An Tagen wie diesen

aus “Zurückgespult – Analoggeschichten in Stereo”

von Martin Sieper

„Telefonieren im Auto ist voll einfach. Du musst nur dein Handy mit dem Blueberry verbinden.“
Oma lacht und rutscht unruhig auf dem Rücksitz hin und her.
„Ähm. Du meinst Bluetooth, oder?“ frage ich.
„Quatsch! Samsung Iphone!“ Jetzt bin ich verwirrt. Meine Großeltern halten nicht sehr viel von moderner Technik. Letztes Jahr haben wir ihnen zu Weihnachten einen EDV Kurs an der VHS geschenkt. Seit dem ist Oppa der festen Überzeugung, dass man mit Windows Vista den Krieg definitiv auch verloren hätte. Das geht schon so weit, dass er uns glaubhaft machen wollte aus seinem Weltenempfänger Klopfbotschaften des russischen Geheimdienstes zu empfangen, bis mein Bruder ihn darauf hingewiesen hatte, dass er Dubstep auf Sunshine Live höre.

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Gute Laune in Klein Fitzdorf – Captain Kalle ermittelt

von Christoph Marf

Vier: Viertklässler Mike und die Joghurt-Problematik

Von unten betrachtet sieht alles viel größer aus, denkt sich Kalle noch, und schon landet er mit dem Gesicht voraus im Komposthaufen der Grundschule. Ja, wir befinden uns in der zweiten Großen Pause und unser Held Kalle vergnügt sich gerade wieder ein wenig mit seinem Kumpel Mike. Naja, Mike vergnügt sich. Obwohl der auch nicht so richtig glücklich aussieht. Es scheint für beide einfach ein Routineprogramm geworden zu sein, das sie Tag für Tag, Pause für Pause, abspulen
„Gib mir deinen Joghurt, Kalle! Du kennst das Spielchen doch mittlerweile!“

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Ich hab nur Hurensohn verstanden

von Karl Wolfgang Epple

Billy
Herrlich! Ein Stelldichein von betrunkenen Halbstarken.
Das MacGuffin‘s Pub, heiß begehrt seit der Erfindung des Public Viewings, stinkt sich eine Bahn durch den mittelalterlichen Stadtkern. Da darf geraucht werden, denn Jura ist überall. Vereinsrecht.
Wir quetschen uns zwischen schieferne Hauswände, kaum ellenbreite Gässchen, durch die wir als Kinder mit unseren schmalen Schultern und bunten Windjacken toben konnten. Vor dem Pub werden wir wieder ausgespuckt, saufen uns die Bierkartuschen in der Hand die steile Wendeltreppe hinab. Muss eine Art Test sein: Wenn man an einem Stück unten ankommt, ist man nüchtern genug, um einen Trunk zu bestellen. Und zu bezahlen. Und, als wäre die Todesfalle nicht genug, wacht ein Schrank vor der Tür, hinter der House-Musik wummert. In einem Irish Pub.
Fordert er mich auf:
»Sag mal: Ein Astra, bitte«, was mich überrascht. Hätte nicht gedacht, dass die hier Astra haben. Hätte auf Guinness getippt.
»Das ist ne Falle!«, ruft Schwuchtel-Sebi, der sich auf die Stufen gesetzt hat, weil er muss.

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… und was kann man damit später mal machen?

von Alex Burkhard

»Und was kann man damit später mal machen?«, fragt das Mädchen.
»Na ja«, sage ich. »So genau kann man das nicht sagen. Man hat halt einen Uni-Abschluss, und dann sieht man weiter.«
»Aha«, sagt das Mädchen und geht.
»Wie war das?«, frage ich meine Dozentin, die neben mir am Skandinavistik-Stand steht und mit der zusammen ich am Tag der offenen Tür der Uni für das Fach werben soll.
»Besser«, sagt sie. »Besser. Immerhin hast du dieses Mal den Uni-Abschluss erwähnt.«
»Ja«, sage ich. »Und ich habe es vermieden, die Worte ›beschissen‹ und ›Bachelorstudium‹ zu kombinieren.«
»Ja, du bist auf dem richtigen Weg.«
Warum ich hier stehe, weiß ich nicht so genau, vermutlich hat es etwas mit der Hiwi-Stelle zu tun, die ich seit Kurzem inne habe, und mit den Pfefferkuchen, die an unserem Stand ausliegen, um potenzielle Erstsemester anzulocken.
Warum ich schon kurz nach Studienbeginn eine Hiwi-Stelle habe, weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht haben sie mein schon lichter werdendes Haar gesehen und dachten, ich sei bereits in meiner Abschlussphase. Oder es liegt daran, dass ich noch Magisterstudent bin und sie wissen, dass ich deshalb viel Zeit habe.

