Der schlurfende Hausschuh

von Björn Benthack

Hell erleuchtete Flure, finstere Gestalten, eine dezente Mischung aus Urin, Kot und Desinfektionsmittel bahnt sich ihren Weg durch die Atemwege hinauf in die Rezeptoren der Hirnrinde, die nur eine sinnvolle Schlussfolgerung zulassen: Herr Pantoffel ist ein Kassenpatient.
Mürrisch bewegt er sich durch die heiligen Hallen einer x beliebigen hiesigen Asklepiosklinik, auf der Suche nach der diensthabenden Oberschwester. Dienstzimmer? Fehlanzeige. Ohnehin vermutete Herr P., Oberschwester E. eher im Raucherzimmer dieser äußerst lebendigen und vergilbten vier Wände.

Da Herr P. jedoch in seiner eigenen bescheidenen Behausung beim Staubwischen vom Treppenlift seiner dementen Frau umgenagelt wurde und daraufhin einen Nasenbeinbruch erlitt, fiel ihm das Erschnuppern der diensthabenden Oberschwester doch etwas schwer.

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Im Internet kann man alles finden! Aber wo?

von Dominik Bartels

Ich persönlich glaube ja, dieses Internet wird sich nicht durchsetzen. Das ist doch nur so ein Trend. So eine kurzfristige Erscheinung. Nicht mehr als ein Intermezzo in der Menschheitsgeschichte. Im Grunde so etwas wie Ballonseideanzüge. Klar, das hat man in den Achtzigern getragen und das fand man auch schick. Aber damit läuft doch keine Sau mehr herum. Na gut, so ein paar Nostalgiker vielleicht. Aber im Grunde haben wir alle diese Phase überwunden.

Bei diesem Internet wird es genauso sein. Irgendwann wird man sich vor die Stirn hauen und seinen Kindern lachend erzählen: „Mensch, damals, das waren vielleicht verrückte Zeiten. Kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. In diesem Internet verschwanden früher unglaublich viele Senioren, nachdem sie die Tastenkombination ALT und ENTF gedrückt hatten. Und nach den Senioren traf es unzählige Autofahrer. Damals fragte niemand mehr nach dem Weg oder schaute in den guten, alten Straßenatlas. Man verließ sich voll und ganz auf das Navigationsgerät. Klar … natürlich sahen die Kraftfahrer den Baum kommen, aber das NAVI befahl leidenschaftslos: „Bitte jetzt rechts abbiegen. Jetzt rechts abbiegen.“ Und dann … ja, dann gingen die Lichter aus.

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Mutter

von Andreas Weber

Freitag, 16 Uhr. Im Café Grotemeyer ist der Altersdurchschnitt heute bei ungefähr siebzig Jahren. An normalen Tagen liegt der Durchschnitt der Damen und Herren bei circa achtzig Jahren, aber ich bringe eine Menge frisches Blut in den Laden. Neidisch, auch ein wenig lüstern, schaut man auf meine frische, glatte Haut, bewundert mein volles Haar. Hinter den Sahnetorten tuscheln die Damen. An Tagen, wo ich mich alt und verbraucht fühle, besuche ich gerne das Grotemeyers. Hier bin ich der Einäugige unter den Blinden. An Tagen wie zum Beispiel heute, denn heute hab ich Geburtstag. Mit Mutter, Filterkaffee und Stachelbeertorte feiere ich meine zweiundvierzig Jahre.

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Mein erstes Mal

von Conny Ertl

Das erste Mal ist immer schmerzhaft. Wie man sich auch dreht und wendet. Und gewunden hab’ ich mich lang. Ich wollte mir diese Erfahrung ersparen, wirklich. Aber erst erwischt’s die erste Freundin, dann die zweite und die dritte. Und alles was ich höre ist: „Conny, das musst du auch versuchen! Ja, es tut schon weh. Aber es lohnt sich! Und wenn du dich einmal dazu überwunden hast, dann willst du nie wieder was anderes!“
Jetzt bin ich also 29. Und es wird allerhöchste Zeit!

