Das wirklich Blöde daran

von Peter Janicki

Das Blöde daran, abends nur noch eine halbe Tüte Chips zu haben, ist ja, dass man dann eine weitere Packung aufmachen muss, diese dann aber wieder nur etwa bis zur Hälfte schafft, so dass man wieder eine halbe Packung über hat. Das ist aber kein Zustand so für auf Dauer, denkt man sich, aber was will man machen (?), man kann sich selbst Freunde einladen, manchmal laden sich auch Freunde selbst ein, das ist dann schön, denn wenn Freunde dann `ne halbe Packung essen, dann ist man wieder bei natürlichen Zahlen an vollen Chipstüten und kann in Ruhe schlafen gehen. Ich hatte eine halbe Chipstüte und es klingelte an der Tür.

Natalie hatte sich nämlich gedacht: das Blöde daran, abends keine Packung Chips zu haben, ist ja, dass man dann hungrig ins Bett gehen muss, oder etwas anderes essen muss, das ist aber kein Zustand. Man könnte sich einladen irgendwo, vielleicht sagt die Person aber, dass es heute nicht passt, besser dachte sie sich, wäre also einfach vorbeizugehen, war es vielleicht auch, denn hätte sie mich gefragt, hätte ich wohl gesagt, ich hätte keine Zeit, aber jetzt war sie halt da und hübsch durchaus und ich hatte nichts Besseres zu tun, jedenfalls nix wo ich mich zu tun hätte überwinden können.

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Wellen

von Marvin Ruppert

»›Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, als ich dich verlassen habe, das war so dumm von mir, bitte, nimm mich zurück und lass es mich wieder gut machen!‹, das müsste sie sagen!«, sage ich. Zu der Frau, die mir gegenübersitzt. Wir haben ein Date. Ihr Blick schwankt zwischen Hass und mehr Hass. Ob ich nur von meiner Ex-Freundin reden könne, fragt sie.
Weil ich zu schüchtern bin, um Menschen von mir aus anzusprechen, setze ich mich, seit ich verlassen wurde, täglich ein paar Stunden ans Ufercafé. Ich versuche dann, intelligent auszusehen indem ich Sartre lese und gucke abends, ob mich jemand bei »Spotted Philipps-Universität Marburg« sucht.
»Klar kann ich auch von was anderem reden«, sage ich. »Moment«, sage ich. Ich denke nach. Auf dem Tisch liegt Sartres »Die Wörter« zugeklappt mit Lesezeichen auf Seite 14. Ein braungebrannter Mann am Nebentisch zündet sich eine Zigarette an. Ein pubertierendes Pärchen in einem Ruderboot fährt vorbei. Bzw. versucht es, er rudert, das Boot dreht sich im Kreis, sie versucht sehr angestrengt, unsichtbar zu sein. Die Lahn schlägt Wellen. Ich mag Wellen. Eigentlich mag ich auch Berge. Weil Berge ja irgendwie auch nur sehr langsame Wellen sind. Damit kann ich mich identifizieren. Der Mann am Nebentisch trinkt einen Schluck aus seinem Bier und drückt die bis zum Filter aufgerauchte Zigarette aus. Die Frau gegenüber ist noch nicht gegangen. Ich versuche, von etwas anderem als meiner Ex-Freundin zu reden:
»Ich hab gestern was voll Seltsames geträumt«, sage ich, »pass auf …

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Die saubere Toilette

- oder -

»Als der Schnee aus den Köpfen verschwand«

von Andy Strauß

(Fußnote: Wie die Universität Leipzig verwendet auch dieser Text zwecks Überschaubarkeit bei Personengruppen nur die weibliche Form, die aber auch männliche Vertreter jener Gruppe mit einschließt)

Prolog
In den Medien hatten die meisten Politikerinnen von ihren Pressesprecherinnen Freude über den positiven Ausgang des Projekts Colom-X kommunizieren lassen. Von »Großer Begeisterung« und von »fantastischer Leistung« war immer wieder die Rede. Sowohl der Stern als auch der Spiegel verzichteten in diesem Juni des Jahres 2015 darauf, eine Titelgeschichte über Adolf Hitler oder eines seiner Haustiere oder eine seiner Liebhaberinnen zu drucken. Stattdessen zeigten ihre Titelbilder ganz dem weltweiten Trend entsprechend, einzelne Soldatinnen oder riesige Soldatinnentrupps des siegreichen amerikanischen Heeres oder deren Kriegsschauplätze. Ein Heer, das binnen kürzester Zeit und vollkommen ohne zivile Opfer eine riesige Schlacht im amerikanischen War on Drugs gewonnen hatte.
»God bless you, Private Aphid« titelte das Times Magazine und druckte auf dem Cover das tausendfach vergrößerte, friedliche Gesicht eines der Soldaten aus dem Corps Aphidoidea Freedom, dem wohl ersten Heer, das gänzlich aus genetisch veränderten Kriegern bestand. Um die Berichterstattung dieser Tage auf ein Wesentliches abzukürzen:
Es war dem amerikanischen Wissenschaftler Dr. B. Orbison an der Stanford University gelungen, eine besonders kleine und kaum sichtbare Gattung ordinärer Blattläuse gewissermaßen zu tunen.

