahren. Ich fahre gern Bus, besonders, wenn es dort die quadratischen, früchteteeroten Halteknöpfe gibt, die wunderschön pling machen, wenn man sie drückt, wie eine kleine Glocke. Die anderen Halteknöpfe, die es manchmal gibt, sind rund oder oval und piepsen oder machen gar kein Geräusch. Die mag ich nicht so sehr.
Morgen aber werde ich auf die Fahrt zur Uni verzichten. Morgen ist Montag, da sind die Geschäfte geöffnet und ich kann Transparentpapier, Luftballons und Leim kaufen. Morgen werden meine Hände schmierig sein vom Lampionbasteln und nicht feucht von der Uni.
Ich stelle mir vor, wie ich auf meinem Fest auf einen Stuhl steige, wenn es dämmert, um die Kerzen in den bunten Lampions anzuzünden. Meine Wangen sind leicht gerötet vor Freude und von der Sonne des vergangenen Tages, die zuvor die Früchteteeschatten auf die weißen Tischtücher gezaubert hat. Ich bin dann vielleicht eine dieser jungen Frauen und es wird auf meinem Fest jemanden geben, der mir einen dieser Blicke zuwirft, von denen manchmal in Büchern oder Filmen erzählt wird. Jemand wird mich so ansehen, wie Ethan Hawke Julie Delpy in Before Sunrise ansieht, während sich die beiden in einem Musikgeschäft eine Platte anhören. Er sieht sie an, aber sie kann seinen Blick nicht richtig erwidern, denn in ihrem Bauch wölkt sich eine Wolke aus heißem, rotem Früchtetee. Jemand hat mich mal so angesehen, es war während des Abspanns eines Films, in dem Lieder von Nick Drake vorkommen und Natalie Portman eines dieser Mädchen ist.
Um so einen einen Blick noch einmal zu bekommen, muss ich Lampions basteln, die ich am Abend meines Fests rotwangig anzünde. Deshalb kann ich morgen nicht in die Uni gehen, sondern muss hier bleiben und Leim auf Luftballons streichen.

Manchmal bin ich gern in der Uni. Dann gehe ich all die Treppen bis in die hohen Stockwerke zu Fuß und es macht mir nichts aus, dass ich atemlos und mit rotem Kopf zu meinen Seminaren komme. Dann fühle ich mich klug, wenn ich ein wenig mehr weiß als andere und meine Gedanken ein wenig besser erklären kann. Aber schon werden meine Hände feucht, wenn ich daran denke, dass ich mich vielleicht bald schon nicht mehr klug fühlen könnte. Wenn man etwas hat, dann kann man es verlieren. Wenn man etwas nicht hat, dann kann man es sich wünschen. Deshalb werde ich morgen nicht in meine Vorlesung gehen. Dann muss ich nicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn ich mich dumm finden müsste.
Dafür verzichte ich sogar auf das Pling im Bus, dessen ich mir ohnehin nicht sicher sein kann. Der Transparentpapierladen ist nur eine Straßenecke von meinem Zuhause entfernt.

Morgen werde ich also Transparentpapier kaufen gehen, die großen Blätter werden auf meinem Arm flattern, wenn ich sie nach Hause trage, sie werden nicht in meine Brüste drücken, denn sie sind viel geschmeidiger als die Kanten der Buchdeckel. Zu Hause werde ich die Blätter dann auf den Tisch legen, auf dem gerade noch die leere Früchteteekanne steht. Ich werde jedes der Blätter in kleine Schnipsel zerreißen, das klingt schön und entschädigt mich für das verlorene Pling. Dann lege ich farblich zusammenpassende Transparentpapierschnipselhäufchen an, die jeweils ein Lampion werden sollen. Die zusammenpassenden Schnipsel streiche ich mit beleimten Fingern auf die Luftballons, so lange, bis jeder einzelne Schnipsel ganz durchweicht ist. Wenn die Schnipselschicht dick genug ist, dann knote ich den Lampionluftballon an seinem Bürzel an eine Schnur, so dass eine lange Lampionluftballongirlande entsteht, die ich im Wohnzimmer zum Trocknen aufhänge.
Am Abend will ich die Girlande mit in mein Schlafzimmer nehmen, damit ich sie gleich ansehen kann, wenn ich morgens aufwache. Nachts werde ich unruhig schlafen, weil die Lampions kleine knisternde Geräusche machen, wenn sich der langsam schrumpelnde Luftballon von der hart gewordenen Transparentpapierwand löst. Dann werde ich die ganze Nacht im Halbschlaf von meinem Fest träumen, auf dem ich eine bezaubernde junge Frau bin, die alle Lampions selbst gebastelt hat. Auf dem mich jemand so ansehen wird wie Ethan Hawke Julie Delpy, während sie in Wien gemeinsam ein Lied hören.
Ein Fest soll es werden, denke ich dann im Halbschlaf, ein Fest und keine Feier. Feiern feiern die Leute in der Uni. Man trifft sich in einer Wohnung mit vielen Menschen, von denen man wenige kennt. Man taucht dort möglichst spät auf und versucht, einen vielbeschäftigten und geistreichen Eindruck zu vermitteln, und es gibt wieder keinen Früchtetee. Nein, mein Fest soll keine Party und auch keine Feier sein, es soll ein Fest sein und es soll mein Fest sein.

Am Dienstagmorgen werde ich übernächtigt aufwachen und die Lampions auf dem Schlafzimmerboden liegen sehen, wenn die Luftballons über Nacht genug geschrumpelt sind. Die kleinen Streublumenlampions werden mir dann flüsternd von meinem Fest erzählen, das es schon bald geben wird.
Ich werde übernächtigt sein, aber auch glücklich. Fast so, als hätte ich mein Fest schon gefeiert. Vielleicht gehe ich dann wieder in die Uni, um mich ein wenig klug zu fühlen.



Über die Autorin:

Janina Jacke
Portrait Janina Jacke






1986 in Hamburg geboren
Promovendin in Literaturtheorie an der Universität Hamburg
Gewinnerin des Hattinger Förderpreises 2010





















One Comment

  1. Tagträumen kennt ja jeder, aber das ist ein ziemlich elaborierter Tagtraum! Die bildliche Sprache ist toll, man meint, den roten Schein des Früchtetees selber vor sich sehen zu können! Allerdings wird sie ihr Studium so nie abschließen ;)

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