Wir Frauen haben’s echt nicht leicht. Achtung, Männer, in den nächsten Minuten kommen unter Umständen Wahrheiten über das schöne Geschlecht ans Licht, die ihr nie wissen wolltet. Aber wo ihr schon mal da seid…

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Wir können Klöße machen – die Welt steht uns offen

von Peter Janicki

Meine Freundin und ich, wir wollten die Weltherrschaft übernehmen, also, um genau zu sein: Ich Weltherrschaft, sie Haushalt. Dachte mir: für Weltherrschaft machen, mach ich doch erst noch mal ein Praktikum – in ´ner Terrororganisation, nur mal so zum Beispiel. Im Vorstellungsgespräch wollte ich aber nicht meinen echten Namen sagen, sonst kriegt man ja auch immer Werbung und E-Mails und so, deswegen Geheimidentität: behauptete ein farbiger jüdischer Hase arabischer Herkunft zu sein. Ich nannte mich „Hase L.-Nussbaum“, hatte dann aber schnell den Spitznamen „Nutella“ weg.

Durfte aber nur in die Nachwuchsorganisation. Und während die Erwachsenen, sozusagen die Ü20 Terroristen, Paketbomben verschickten, durfte ich halt nur … na ja, was halt U20 Terroristen verschicken dürfen: Postkarten. (War aber trotzdem nicht ganz umsonst, immerhin lernte ich Martin Sieper kennen, der war da aber nur zum Englisch lernen). Ich war ziemlich beleidigt und ich kann das gut.

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An einem Morgen im Sommer

von Daniela Gerlach

An einem Morgen im Sommer taucht ein kleines Mädchen am Strand auf. Unbeholfen stapft es durch den Sand, der rosa Plastikeimer in der rechten Hand bietet keinen Halt, schlenkert nur spielerisch neben ihm. Es ist kein Kind, über das Erwachsene in Entzücken geraten, ist nicht niedlich oder gar schon kokett, hat kein gewinnendes Lachen und keine frechen Äuglein, ist nur eine kleine Kreatur, und man fragt sich, warum sie einem leid tut. Wo sind die Eltern? Auch sie stapfen durch den Sand, schwer und behäbig, mindestens fünf, sechs Meter sind sie ihrer Tochter voraus. Der Mann, ein Goliath, trägt zwei Klappstühle und einen Sonnenschirm, die Frau, eine Goliath-Frau, trägt eine Plastiktüte und eine große Badetasche am ungelenken Körper. Im Fleisch sind sie sich ähnlich, die beiden: massig umschließt es ein grobes, hohes Skelett. Sie bewegen sich langsam, als wären sie schon müde, und aus dieser Müdigkeit heraus kommt ein Blick, auch da ähneln sie sich, ein Blick, als würde sie das hier alles nichts angehen. Dieser Sommermorgen, ein Morgen am Meer.

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Ode an meine Brüste

von Conny Ertl

Ich habe Bauchkrämpfe und alle Arten von Regelbeschwerden. Ich habe Cellulite am Arsch und ein völlig gestörtes Verhältnis zu mindestens vier weiteren Körperregionen. Ich verfalle in eine peinlich-hohe Stimmlage, sobald ich ein Baby in meinem Umfeld erblicke. Oder ein Zwergkaninchen. Oder ein Baby-Zwergkaninchen.

Ich habe praktisch keinen Orientierungssinn, kann keinen Nagel in eine Wand schlagen ohne ein Blutbad anzurichten und selbst wenn ich wüsste, was ein Abseits ist, würde ich es genauso für ein Gerücht halten wie den G-Punkt.

Ich kann nicht Kopfrechnen und bin so unsportlich, dass ich für jeden Treppen-Aufstieg zwei Dinge brauche: Erstens ein Sauerstoffzelt und zweitens einen Begleiter, bei dem ich mich auch eine Stunde später immer noch darüber beschweren kann, dass sich die Treppe einfach nicht mit meinen viel zu hohen Schuhen verträgt, für die ich gerade erst den Postboten angeschrien habe.

Ich werde eines Tages unter Höllenschmerzen einen Menschen mit einem Kopf wie eine Wassermelone aus meinem Körper pressen und mich 20 Jahre später mit topfgroßen Schweißflecken auf meiner Bluse und zunehmendem Haarausfall durch die Menopause kämpfen, während mich mein zweiter Ehemann im Zuge seiner Midlife-Crisis mit seiner Sekretärin bescheißt.

Das Leben als Frau ist wirklich kein Leichtes. Eigentlich gibt es überhaupt nur zwei Gründe, die es richtig lebenswert machen: BRÜSTE!

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Das wirklich Blöde daran

von Peter Janicki

Das Blöde daran, abends nur noch eine halbe Tüte Chips zu haben, ist ja, dass man dann eine weitere Packung aufmachen muss, diese dann aber wieder nur etwa bis zur Hälfte schafft, so dass man wieder eine halbe Packung über hat. Das ist aber kein Zustand so für auf Dauer, denkt man sich, aber was will man machen (?), man kann sich selbst Freunde einladen, manchmal laden sich auch Freunde selbst ein, das ist dann schön, denn wenn Freunde dann `ne halbe Packung essen, dann ist man wieder bei natürlichen Zahlen an vollen Chipstüten und kann in Ruhe schlafen gehen. Ich hatte eine halbe Chipstüte und es klingelte an der Tür.

