An Tagen wie diesen

von Sandra Da Vina

Tag 1

Ich menstruiere hart. Ekelhaft! Eine ganze Filmnacht „Saw“ Teil 1-7 könnte nicht im Ansatz audiovisuell rekonstruieren, was sich derzeit in meiner Buchse tut. Vielleicht eine ganze Filmnacht „Saw“ Teil 1-7 und der Kinderklassiker „Die Abenteuer von Elmo im Grummelland“. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Fakt ist: Meine Tage kommen immer so überraschend, wie Weihnachten und Männer in Pornos. Den restlichen Zyklus bin ich meist davon überzeugt, dass ich auf jeden Fall mit Drillingen schwanger bin. Selbst dann, wenn der letzte Sexualkontakt nur darin bestand, dass ich bei H&M einen noch warmen BH anprobiert habe. Was auch ziemlich ekelhaft ist, wenn man mal drüber nachdenkt. Aber auch ein bisschen kuschelig.

Tag 2

Alles tut mir weh. Einfach alles! Alles – außer meiner Augenbrauen. Freunde und Bekannte, die bei Facebook nicht schnell genug offline sind, kläre ich via Instagram über meine körperlichen Leiden auf. In Sepiatönen erreicht der visualisierte Ekel eine neue Dimension. Keine Frage, es geht zu Ende mit mir! Nach zehn Packungen Paracetamol 500 und 18 sorgsam abgezählten MAOAM-Cola-Krachern (Aufpassen! – Da holt man sich schnell eine Überdosis!) habe ich endlich ein Schmerzlevel erreicht, auf dem ich dem RTL-Abendprogramm wieder folgen kann. Joachim Gerner macht mich bei GZSZ so wütend, dass ich den Fernseher mit dem Couchtisch auswerfe. Ich fühle mich besser.

Tag 3

Ich fühle mich scheiße. Der Spiegel verrät mir, dass ich hässlich bin. Ich beschließe ihn nicht mehr zu abonnieren. Ich weine dennoch ein bisschen. Dann fixier ich meine faltige Stirn mit ausreichend Haarspray. Das trocknet auch die Tränen.
Ich gehe zur Arbeit. Ein grober Fehler! Mein Kollege Robert fragt mich im Büro, ob ich meine Tage habe. Ich weiß nicht, wie der darauf kommt. Eben noch hatte ich ein pädagogisches Gespräch mit dem Kopierer geführt, der sich bereits den ganzen Vormittag relativ frech verhalten hatte. Von meinem Geschrei wurde Robert geweckt, in seinem Gesicht hing noch ein verwesendes Stück Schnitzelbrötchen vom Frühstück. Von vor drei Tagen. Und während er mir beim Reden ein olfaktorisches Horsd’oeuvre aus panierten Schlachtabfällen entgegen spie, gipfelte mein bürokratischer Unmut in einer kleinen Prügelei mit dem Kopierer. Der Kopierer verlor Tinte, ich ein paar Fußnägel.
„Sag mal, hast du deine Tage?“, fragte Robert in alter Drei-Fragezeichen-Manier. Als nächstes hat er dann gefragt, ob sich jemand mit Brandwunden auskennt. Ich kann mit meinem Taschenfeuerzeug erstaunliche Dinge vollbringen. Habe ich damals in der Zirkusschule gelernt. Grundkurs 4: „Freudenfeuer: Alles kann brennen, außer es brennt nicht!“ Robert konnte brennen.

Tag 4

Trotz reichlicher Routine gestaltet sich der Tamponwechsel wieder ziemlich kompliziert. Vor allem, weil ich ja gar kein Blut sehen kann. Ich mache es einfach, wie damals im Matheunterricht und gucke nicht hin. Das vereinfacht die Sache nicht wirklich, liefert aber eine Erklärung dafür, warum es auf Frauenklos immer so aussieht, wie am Set von „Haus der 1000 Leichen“. Das war ich.