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Ersticktes Matt

von Nina C. Hasse

Manhattan, 7. November 1898
Jean-Remy Lafayette verdammte diesen Montagmorgen schon, als er aus dem Hansom stieg und beinahe von einer vorbeirauschenden Kutsche erfasst wurde. Die Räder des Gefährts platschten durch Pfützen, die der andauernde Novemberniesel hinterlassen hatte und ein ganzer Schwall des dreckigen Wassers ergoss sich über seine Hosenbeine und Schuhe. Lafayette presste die Lippen zusammen, um dem Kutscher nicht einige Beleidigung hinterherzubrüllen und drückte seinem eigenen Fahrer einen Dime in die Hand. Bloß nicht schon am ersten Tag negativ auffallen. Und so nahm er seinen Tee, der von einem Anbarowar, einem kleinen Kupfergefäß, wunderbar warmgehalten wurde und trat auf den Bürgersteig. Der Kutscher bedachte ihn mit einem knappen Nicken und ließ ihn allein auf der West Tenth Street zurück.
Die Turmuhr der benachbarten Kirchengemeinde schlug sechs und Lafayette klappte den Kragen seines Gehrocks hoch, um den Regen aus seinem Nacken fernzuhalten. Er fuhr sich mit einer Hand durch die vormals so sorgsam gelegten feuchten Locken und nippte an seinem Ceylon. In der Ferne rumpelte eine Dampfbahn über das Pflaster.
Das Haus, vor dem er stand, war sauber, dreistöckig und bestand aus den für diese Gegend typischen roten Backsteinen, mit weiß getünchten Fensterrahmen, schmiedeeisernen Zäunen und einem Baum vor der Tür, den Lafayette der Rinde nach für einen Kirschbaum hielt. Aber was Baumbestimmung anging, war er etwas aus der Übung. Wer hier wohnte, gehörte eher nicht zur Arbeiterklasse. Haus und Vorgarten wären zu anderer Jahreszeit ein hübscher Anblick gewesen, wenn sich der beständige Nieselregen nicht wie ein milchiger Schleier auf die Umgebung legte – und wenn Lafayette nicht wüsste, dass dort in einer der Wohnungen eine Leiche auf ihn wartete.

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Leseprobe und Poster-Verlosung zu ÖDLAND

Hallo liebe Freunde guter Geschichten,

heute gibt es neben einer Leseprobe aus Christoph Zachariaes erstem Buch der ÖDLAND-Reihe (Erstes Buch: Der Keller) auch noch eine Kleinigkeit zu gewinnen.
Und zwar werden insgesamt fünf von Colin M. Winkler illustrierte Poster des postapokalyptischen Werks verlost.

Und jetzt kommt`s: Es ist auch noch ganz einfach.
Schreibt bis zum 31. Juli 2013 einen Kommentar zu der Leseprobe und fügt noch den Namen eines Charakters aus ÖDLAND hinzu – schon nehmt Ihr an der Verlosung teil. Christoph und ich freuen uns auf Eure Kommentare!

Mit einem Klick auf den Link oder das Poster gelangt Ihr zu der Leseprobe. Viel Spaß!


Zur Leseprobe von ÖDLAND.
Oedland Poster klein

Entschuldigen Sie meine Störung

von Jan-Uwe Fitz

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»Darf ich Sie kurz unterbrechen?«
»Natürlich, Herr Menke. Ich führe sowieso nur Selbstgespräche.«
»Erinnern Sie sich an unser Gespräch von vor zwei Stunden?«
»Ja.«
»Sie wollten mir von Ihrem Aufenthalt in der Anstalt erzählen.«
»Ja.«
»Haben Sie aber nicht.«
»Ich dachte, meine Vorgeschichte interessiert Sie vielleicht auch.«
»Nein.«
»Sie müssen doch erfahren, was mit mir los ist. Wer ich bin. Warum ich überhaupt in die Klinik musste.«
»Aber muss es so lange dauern, bis Sie auf den Punkt kommen?«
»Ich bin mit der Vorgeschichte fast fertig.«
»Dann geht’s jetzt in die Klinik?«
»Ja.«
»Da bin ich aber gespannt.«
»Das können Sie auch sein.«
»Kleiner Scherz. Bin natürlich nicht gespannt.«
»Müssen Sie auch nicht sein.«

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