BigTalkMonster

von Adina Wilcke

„Ich habe drei Geschwister, studiere Kulturgeschichte und in meiner Freizeit, da bin ich im Theater zu finden und wenn ich etwas suche bin ich auf Ebay.“ „Ich bin Einzelkind, studiere Elektrotechnik und zu finden braucht man mich nicht, denn ich bin meistens vor meinem PC und meine bevorzugte Suchmaschine ist meine Mutter.“

Smalltalk. Überbewertet. Seit Stunden sitzen wir nun hier und verbrauchen Sauerstoff, der sich längst verflüchtigt hat so dass wir nur noch das Ausatmen des anderen einatmen. Vor dir steht dein drittes Bier. Meins hingegen ist schon warm und ich sehe wie sich langsam ein kleiner Flaum am Boden meines Glases bildet. Bevor mich die Faszination des abgestandenen Getränks ganz übermannt, werde ich mit deinem Räuspern in die unangenehme Stille zurückgeholt.

Es hat ja ganz nett begonnen. Die Zeit ist auch im Nu vergangen. Vier Stunden sind doch nichts, wenn ich dir zuhöre wie du sprichst. Doch langsam, puh wie soll ich sagen… Die Luft ist raus. Besser gesagt die Luft steht! Am Anfang kämpft man noch um das Wort, hört aufmerksam zu, versucht bei jedem Thema seine Meinung kundzutun und sucht die überbewertete Gemeinsamkeit. Man schweift ab und hält sich krampfhaft am Schweif des Schaukelpferdes namens Smalltalk fest. Das trotz aller Bemühungen nicht vom Fleck zu kommen scheint. Unsere Gläser heben und senken sich schon im gleichen Rhythmus und ich frage mich ob Synchrontrinken ansteckend ist. Während ich anfange mir selber zuzuhören, eine peinliche Anekdote nach der anderen aus meinem Leben erzähle, meine Wangen dabei vor Scham leicht rot anlaufen, ich es unwillkürlich auf das Bier schiebe, du höflich schmunzelst, dabei deine Nase zu einem Schaumbad in dein viertes Bier senkst und ich mir denke: „Gut, hätten wir die Strategie Humor-belebt-den-Smalltalk auch probiert“, werde ich aus deiner Gegenwart gerissen.

Ein metallisches Klirren dringt an mein Ohr. Es hört sich an als würden große Metallstangen gegeneinander geschlagen werden. Mein Blick streift dein Handgelenk an der eine Art Kette hängt, ich folge ihr und drifte ab. Ganz knapp an deinen Worten vorbei. Unwillkürlich unterdrücke ich einen Schrei. Das Ende der Kette befindet sich hinter deinem Rücken. Ich traue meinen Augen nicht. Dort türmt sich ein riesig großes Ungeheuer auf, das du krampfhaft an der kurzen Leine, in dem Fall an einer Kette, hältst. Es windet sich und zerrt vergebens an ihr. Es reißt das Maul auf um zu schreien, aber kein Laut verlässt seinen Mund, als hätte man seine Stimmbänder entfernt. Wütend stampft es auf und versucht sich zu befreien. Doch es ist dir total unterlegen. Eingeschüchtert und verschreckt sitze ich da und ringe nach Luft. „Was ist hier los? Was ist das für ein Monster und vor allem welches Monster sitzt mir hier gegenüber und trinkt seelenruhig sein Bier?“

„Adina, alles in Ordnung?“, deine Stimme klingt auf einmal so befremdlich. Ich bin entsetzt und verstört zu gleich. Mühevoll ringe ich nach Worten. „Ich habe drei Geschwister studiere Kulturgeschichte und in meiner Freizeit –‘‘, ich stocke. Wo sind die richtigen Worte? Das sind nicht die Worte die ich sagen wollte! Nochmal. „Ich habe drei Geschwister studiere – ‘‘ Mir hat es im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. „Alles in Ordnung? Nun, wo waren wir? Wie findest du eigentlich das Wetter heute?“ Hallo?! Hinter dir steht ein Ungeheuer, dem du Ketten angelegt hast und du redest über das Wetter??? Ich konnte es nur denken, so gern würd ich es sagen, aber meine Sprache war nicht da für mich.

Ich ziehe Zettel und Stift aus meiner Tasche und schreibe dir meine Gedanken auf. Skeptisch liest du meine Worte, faltetest den Zettel zusammen und steckst sie dem Ungeheuer ins Maul, der meine Worte gierig herunter schlingt. „Was willst du mir damit sagen? Jeder hat doch ein Bigtalk-Monster. Nicht auszudenken was passieren würde, wenn ich ihn nicht in Ketten lege.“ Fassungslos starre ich meinen Gesprächspartner an und merke, dass der Smalltalk nun doch nicht mehr so klein war. Ich wünsche mir die unangenehme Stille von vorhin zurück. Aber stattdessen, lockert mein Gegenüber die Kette und bekommt einen unkontrollierten Redeschwall. Ich verstand nun. Ehrlich gesagt, wollte ich das alles gar nicht wissen. Seine Selbstoffenbarung kann er ruhig für sich behalten und in Ketten legen. Das ist mir zu deep. Ich wollte doch nur auf ein Bier und Zeit tot schlagen. Nicht die tiefsten Gedanken einer flüchtigen Bekanntschaft kennenlernen.

Ruhe. Ruhe! Ruhe!!! Schreie ich und halte mir die Ohren zu. Auf einmal wird es ganz still um mich. Jedes Geräusch verhallt in der endlosen Leere des Moments. Nur ein leises Keuchen, ein schweres Atmen, nehme ich hinter meinem Rücken war. Mich durchzuckt ein schrecklicher Gedanke. Wie ferngesteuert fällt mein Blick auf mein Handgelenk. Langsam drehe ich mich um und sehe meinem Monster in die Augen. Flehend sieht es mich an. Auch mein Ungeheuer kann kein Wort von sich geben. Somit lese ich es in seinen Augen, den Schmerz und die Furcht vor der Kette. Meine Gedanken überschlagen sich förmlich. Ich konnte aber wollte ihn nicht befreien. Meine Angst vor einem Bigtalk, der mich vollends entblößen könnte, war zu groß. Ich drehe mich wieder zu meinem Bier und Gesprächspartner. Lächelnd sehe ich dich an. Hebe mein Glas. Du tust es mir gleich. „Ich habe drei Geschwister, studiere Kulturgeschichte und in meiner Freizeit, da bin ich im Theater zu finden.“


Über die Autorin:

Adina Wilcke

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Adina Wilcke, schreibt weil sie lesen kann. Liest weil sie sich Ohren leiht. 1987 geboren in Berlin, aufgewachsen in Wien. Vagabundin des Lebens. Schauspielausbildung genossen. Als Slammerin, Autorin, Schauspielerin und Regisseurin tätig. Veröffentlichte schon zahlreiche Kurz-Theaterstücke. Ebenso schrieb sie schon Musicals, Hörspiele und Drehbücher. Sie setzt ihre Texte mit 180% um, dreht immer voll auf und flüchtet sich stets ins Rampenlicht. Sie verliert sich in der Kunst um sich dort zu finden. Sucht stets des Tages schönsten Moment. Ihr wird so einiges nachgesagt. Die Gerüchte stimmen prinzipiell (nicht).























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