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Der innere Matthias Sammer

von Christian Ritter

Zum ersten Mal meldete er sich, nachdem ich mein Abiturzeugnis überreicht bekommen hatte. Ich war richtiggehend in Feierlaune und mischte auf der anschließenden Party Asbach-Uralt mit Fassbier und White Russian, um gebührend auf die neue Freiheit, das ungezwungene Sein anzustoßen. Ich vollführte furiose Breakdance-Einlagen und steckte meine Zunge wahllos in Münder und andere Körperöffnungen meiner ehemaligen MitschülerInnen.
Da klopfte er von irgendwo innen in meinem Kopf an und sagte: „Nanana, noch ist gar nichts geschafft, das Schwerste liegt noch vor dir. Bleibe immer fokussiert, immer klar, verliere dich nicht, folge deinen Zielen, und hänge sie hoch!“

Ich tat dieses, sein erstes Aufbegehren als eine Form der Halluzination ab. Ich feierte weiter ungehemmt, steckte meine Zunge in Münder, Schnapsgläser und Steckdosen, womit ich mir immerhin zwanzig D-Mark verdiente. Das sind zehn Euro!

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Der Herr der Schlüssel

von Martin Sieper

„Ich habe mich in meiner Wohnung eingesperrt. Könnten Sie mir bitte helfen?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung schweigt unüberhörbar und kratzt sich – so hoffe ich – den Bart.

„Können Sie denn beweisen, dass es auch wirklich Ihre Wohnung ist?“, fragt er. Ich blicke mich um und stelle fest, dass zumindest die Umzugskartons, die nun seit 2 Monaten unangetastet in meinem Flur herum stehen, mit meiner ordnungsspezifischen Beschriftung versehen sind: „Essen, waschen, leben, Pornos.“

„Jaaaa“, erwidere ich. „Ich stehe wie gesagt in meiner Wohnung!“ Der Mann lacht

„Das ist doch kein Argument!“

Nein, natürlich ist es kein Argument, denke ich. Wer kennt sie nicht, diese fiesen Einbrecherbanden, die zunehmend persönliche Wertgegenstände in Praktiker-Kartons verpackt zu ihren Einbrüchen mitnehmen.

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Das Nerdperium schlägt zurück

von David Grashoff

„Du kannst mich schlagen, mich erniedrigen, aber meinen Stolz, den kannst du mir nicht nehmen!“, brüllte ich ihm ins Gesicht, kurz bevor er mich schlug, mich erniedrigte und mir meinen Stolz nahm.
Sein Name war Waldemar und er war eine unheilige Mischung aus einem Neandertaler und Charles Manson.
Die Schulzeit hatte mich gelehrt, was es bedeutete ein Opfer zu sein, lange bevor der Begriff zum geflügelten Wort der Generation Sprachlegasteniker wurde.
Es ging soweit, dass sich im Januar die Schulhof-Alpha-Tiere darum prügelten, wer mich für den Rest des Jahres tyrannisieren durfte. Meistens gewann Waldemar.
Ich hatte den Körperbau einer Gottesanbeterin und meine Akne war so ausgeprägt, dass mein Gesicht aussah, wie das zerbombte Dresden nach dem Luftangriff der Alliierten.
Außerdem war ich ein Nerd.

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Kaffee zu Fuß

von Björn Benthack

Wer kennt es nicht? Es ist Montagmorgen, unendlich viele schlecht gelaunte und düster dreinblickende Menschen schieben sich in die U-Bahnen, stehen herum, blasen Trübsal, in der Hoffnung, dieser Tag möge doch schnell vorbeigehen. Am Ziel ihrer beschwerlichen Reise angekommen quälen sich die Massen missmutiger, von Kopf, Geist und Kreativität befreiter Körper wie leere Hüllen durch die hippe Hafencity auf dem Weg zu ihrem unglaublich modernen Arbeitsplatz. Der einzige Lichtblick dieser Ansammlung meist egozentrischer, aber dennoch auf Teamfähigkeit getrimmter, modisch stets bis in die letzte Haarspitze gelackter Individuen ist ein Getränk, das unsere Großeltern und alle Generationen zuvor schlicht und einfach als Kaffee bezeichnet haben.

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