Natalie hatte sich nämlich gedacht: das Blöde daran, abends keine Packung Chips zu haben, ist ja, dass man dann hungrig ins Bett gehen muss, oder etwas anderes essen muss, das ist aber kein Zustand. Man könnte sich einladen irgendwo, vielleicht sagt die Person aber, dass es heute nicht passt, besser dachte sie sich, wäre also einfach vorbeizugehen, war es vielleicht auch, denn hätte sie mich gefragt, hätte ich wohl gesagt, ich hätte keine Zeit, aber jetzt war sie halt da und hübsch durchaus und ich hatte nichts Besseres zu tun, jedenfalls nix wo ich mich zu tun hätte überwinden können.

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Die kleine Mücke und der kleine Fussel

von Anne Freytag

Es waren einmal eine kleine Mücke und ein kleiner Fussel, die beide unendlich traurig waren, denn keiner konnte sie leiden. Die Menschen sahen in der kleinen Mücke einen bösen Parasiten, der ihnen nicht nur Blut abzwackte, sondern auch noch schlimm juckende unschöne Hautirritationen hinterließ. Und der kleine Fussel war in ihren Augen nicht mehr als ärgerlicher Schmutz, den es zu beseitigen galt. Und so waren sie beide traurig und einsam.
Eines Tages ergab es sich, dass die kleine Mücke durch ein offenes Fenster in eine schöne Wohnung flog. Schrill surrend zog sie ihre Runden bis sie sich schließlich auf eine rote Wand setzte, um sich von ihrer langen Reise zu erholen. Mit knurrendem Magen schaute sich um. Sie hatte seit ein paar Tagen nichts gegessen, weil sie bei den Menschen beliebter werden wollte. Mit wenig Erfolg. Denn jedes Mal, wenn einer ihren Gesang vernahm, wedelte er hektisch mit den Armen oder versuche sie mit der flachen Hand an der Wand zu zerquetschen. Manchmal nahm sie sich vor, einfach nicht mehr auszuweichen, wenn das nächste Mal eine riesige Hand auf sie zuschießen würde, doch dann waren ihre Instinkte doch jedes Mal schneller. Sie saß also da, mit knurrendem Magen und schwerem Herzen. Ihre Flügelchen hingen schlaff an ihr herunter. Ein fürchterlich lautes Geräusch ließ sie kurzzeitig erstarren. Es war dieses abscheuliche Ding, mit dem Menschen Staub vernichteten.

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Henry und Grace

von Chloé-Emmaline Cingöz

Vor jar nich allzu langer Zeit, also quasi neulich, da zog sich so ‘ne Jeschichte inna Plattenbausiedlung zu. Familie Knödel, nicht unbedingt ‘ne klassische Vorzeijefamilie, war mal wieder knapp bei Kasse.

Mutti Knödel (Mändy) hat jerade ihrn Job valorn und Vati Knödel (Ronny) konnte mit seim Jehalt keene vierköpfije Familie plus Hund, alleene anährn.
Es jab da ooch ‘n langet hin und her mit’m Amt, aber weil die nich zu Pötte kamen, wurde ditt Essen inna Zwischenzeit knapp.

Eines Abends, als die Kinder im Zimmer mit’m Chättn uff Facebook beschäftigt warn, kam Ronny uff ‘ne Idee.
››Du, Muttern. Ick sag ditt jetze wiet is. Wir sind völlig Pleite. So Pleite, dass wa nüscht mehr zu futtern ham. Jedenfalls nich jenug für vier undn Hund.‹‹
››Ick wees Vattern, ick wees.‹‹ Antwortete Mändy.
››Nun. Ick hab mir da ma so ‘n paar Jedanken jemacht und gloobe, dass ick ‘ne Lösung für ditt Problem hab!‹‹, sprach Ronny weita. ››Und? Azähl! Spann ma nich so uffe Folter, ey!‹‹, motzte Mändy barsch.
››Also, laut meina Berechnung, hamwa noch jenug Futter für zwee von uns. Der Köta frisst ja eh jeden Müll vonna Straße. Den zähl ick nich dazu. Jedenfalls bleibt uns nüscht andret übrig, als die Kinder loszuwerden. Sonst jehn wa noch alle druff!‹‹

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