… und was kann man damit später mal machen?

von Alex Burkhard

»Und was kann man damit später mal machen?«, fragt das Mädchen.
»Na ja«, sage ich. »So genau kann man das nicht sagen. Man hat halt einen Uni-Abschluss, und dann sieht man weiter.«
»Aha«, sagt das Mädchen und geht.
»Wie war das?«, frage ich meine Dozentin, die neben mir am Skandinavistik-Stand steht und mit der zusammen ich am Tag der offenen Tür der Uni für das Fach werben soll.
»Besser«, sagt sie. »Besser. Immerhin hast du dieses Mal den Uni-Abschluss erwähnt.«
»Ja«, sage ich. »Und ich habe es vermieden, die Worte ›beschissen‹ und ›Bachelorstudium‹ zu kombinieren.«
»Ja, du bist auf dem richtigen Weg.«
Warum ich hier stehe, weiß ich nicht so genau, vermutlich hat es etwas mit der Hiwi-Stelle zu tun, die ich seit Kurzem inne habe, und mit den Pfefferkuchen, die an unserem Stand ausliegen, um potenzielle Erstsemester anzulocken.
Warum ich schon kurz nach Studienbeginn eine Hiwi-Stelle habe, weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht haben sie mein schon lichter werdendes Haar gesehen und dachten, ich sei bereits in meiner Abschlussphase. Oder es liegt daran, dass ich noch Magisterstudent bin und sie wissen, dass ich deshalb viel Zeit habe.

»Ich finde ja Wikinger voll interessant«, sagt ein Typ gerade zu meiner Dozentin. »Macht man bei euch auch so Wikingerzeug?« »Ja«, antwortet sie, »es gibt eine Einführung in die Literatur und Kultur des skandinavischen Mittelalters, da kriegst du das volle Programm. Wikinger, Sagas, Eddadichtung mit Riesen und
Trollen …« »Und was kann man damit später mal machen?«, fragt die
Mutter des Typen. »Man kann zum Beispiel an der Uni bleiben und forschen
oder eine Funktion im Literaturbetrieb übernehmen. Auch Übersetzer, gerade von wissenschaftlichen Texten, werden immer wieder gebraucht. Es gibt aber auch viele, die in die journalistische Richtung gehen.«
Irgendwie klingt das besser als das, was ich dem Mädchen vorhin gesagt habe. Trotzdem zieht die Mutter den Typen weg. Es scheint, als sei sie nicht der Meinung, dass sich sechs Semester beschissenes Bachelorstudium lohnen, wenn man danach auch noch selber schauen muss, welchen Beruf man wählen will.
»Mach dir nichts draus«, sage ich zu meiner Dozentin und reiche ihr einen Pfefferkuchen, »wir sind auf dem richtigen Weg.«
»Findest du? Warum flüchten dann immer alle zum Nachbarstand, wenn wir ihnen sagen, dass sie mit unserem Studiengang nicht Arzt oder Vorstandsvorsitzender von BMW werden können?«
Am Nachbarstand verteilen die BWL-… na ja, sagen wir mal Menschen essbares Geld. »Wir bringen Sie auf den richtigen Weg!«, steht auf dem Spruchband, das über ihrem Stand prangt. Dahinter ein Sternchen wie bei einer Werbung für den ultimativ günstigen Handyvertrag. Ein zweites, ungleich kleiner gedrucktes Sternchen an der Seite verkündet kaum noch lesbar: »Heute fressen Sie das Geld, später wird das Geld Sie fressen.«
»Ich finde ja Wikinger voll interessant«, sagt der Typ von vorhin dort gerade zu einem der Anzüge. »Macht man bei euch auch so Wikingerzeug?«
»Nein«, sagt der, »aber wenn wir mit dir fertig sind, kannst du dir dein eigenes Langschiff kaufen.«
»Das klingt doch toll, Typ«, sagt die Mutter des Typen.
»Bei uns lernst du, wie du Runensteine lesen kannst«, raune ich dem Typen zu und ernte einen mitleidigen Blick vom Nachbarstand. Aber noch gebe ich nicht auf: »Und wir feiern immer Midsommar im Englischen Garten, mit skandinavischen Liedern und Gerichten. Und im Winter das Luciafest … mit skandinavischen Liedern und Gerichten.«
»Wenn wir mit dir fertig sind«, sagt einer der Anzüge, »kannst du dir skandinavische Gerichte kaufen. Ach was, du kannst dir Skandinavien kaufen.«
»Das klingt doch toll, Typ«, sagt die Mutter des Typen.

