An einem Morgen im Sommer

von Daniela Gerlach

An einem Morgen im Sommer taucht ein kleines Mädchen am Strand auf. Unbeholfen stapft es durch den Sand, der rosa Plastikeimer in der rechten Hand bietet keinen Halt, schlenkert nur spielerisch neben ihm. Es ist kein Kind, über das Erwachsene in Entzücken geraten, ist nicht niedlich oder gar schon kokett, hat kein gewinnendes Lachen und keine frechen Äuglein, ist nur eine kleine Kreatur, und man fragt sich, warum sie einem leid tut. Wo sind die Eltern? Auch sie stapfen durch den Sand, schwer und behäbig, mindestens fünf, sechs Meter sind sie ihrer Tochter voraus. Der Mann, ein Goliath, trägt zwei Klappstühle und einen Sonnenschirm, die Frau, eine Goliath-Frau, trägt eine Plastiktüte und eine große Badetasche am ungelenken Körper. Im Fleisch sind sie sich ähnlich, die beiden: massig umschließt es ein grobes, hohes Skelett. Sie bewegen sich langsam, als wären sie schon müde, und aus dieser Müdigkeit heraus kommt ein Blick, auch da ähneln sie sich, ein Blick, als würde sie das hier alles nichts angehen. Dieser Sommermorgen, ein Morgen am Meer.

Man hört Rufen und Lachen von irgendwo, jemand klatscht in die Hände, zwei junge Frauen gehen gerade vorüber, sie unterhalten sich angeregt. Ein Junge rennt mit einer Schippe in der Hand, kreischt, quietscht vor Vergnügen, als die größere Schwester hinter ihm her rennt. Ganz in der Nähe entsteht eine Sandburg mit richtigen Wassergräben, ein älterer Herr sitzt auf einem Stuhl und lacht ins Mobiltelefon.

Wo ist sie, die kleine Maus? Endlich angekommen bei den Eltern, steht sie da und sieht von einem zum anderen. Der Vater rammt den Sonnenschirmstiel in den Sand. Die Mutter breitet ein Handtuch aus, wirft die Tasche darauf, dann setzt sie sich auf den Klappstuhl und zündet sich eine Zigarette an. Die Kleine tapst bis zum Wasser. Da kommt schon eine Welle angeschwappt, sanft, aber bestimmt umspült sie die winzigen Füße. Huuu, ist das kalt! Sie wedelt mit den Armen, dann sieht sie zurück, lächelt, steckt einen Finger in den Mund und wartet. Der Vater steht neben dem Schirm und raucht, die Mutter hat den Stuhl in eine andere Richtung gedreht und beobachtet die Leute am Strand. Zwei starre Leiber, kein Wort ist zwischen ihnen, keine Geste.
Sie geht ein paar Schritte. Ihr braunes Haar hängt lose herab, eine leichte Brise bewegt ein paar Strähnen um das weiße Hälschen, ob sie diese zarte Berührung spürt? Mit ihren Füßen erfühlt sie Kiesel und Muschelstücke im groben, nassen Sand, hoffentlich fällt sie nicht, sie läuft doch noch nicht lange. Die rotblau gestreifte Badehose hängt ein bisschen am Popo. Hei, da kommt wieder eine Welle angeschwappt, ob sie das freut? Sie geht weiter, noch ein paar Schritte, ganz schön weit schon. Der Vater steht noch neben dem Sonnenschirm, wirft seine Zigarettenkippe weg, schiebt mit dem Fuß ein bisschen Sand darüber. Die Mutter starrt aufs Meer, dann wieder zu den Leuten, die sich am Strand bewegen.
Das Mädchen tapst langsam zurück, mit wedelnden Armen versucht es, das Gleichgewicht zu halten, wird es nicht doch noch fallen? Es steuert direkt auf die großen breiten Beine des Vaters zu, kommt an, hält sich schnell fest. Sein Goliath-Schatten fällt über das Zwerglein. Er sieht kurz nach unten, dann starrt er wieder geradeaus. Was sieht er da? Was soll er da sehen?
Die Arme der Kleinen umschließen ein Bein des Vaters, nun lehnt sie sich mit dem ganzen Körper daran. Ihr Kopf berührt gerade mal sein Knie. Sie sieht zu ihm hoch, streckt einen Arm in die Höhe, dann eben nicht, sie sieht nach unten. Er bewegt nun das rechte Bein hin und her, wie zu einer Musik, zu einer Langeweile, zu einer Gedankenlosigkeit. Das linke Bein bleibt still, sonst würde er die Ärmchen abschütteln.

Der Sommermorgen geht zu Ende. Dann packen die Goliath-Eltern ihre Sachen zusammen, stapfen durch den heiß gewordenen Sand zurück Richtung Parkplatz. Das Mädchen ist ein paar Meter hinter ihnen. Dass der rosa Plastikeimer zurückgeblieben ist, hat es nicht gesehen.

Werde schnell größer, Kleine! Und dann bewege dich, lauf, Mädchen, lauf weg!

Über die Autorin:

Daniela Gerlach

Daniela Gerlach
Geboren im Ruhrgebiet der grauen Vorzeit. Wanderte zunächst nach Süddeutschland aus, um Literatur, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft zu studieren. Arbeitete als freie Journalistin, Werbetexterin und Ghostwriter. Wanderte dann richtig aus nach Südeuropa, um in ein anderes Leben einzutauchen.

Pendelt heute zwischen Pott und Spanien und weiß manchmal nicht, was schöner ist.

Veröffentlichte diesen Sommer ihren ersten Roman Revierkönige, eine humorvolle Geschichte aus dem Ruhrgebiet der 80er Jahre.
„Es sind nicht immer die großen Geschichten, die uns wirklich berühren und uns etwas geben, sondern die alltäglichen, scheinbar nebensächlichen Momente. Ein Blick, ein gehörter Satz, eine Fahrt in der Straßenbahn – hier liegt das Material, mit dem ich arbeite.“

http://twitter.com/@DaniGerlach

































One Comment

  1. Toller Text! Beschreibt ein bekanntes Bild, auch häufig in einer Großstadt zu sehen, in einer fesselnden Art und Weise!

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