Wir können Klöße machen – die Welt steht uns offen

von Peter Janicki

Meine Freundin und ich, wir wollten die Weltherrschaft übernehmen, also, um genau zu sein: Ich Weltherrschaft, sie Haushalt. Dachte mir: für Weltherrschaft machen, mach ich doch erst noch mal ein Praktikum – in ´ner Terrororganisation, nur mal so zum Beispiel. Im Vorstellungsgespräch wollte ich aber nicht meinen echten Namen sagen, sonst kriegt man ja auch immer Werbung und E-Mails und so, deswegen Geheimidentität: behauptete ein farbiger jüdischer Hase arabischer Herkunft zu sein. Ich nannte mich „Hase L.-Nussbaum“, hatte dann aber schnell den Spitznamen „Nutella“ weg.

Durfte aber nur in die Nachwuchsorganisation. Und während die Erwachsenen, sozusagen die Ü20 Terroristen, Paketbomben verschickten, durfte ich halt nur … na ja, was halt U20 Terroristen verschicken dürfen: Postkarten. (War aber trotzdem nicht ganz umsonst, immerhin lernte ich Martin Sieper kennen, der war da aber nur zum Englisch lernen). Ich war ziemlich beleidigt und ich kann das gut.

Deswegen klaute ich der Terrororganisation ihr Maskottchen und schickte es an meine Freundin. Ich wollte nämlich schon immer mal ein Haustier haben und ich mag Delfine. Nicht so sehr mag ich: mich um Delfine kümmern. Aber wäre ja nicht meiner. Terrororganisation bekam den Delfin-Diebstahl mit und war sauer. Sie sagten, sie würden sich rächen und schmissen mich raus. Ich nahm den nächsten Flieger nach Deutschland und meine Freundin holte mich am Flughafen ab. Ich mag Sex an ungewöhnlichen Orten und deswegen nutzten wir die Gelegenheit: Hannover. Mmh.

Zu Hause dann bekam ich Pommes Rot-Weiß und meine Freundin sagte so Dinge wie: „Mayonnaise: Schlagsahne des Mannes“. Und als ich fertig gegessen hatte, hatte sie bereits die Küche sauber gemacht, das kannte ich nicht von ihr, das verwirrte mich. Aber erst schauten wir nach dem Delfin. Es ging ihm gut, es ist auch gar nicht so ein großer Aufwand sich um Delfine zu kümmern. Viele Menschen und Naturschützer glauben ja, dass Delfine viel Wasser brauchen. Das ist Quatsch. Unser Delfin trank höchstens fünf Liter am Tag. Auch brauchte er gar nicht so viel Platz, bewegte sich kaum in seinem Käfig. Trotz der Kletterbäume und der Kratzstange. Das Wechseln des Delfinstreus war nervig, aber ok, das gibt es ja auch bei Katzen. Für mich sind Delfine deshalb die Geheimtipps unter den Haustieren.

Es war wirklich schön, wieder daheim zu sein und viele tolle Sachen machen zu können. Zum Beispiel wissen viele Menschen nicht, dass Waschmaschinen Wet-T-Shirts machen. Meine Freundin hatte das aber irgendwo mitbekommen. Schön. Auch schön: davon kann man sich erkälten, und dann kriegt man erhöhte Temperatur. Ich mag das, wenn meine Freundin etwas erhöhte Temperatur hat. Das ist schön warm beim kuscheln.

Das Verhalten meiner Freundin – so total nett und so – verwirrte mich sehr. Ich dachte an einen Tumor in ihrem Kopf und kaufte mir deswegen ein tragbares Röntgengerät. Als sie schlief röntge ich sie sehr gründlich. Sie hatte aber keinen Tumor im Kopf. Schade eigentlich, denn wenn es z. B. ein schnell wachsender Tumor gewesen wäre, dann hätte man ein spannendes Daumenkino aus den Aufnahmen machen können und dann hätte ich auch schon ein Geburtstagsgeschenk. So war es natürlich auch ein Daumenkino, aber halt recht langweilig … Den Delfin hatte ich natürlich auch geröntgt und Überraschung: da war ein Sprengsatz drin. Krass.