»Entschuldigung«, sage ich plötzlich, denn mein Handy klingelt.
»Hallo, hier sind Felix, Volker, Sacha und Fabian. Uns ist zu Ohren gekommen, dass du schreibst und in dem Allgäuer Kaff, in dem du aufgewachsen bist, mal ein paar Texte vorgetragen hast, die gar nicht so scheiße waren. Willst du bei unserer Lesebühne mitmachen? Is’ echt voll geil!«
»Entschuldigung, wer ist da?«, frage ich.
»Felix, Volker, Sacha und Fabian. Aber Fabian brauchst du dir nicht merken, der steigt eh bald aus.«
»Warum das denn?« »Er wird in ’nem guten Jahr Vater.« Ich überlege kurz, doch auch danach macht es noch keinen
Sinn. »Und was ist eine Lesebühne?«, frage ich.
»Wir vier – und hoffentlich auch du bald – lesen einmal im Monat vor Publikum neue Texte vor, die wir selber geschrieben haben, meistens jeder zwei. Von den Texten her ein bisschen wie Poetry Slam, nur mit Stammbesetzung und ohne Wettbewerb. Is’ echt voll geil!«, sagen Felix, Volker, Sacha und Fabian. »Sind immer ziemlich viele Zuschauer und gute Stimmung und spätestens nach ’nem Jahr kann man auch alte Texte lesen, das merkt dann keiner mehr.«
»Das klingt doch toll, Alex«, sagt die Mutter des Typen, deshalb sage ich zu.
Ich weiß zwar nicht, wer Felix, Volker, Sacha und Fabian sind, aber sie klangen nett. Und viele Freunde habe ich noch nicht gefunden, seit ich zum Studieren hierhergezogen bin. Sebastian vielleicht, meinen Mitbewohner, aber der ist fast nie zu Hause.

»Es gibt aber auch viele, die in die journalistische Richtung gehen«, sagt meine Dozentin unterdessen zu einem anderen Anzug. Es erinnert mich ein bisschen an Age of Empires, als man seine Gegner, anstatt sie anzugreifen, mithilfe von Mönchen ganz einfach bekehren konnte.
»Und wusstet ihr«, springe ich ihr deshalb sofort fun-factend zur Seite und zitiere die Skandinavische Literaturgeschichte, »dass sich Ende des 19. Jahrhunderts viele skandinavische Künstlerkreise in Deutschland gebildet haben? Berlin war die Kultur- und Kunstmetropole, ›während Münchens Attraktivität eher in billigen Wohnungen, gutem Bier und Arbeitsruhe bestand.‹«
»Entschuldigen Sie, haben Sie gerade ›billige Wohnungen‹ gesagt?«, fragen ungefähr dreihundert Mütter von Typen auf einmal.
»Ja klar, nehmen Sie einfach die U133 ins Jahr 1880«, sage ich und nehme mir noch einen Pfefferkuchen.
»Alex, die sind nicht für dich«, sagt meine Dozentin.
»Wenn wir mit dir fertig sind«, sagt einer der Anzüge, »kannst du dir die U133 kaufen.«
»Das klingt doch toll, Typ«, sagt die Mutter des Typen.
Warum ich immer noch hier stehe, weiß ich nicht so genau. Vermutlich tut mir meine engagierte Dozentin leid und ich möchte sie nicht alleine lassen. Vielleicht halte ich mich aber auch lieber von Leuten umgeben in der Uni auf und esse Pfefferkuchen, als nach Hause zu gehen und zu merken, dass ich in der neuen Stadt noch fast niemanden kenne. Außer einen Mitbewohner, der fast nie zu Hause ist.

»Und was kann man damit später mal machen?«, frage ich meine Dozentin vorsichtig, als wir später wieder ungestört an unserem Stand stehen.
»Alex, ich habe seit ein paar Jahren meinen Abschluss, und statt sinnvoll zu forschen oder irgendwo Geld zu verdienen, stehe ich hier an einem Infostand für Skandinavistik rum«, sagt sie. »Sieht das aus, als hätte ich eine Antwort gefunden?«
Ich schätze, es wird also wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ich jemandem diese Frage beantworten kann. Aber ich bin Magisterstudent, ich habe also noch ein paar Semester dafür Zeit. Ich nehme mir einen weiteren Pfefferkuchen und laufe am BWL-Stand vorbei zur U-Bahn. Und ein bisschen fühlt es sich so an, als wäre ich trotz allem auf dem richtigen Weg.



Über den Autor und das Buch:

Alex Burkhard
Alex Burkhard








Geisteswissenschaftler, Hundebesitzer, Slam Poet, Bruder, Onkel, Enkel, Sohn, Peter Janickis Tetris-Konkurrent, Veranstalter, Marvin Rupperts Teampartner, Brettspiel-Vizemeister einer Spielerunde, BVB-Fan, Lesebühnenleser, Twitter-Verweigerer, Baseballjunkie, wird immer älter geschätzt, als er ist. Manchmal geht er auch einkaufen.

Auf http://alexburkhard.de/ erfahrt ihr mehr über Alex.

Das Buch
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… und was kann man damit später mal machen?

Liebevoll und versponnen beschreibt Alex Burkhard den Alltag eines Skandinavistikstudenten zwischen Gegen- wartsmeistern und Zukunftsfragen. Er konfrontiert seine Umwelt mit Cliffhangern, dem unerfüllbaren Wunsch nach einem Wüstenauto und vor allem mit sich selbst. In 26 Geschichten sucht der Münchner Autor und Slam- Poet die ultimative Antwort auf die entscheidende Frage nach seiner Zukunft. Mit einem höchst wachen Blick fürs kuriose Detail stolpert er von skurrilen Situationen mit Mitbewohnern und Freunden in Verlegenheiten mit Frauen, um am Ende bei viel wichtigeren Fragen zu landen. Ein komischer Autor, den es unbedingt zu studieren gilt – egal, ob man schon mal in einer Uni war oder anderweitig nichts gelernt hat.” – Sagt der Klappentext.

Das Buch erscheint am 01. November 2013.



















































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