Tag 8

Die Lage hat sich wieder etwas entspannt. Ich bin beinahe ausgeglichen. Ja, vielleicht schon glücklich. Mein Leben sickert wie das Arte-Vorabendprogramm in sanften Pastellfarben an mir vorbei. Ich lächele debil und frage Robert, ob es seinem verbrannten Arm etwas besser geht. Er grunzt verängstigt. Manchmal glaube ich, dass Robert depressiv ist. Ich schreibe ihm eine Mail mit dem Betreff „Yolo“ und einer liebevollen Auswahl von süßen Katzenvideos auf YouTube. Als Robert in Tränen ausbricht, erfahre ich, dass sein Lieblingskater Boromir erst gestern vom Bofrost-Auto überfahren wurde. Ich versuche die Situation zu retten, indem ich Robert ein Video von einem Alpaka schicke, das den Gangnam Style tanzt. Robert mag keine Alpakas. Das macht ihn wieder merkwürdig.

Tag 12

Eisprung. Ich habe gelesen, dass sich Frauen in der Zeit um den Eisprung besonders zu rebellischen und gutaussehenden Männern hingezogen fühlen. Ersteres kann ich bestätigen, ich hatte warme Gefühle in mir, als ich Bilder von Kim Jong Un im Fernsehen sah.

Tag 18

Kaum bin ich aus dem Gröbsten raus, macht sich auch schon das prämenstruelle Syndrom bemerkbar. Mein Leben fühlt sich an, wie eine CD von Philipp Poisel. Ich rede auch schon so. Morgens frage ich Robert im Büro, wie ein Mensch das ertragen soll.
Robert fragt: Was denn?
Ich sage: Das Leben, Robert, das Leben.
Robert zuckt mit den Schultern. Ich würde ihm gerne sagen, dass ich heimlich in ihn verliebt bin. Aber das weiß ich selbst erst seit gerade eben. Stattdessen male ich bei Paint blumige Bilder von unseren gemeinsamen Kindern. Ich bin heute ganz schön verträumt, und als Robert sich überraschend von hinten nähert, pupse ich vor Schreck. Das mit den Kindern hat sich damit erledigt.

Tag 23

Heute früh ist mir wieder aufgefallen, wie ausgesprochen scheiße der Robert ist. Das möchte ich ihm gerne zur Begrüßung mitteilen. Weil ich finde, dass ein bloßer Mittelfinger meine empfundene Abneigung nicht hinreichend ausdrücken kann, zeige ich ihm einfach alle meine Finger. Robert missversteht das ein wenig und winkt fröhlich zurück. Es hilft nur noch der Superlativ an körperlicher Beleidigung. Grundloses, effektives, erbarmungsloses STARREN. Nach fünf Minuten ist mein rechter Augapfel rosinenförmig eingeschrumpelt und verlässt langsam die Gesichtshöhle in Richtung Robert. Robert hat Angst, dass es gleich zu einem wörtlichen „Blickkontakt“ kommen könnte und verlässt den Raum. Glück gehabt.

Tag 25

Ich bin mir relativ und sehr sicher, dass ich schwanger bin. Immerhin habe ich diesen Monat einige nackte Gedanken an Robert gehabt. Meine fünfzehn extra gekauften Schwangerschafts-Früherkennungs-Tests widerlegen meinen Verdacht zwar, aber im Brigitte-Forum finde ich eine Handvoll alleinerziehende Öko-Muttis, die mir bestätigen, dass sie auch vom bloßen Gedanken an Sexualität schwanger wurden.

Tag 28

Oha. Ich menstruiere. So ganz ohne Vorwarnung. Das habe ich nicht kommen sehen. Und Robert sicher auch nicht. Ich werde ihm noch heute davon erzählen. Vielleicht ist er dann auch endlich mal nett zu mir. Wir Frauen haben es nämlich wirklich nicht leicht.



Über die Autorin:

Sandra Da Vina
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Besucht Sandra auch auf ihrem auf ihrem Blog dashatmirgeradenochgefehlt.blogspot.com und auf ihrer Facebook-Seite facebook.com/wortkonfetti.



















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