Beides zusammengenommen kam ich zum Schluss, dass ich nachdenken sollte, ich dachte also nach, das hatte ich mir ja gedacht und dann dachte ich mir, dass mir meine Terrororganisation wohl eine Freundin, quasi eine Doppelgängerin untergejubelt hatte: eine Terroristin! Bestimmt sollte sie mit dem Delfin einen Terroranschlag verüben. Ein weiteres Indiz für Doppelgängerin, welches mir, erst jetzt wo ich drauf achtete, auffiel war auch, dass sie eigentlich auch ganz anders ausschaute, als meine echte Freundin. Aber auch sehr attraktiv, wahrscheinlich war mir das deshalb nicht direkt aufgefallen.

Ich wollte aber nicht, dass der Delfin für einen Terroranschlag explodierte. Deswegen tauschte ich ihn gegen einen Doppelgänger aus. Ich entschied mich für einen Thunfisch, weil die ja Delfinen recht ähnlich sehen. Den Delfin versteckte ich in meinem Zimmer. Ich klebte ihn auf das Poster mit dem Sonnenuntergang über dem Meer. Da fiel er nicht so auf.

Als wir dann abends aber gemütlich auf dem Sofa lagen und schmusten, da fiel der Delfin von der Wand. Das war recht laut. „Scheisse“, dachte ich mir, „hätte auf den Mann im Baumarkt hören sollen“, der hatte mir nämlich davon abgeraten, den Delfin mit Post-Its-zu befestigen, aber ich dachte mal wieder, dass ich voll schlau wäre und deswegen trotzdem Post-it. Auch weil ich ja witzig finde, dass Post-It auch die Web-Adresse der Italienischen Post ist. Da muss ich immer schmunzeln, wenn ich dran denke.

Wie auch immer. Meine Freundin stellte mich zur Rede wegen dem Delfin und dem Thunfisch und so weiter und das war nicht angenehm. Ich mag keine Klärungsgespräche. Wie auch immer, sie verließ mich. Das war sehr traurig für mich, denn ich mochte sie ja sehr.

Ich schaute ihr beim Auszug zu, merkte mir viele Einzelheiten, machte mir davon quasi einen inneren Film, weil, dann könnte ich ihn bei Gelegenheit in meinem Kopf rückwärts laufen lassen und wenn ich den Film rückwärts laufen lassen würde, dann würde es so ausschauen, als würde sie einziehen, da würde ich mich drüber freuen. Aber erst mal war ich traurig. Vielleicht würde ich nun jahrelang einsam sein.

Mein Handy piepte, Erinnerungsfunktion: „Theresa anrufen und eine Telefonnummer.“ Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, wer Teresa war, als mein Handy wieder piepte: „Sie ist hübsch und kann super kochen.“ Ich beschloss die Nummer zu wählen. Ich erkannte die Frau am anderen Ende der Leitung und sagte: „Hallo Mama“, sagte ich also, “toll dass Du diese Erinnerungsfunktion bei mir eingebaut hast…“ „Ja“, sagte Mama, „sonst rufst Du ja nicht an“. Bei der Gelegenheit erzählte ich ihr auch das mit meiner Freundin. Sie fragte mich, was man denn so tue, wenn man etwas verloren hätte und ich sagte, dass ich aber gerade kein Geld hätte und „Papa will auch nix geben“. „Nein“, sagte sie, „das andere.“

Ich rief also im Fundbüro an, und tatsächlich: Meine Freundin war da. Sie war ein wenig sauer, weil ich ´ne ganze Weile gebraucht hatte, um sie zu finden und da wusste ich, dass sie die echte Freundin war. Da war ich ein wenig traurig, aber auch ein wenig froh.



Über den Autor:

Peter Janicki

Peter_10_sw

Peter Janicki: arbeitet halbtags als Hofpsychologe mit Straftätern, zum Ausgleich als Holzfäller. Er interessiert sich für U-Boote, VWL, Schach, Pinguine, Kreuzworträtsel, Kartoffelchips und Tischfussball. Er findet folgende(s) großartig: Lewis Trondheim, Joseph Hansen, Guy Delisle, Joe Sacco, Peter und der Wolf Singer, Dr. Who, FSM, Philip K. Dick, Annette Löffler, 11 Freunde und die drei ???. Er war Bremer und Hamburger Landesmeister im Kanurennsport und behauptet einer der besten Minigolfspieler-Spieler Marburgs zu sein. Aktueller Tetris-Rekord: 54372 (Game-Typ B, Level 9). Gelegentlich tritt er auf Slams auf, hält Vorträge über Comics oder trinkt Kaffee. (Zwei Dinge sind gelogen).



















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