Am heiligen Abend

von Martin Sieper

„Ja, du bist ja ein hübscher, ja, ja komm mal her, und wie groß du geworden bist.“
Mehrere schrumpelige Hände berührten mein Gesicht und petzten in meine Wange.
„Ich kannte dich noch als du soooo klein warst, erinnerst du dich noch? Erinnerst du dich noch?“
Natürlich konnte ich mich nicht erinnern, aber damit lag ich ja voll im Trend. Viele Menschen können sich irgendwann einfach nicht mehr erinnern: Helmut Kohl, Christoph Daum, katholischer Heimleiter…
„Hach, du kommst so nach deinem Opa, braun gebrannt ganz wie der Opa, als er nach vielen Jahren endlich aus der Gefangenschaft in Italien nach Hause kam.“
„Da sind wir immer in der Adria schwimmen gewesen“, fügte mein Opa hinzu.
Da waren 20 Jahre Gefangenschaft im Elternhaus aber schlimmer, dachte ich mir. Looser. Aber ich schwieg.
„Ich hab’ dir damals das Spuren lesen im Wald beigebracht, weißt du das noch, weißt du das noch?“
„Ja, das hat der Opa, ach die Oma freut sich!“ Und ich mich erst.
„Klar erinnere ich mich noch Opa, ich kann das auch noch immer gut gebrauchen, wenn ich morgens die WG verlasse um unser Essen zu jagen.“
„WG?“
„So was wie Stube Opa, nur dass wir nicht um 5 Uhr zum Frühsport der Hitlerjugend müssen.“
„Wir hatten doch damals nichts, wir mussten uns alles hart erarbeiten.“
„Ich hab auch nichts Opa, hat sich also nicht wirklich viel verändert.“
„Und um 5 müsst ihr aufstehen?“
„Nein Opa, heimkommen, heimkommen.“
„Ja ja, zu Hause ist es auch immer noch am schönsten.“
Und wie, kann mich kaum halten, Familienfeste waren wirklich unglaublich spannend. Ich sollte mir auch mal Hobbys zulegen, wie meine Geschwister, immer die passenden Ausreden zur richtigen Zeit. Ich könnte es mit lernen versuchen, lernen war immer gut, aber als Ausrede bereits zu sehr ausgereizt. Das glaubte mir niemand mehr. Nein, ich hatte kein Hobby, jedenfalls keines das man am Wochenende ausleben könnte. Zumindest nicht tagsüber.
„Opa, nun gib dem Jungen doch mal etwas Geld, es ist doch bald Kirmes“, und er griff in die Tasche und überreichte mir höchst feierlich…..2 DM. Ganze 2 DM, das waren ja ungefähr, 1 Euro, eher weniger, also ein halbes Bier vielleicht, einmal Autoscooter ein- und gleich wieder aussteigen, beim fliegenden Teppich eine halbe Umdrehung, mit Rücksicht auf die Eltern vielleicht eine ganze, wäre ja auch praktisch fürs aussteigen und so. In jedem Fall klangen 2 DM nach unglaublich viel Spaß. Ich überlegte kurz, ob ich ihn darüber aufklären soll, dass wir mittlerweile ein vereintes Europa hatten mit eigener Währung und so, aber da er es nicht verstanden hätte, beließ ich es dabei.
„Und du arbeitest jetzt in Marburg?“
„Ich studiere Opa, das ist irgendwie was ganz anderes.“
Es folgte eine kurze Abhandlung darüber, dass er ja schon mit 17 im Versorgungs-Bataillon der Wehr gewesen wäre, woraufhin ich zugab, dass ich mich auch immer ganz hinten verstecken würde, mit der Ausnahme, dass es bei mir nicht der Graben, sondern der Hörsaal war. Aber Brennpunkt ist Brennpunkt.
Irgendwann wurden dann die Gesellschaftsspiele ausgepackt, und wir erreichten den Siedepunkt, als mein Opa auf die Frage hin, welche Zeitung denn den alljährlichen deutschen Fernsehpreis verleihen würde, mit voller Überzeugung meinte: „Der Stürmer!“
In dem Moment herrschte peinliche Stille im Wohnzimmer. Zur Allgemeinen Auflockerung meldete sich dann auch noch mein Onkel zu Wort.
„Was wir brauchen ist nochmal so ne Baader-Meinhof-Bande, so ne richtige Baader-Meinhof-Bande, die in Deutschland aber mal so richtig aufräumt.“
Gott sei Dank klingelte in dem Moment mein Handy.
„Hast du auch so ein Funkgerät, Junge?“ „Das ist doch kein Funkgerät, wir haben früher noch so richtig gefunkt. Ich zeig’ dir mal was so ein richtiges Funkgerät ist.“ Er griff in sein Sakko und holte das erste überhaupt am Markt erhältliche Handy in den Maßen 30×10 cm zum Vorschein.
„Das ist ne schööööne Tastatur, ne schöööne große Tastatur hat das.“
Mein Opa liebte sein Handy, wobei ich der Meinung war, dass dieser Totschläger den Begriff Handy in keinster Weise verdient hatte. Aber er war glücklich, wenn man es bewunderte.
„Hast du eigentlich ’ne Freundin?“, meine Oma schaltete sich wieder ins Gespräch ein.
Nein, hatte ich nicht.
„Und wer macht dir dann die Wäsche?“
„Meine Putzfrau Oma, was denkst du denn?“
„Du hast ’ne Putzfrau??“ Ich fiel von einer Ohnmacht in die nächste.
„Na klar Oma, welcher Student hat keine Putzfrau? Irgendwie müssen die Semestergebühren doch versenkt werden.“
„Die ganze Munition haben sie im Bodensee versenkt, die ganze Munition!“
„Oh toll Opa, bist du da auch schwimmen gewesen?“ Er schwieg.
„Und was machst du so in deiner Freizeit?“
„Einiges Oma, letzte Woche bin ich einer internationalen Terrororganisation beigetreten.“
„Zum Englisch lernen?“
Ganz genau.
„Ach, ich find’ das toll Junge, soziales Engagement ist so unglaublich wichtig heutzutage. Und welche Ziele verfolgt ihr so?“
„Heiliger Krieg, Oma, heiliger Krieg.“
„Es ist so schön zu sehen, dass ihr jungen Leute heute noch euren Weg zum Glauben findet.“
Ich überlegte kurz, ob ich von genau diesem Glauben abfallen sollte, aber verwarf den Gedanken sehr schnell wieder.
„Ich war auch im Krieg!“, protestierte mein Opa.
„Opa, Hallooo, du warst in der Adria schwimmen. Wenn, dann war das lediglich ein kriegsähnlicher Zustand.“
„Sagt wer?“
„Na, unsere Kanzlerin.“
„Die kommt doch von drüben, von drüben kommt die doch! Dem Honecker habt ihr doch auch nicht jeden Scheiß geglaubt!“
Ich war etwas irritiert. „Opa, erstens gibt es heute kein ihr und wir mehr. Und zweitens, wieso überhaupt ihr? Ich komm doch gar nicht aus den neuen Bundesländern!“
„Aber du studierst in Marburg,“ sagte er verärgert, „Kommunisten seid ihr, alles Kommunisten!“ Er stand auf, hob seinen heiligen Holzgehstock in Bambus-Imitation in die Höhe und schlug damit mit voller Wucht auf die Erde. Ich musste lachen, da das ganze aussah wie eine Sequenz aus Herr der Ringe – die zwei Türme. Untermalt wurde alles von einem schrillen Signalton, der von seinem Hörgerät ausgesendet wurde.
„Na Gandalf, Befehl von ganz oben oder ist der Ring in Gefahr?“
Ich hatte auf jeden Fall meinen Spaß, nur meine Mutter schaute in unregelmäßigen Abständen böse zu mir herüber. Ich fand das unfair, da man ja als Kind auch ständig verarscht wurde, und außerdem hatte ich mir den Kommentar darüber, dass sein geliebter Gehstock mittlerweile von Nordic Walking verdrängt wurde, unterdrückt.
An diesem Tag beschloss ich, meine Familie in Zukunft viel häufiger zu besuchen, da ich mir den Spaß auf keinen Fall mehr entgehen lassen wollte. Nach einer Partie Tabu, die allerdings sehr schnell vorbei war, da mein Vater die zu erklärenden Begriffe grundsätzlich mit den Worten umschrieb, die ebenfalls auf den Karten standen, wurde irgendwann das Essen serviert und ein erfolgreicher Familientag neigte sich langsam dem Ende entgegen.

Über den Autor:

Martin Sieper

Martin_Sieper

Kurzgeschichtenautor, Bühnenpoet und “Poetry Slammer” aus Marburg an der Lahn

im November 2009 trat er das erste Mal auf der kleinen Marburger Lesebühne in der Bierkneipe “Schlucke” vor 40 nicht-zahlenden, alkoholisierten Besuchern auf

in den darauf folgenden Jahren gewann und verteidigte er den Titel als Vize-Hessenmeister und qualifizierte sich mehrmals für die deutschsprachigen Meisterschaften

Mehr über Martin Sieper und seine veröffentlichten Werke erfahrt ihr auf Facebook und seinem Blog.





















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